Johann Emil (gen. Hanny) Franke wurde am 2. September 1890 in Koblenz geboren. Er wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf, zu dem sein Vater Hubert Franke, Zugführer bei der Preußischen Staatseisenbahn, seine Mutter Margarethe sowie seine Schwester Elisabeth gehörten. Die ersten acht Lebensjahre verbrachte er in Koblenz, dann, als der Vater versetzt wurde, in Bernkastel und ab 1902 in Bingerbrück. Dort wurde bereits in der Schule sein zeichnerisches Können erkannt, eine Lehrerin unterstützte ihn mit Farben und Papier. Schon in diesen jungen Jahren zeigte sich zudem sein dann lebenslanges Interesse an Geschichte und Archäologie, unterstützt und gefördert von seinem in Trier lebenden Onkel, den er oft besuchen konnte. Mit ihm und von ihm lernte er alte Winkel, Ruinen, alte Bräuche und Sagen kennen. „Hier wurde mir das Gift der Romantik eingeimpft“, wie er selbst später dazu in seinen Lebenserinnerungen notierte (Franke, Erinnerungen, S.12).
Im Jahr 1904 wurde Franke mit mittlerweile 14 Jahren aufgrund seines künstlerischen Talents zu dem Binger Dekorationsmaler Max Schmolling in die Lehre geschickt. Bevor er dann später bei einem Kirchenmaler in Koblenz eine Anstellung fand, war er in Straßburg als Hofdekorationsmaler tätig. Mit Museumsbesuchen, Wanderungen in die Natur sowie Unterricht im freien Zeichnen und Malen gestaltete er seine freie Zeit. Er entschloss sich 1913 zum Besuch der Kunstgewerbeschule in Köln und fasste den Entschluss, sich der freien Kunst zu zuwenden. Der 1. Weltkrieg machte zunächst seine Pläne zunichte. Im Sanitätsdienst und später in der Fliegerabteilung nutzte er jede freie Zeit zum Zeichnen und Malen, mit Vorliebe für die Landschaftsmalerei. Für ihn war das Malen eine Möglichkeit zur Ablenkung von der Realität des Krieges (De la Cruz, S. 16).
In der Natur konnte er nach Kriegsende die Schrecken der vergangenen Jahre vergessen und „glückliche Tage mit Wandern und Ruhen, mit Malen und Träumen“ verbringen, so beschrieb er diese Zeit in seinen Lebenserinnerungen (Franke, S.62b).

Ab 1919 studierte er am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt. Sein Studium musste er selbst finanzieren, was durch den guten Absatz seiner eigenen Arbeiten möglich war. Er nahm Kontakt zum Kunsthandel auf und wurde von Karl Hilsfeld gefördert, dem Inhaber eines Kunstgewerbehauses und eines Verlags in Bingen (De la Cruz, S.20). Während des Studiums spürte Hanny Franke eine große Unsicherheit in Bezug auf die zeitgenössische Kunstauffassung. Er strebte eine eher naturalistische Landschaftsmalerei an. In zahlreichen Reisen und auch Ausflügen in die Umgebung hielt er seine Eindrücke in Bildern fest. In seiner Malerei ließ er sich von der Natur inspirieren. Für ihn waren die “eigene Seele und die Natur” richtungweisend (De la Cruz, S.35).
1922 heiratete er Margarethe Lhotka, die er an der Städelschule kennenlernte. Der gemeinsame Sohn Michael wurde 1927 geboren.
Hanny Franke versuchte als freier Künstler Fuß zu fassen, wurde Mitglied der Frankfurter Künstlergesellschaft und des Wirtschaftsverbands der Bildenden Künstler. Wirtschaftliche Versorgungsgrundlage waren der Verkauf seiner Bilder, aber auch Restaurierungsarbeiten und Auftragsarbeiten zum Kopieren alter Meister. Er unternahm Reisen ins Riesengebirge, nach Italien, aber auch in den Vogelsberg, die Rhön und den Taunus und hielt seine Studien nach der Natur in Zeichnungen, Aquarellen und Ölmalerei fest. „Seine liebenswerten, zeitweise dem Impressionismus nahestehenden Bilder“ bezeichnet Werner Lauter im Nachruf auf den Künstler als „subtile Nachbildungen der Natur, in denen der Künstler das transparent zu machen verstand, was jenseits der physisch-sichtbaren Wirklichkeit lebendig ist“ (Lauter, 1973, S.29).
Als 1929 in Bingen der 750. Todestag der Hl. Hildegard von Bingen (1098 – 1179) gefeiert wird, machte Hanny Franke in einer Veröffentlichung seine These publik, dass es sich bei einem auf dem 1516 geschaffenen Isenheimer Altar von Matthias Grünewald abgebildeten Kirchenkomplex um das Kloster Ruppertsberg der Hl. Hildegard von Bingen handele. Seine Beweisführung, die er anhand von alten Abbildungen darlegte, stieß auf großes Interesse (Lauter, 1973, 43f). In zahlreichen Veröffentlichungen, aber auch in Zeichnungen und Skizzen zeigte Hanny Franke darüber hinaus auch in den nächsten Jahren, welche Bedeutung das Kloster Rupertsberg für ihn hatte – bzw. alles, was mit der Hl. Hildegard von Bingen zu tun hatte. Er trug zudem in bedeutendem Umfang mit zum Gelingen der großen Hildegard-Ausstellung 1929 in Bingen bei. Aus seiner Sammlung von Kupferstichen, alten Grafiken und Zeichnungen konnte er mehrere seltene Stücke als Leihgabe zur Verfügung stellen (Lauter, o.A., S. 4f).
Die Zeit ab 1933 und dann während des 2. Weltkriegs war nicht einfach für Hanny Franke. Auch wenn er mit seiner eher traditionellen Kunstauffassung und seinem bevorzugten Thema der Landschaftsmalerei in die von den Nationalsozialisten propagierten Kunst passte, so distanzierte er sich von der NS-Politik und war nie Mitglied der Partei (De la Cruz, 2010, S. 46). Um sich abzulenken und zu beschäftigen, begann er 1944 seine Lebenserinnerungen zu schreiben (De la Cruz, 2010, S.58).
In seinen Lebenserinnerungen erfahren wir an nur wenigen Stellen von seiner Sammlung mittelalterlicher Handschriftenfragmente, die er als “Miniaturen” bezeichnet. So erwähnt er, dass er 1944 gemeinsam mit seinem Sohn Michael seine besten Studien, die mittelalterliche Miniaturensammlung sowie einige wichtige Kleidungsstücke nach Korbach brachte, um sie vor den Luftangriffen in Sicherheit zu schaffen (Franke, Lebenserinnerungen, S. 140). Das zeigt bereits, welch große Bedeutung diese Sammlung für ihn hatte. 1943 hatte er Dr. Anton Roth sowie dessen spätere Ehefrau Charlotte Roth-Wölfle kennengelernt. „Da ich frühe Holzschnitte, Pergamentminiaturen, alte Schriften und Dergleichen sammelte, unterstützten mich die beiden Freunde darin, auch sie sammelten.“ (Franke, Lebenserinnerungen, S. 124). Eine lange Freundschaft verband ihn mit den beiden, die in München ein Antiquariat betrieben.
Nach dem Krieg war Hanny Franke aktiv am Wiederaufbau des kulturellen Lebens in Frankfurt beteiligt, u.a. beim Berufsverband Bildender Künstler, im Beirat der Städelschule und durch Künstlerabende in seiner eigenen Wohnung (De la Cruz, 2010, S. 164). Als ständiger Berater kulturpolitischer Institutionen wirkte er maßgeblich und uneigennützig an der Erneuerung des Kulturlebens mit. Die erste Kunstausstellung nach dem Krieg im Städel kam nicht zuletzt auch mit durch seine Initiative zustande, so der Autor und Philologe Werner Lauter in seinem Nachruf auf Hanny Franke (Lauter, 1973, S.30).

Hanny Franke machte weiterhin viele Reisen, die er in seinen Lebenserinnerungen beschreibt und dabei eindrücklich die Schönheit und die Atmosphäre der Landschaften hervorhebt. Im Mai 1953 unternahm er mit seinem Freund Hans Bürer aus Emmendingen eine Fahrt nach Paris. Sie führte neben Museumsbesuchen auch zu den Bouquinisten am Seineufer, die alte Bücher, einzelne Pergamentblätter mit Illuminationen und schönen Initialen verkauften. Er schreibt in seinen Lebenserinnerungen: “Einige Stunden verbrachte ich mit Hans bei den Bouquinisten … Ich kaufte zwei kleine Stundenblätter mit schöner Schrift in Gold und Farbe. Auf einem war ein kleines Miniaturbild, 15. Jahrhundert. Wir bedauerten sehr, dass es uns infolge der Devisenbeschränkungen nur möglich war, ein Geringes zu kaufen.” (Franke, Lebenserinnerungen, Fahrt nach Paris)
In seinen Lebenserinnerungen machte Hanny Franke darüber hinaus keine weiteren Angaben zu seiner Sammlung der mittelalterlichen Handschriftenfragmente. Wir erfahren nicht genau, wo und wie er die einzelnen Objekte erworben hatte. Allerdings lässt sich einiges rekonstruieren (siehe Kap. 2.2.).
Die Sammlung wurde von Franke sorgfältig aufgelistet und dokumentiert (siehe Kap. 3.1.). Auf sieben Blättern hatte er 55 Einzelteile mit Nummer, mit dem Datum 27.11.– 29.11.1972 und der jeweiligen Überschrift „Miniaturen und Inkunabeln, Hanny Franke- Verzeichnis“ versehen. Diese Listen enthalten neben der Benennung, den Größenangaben und der Herkunftsregion auch Bemerkungen, soweit ihm hier Informationen vorlagen. In seiner privaten Bibliothek befand sich zu diesem Zweck Fachliteratur zur Buchmalerei im Mittelalter, auch speziell zu Initialen. So besaß er etwa Ernst Frischs „Mittelalterliche Buchmalerei“ oder Alois Schardts „Das Initial“ (Frisch 1949, Schardt 1938).
Die Blätter der Sammlung sind zumeist in gutem Zustand, aber oftmals beschnitten und als Fragment aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgenommen. Franke brachte die einzelnen Kunstwerke hinter Passepartout und auf notierte auf deren Rückseite, meist mit Bleistift, seine Angaben und Vermerke. Sie wurden alle in einer großen Sammelmappe zusammengefasst. Zwei der Blätter wurden allerdings – wohl von ihm selbst – in Bilderrahmen gebracht, so dass er sie in der Wohnung aufhängen konnte. Eine Streichholzschachtel aus dem Nachlass hatte Hanny Franke wohl selbst mit Ausschnitten aus mittelalterlichen Handschriften beklebt und diese dann auch praktisch genutzt. Darüber hinaus befindet sich ein einziges vollständiges Stundenbuch in seiner Sammlung.
1963 zog Hanny Franke mit seiner Familie von Frankfurt um nach Eschborn. Das generelle Interesse an lokaler Geschichte des Mittelalters zeigte sich auch hier. Seine zeichnerischen Rekonstruktionen der alten Turmburg aus dem frühen Mittelalter, um die herum sich der Ort entwickelte, sind ein Beispiel dafür (De la Cruz, 2010, S.69).
Hanny Franke starb am 15. Januar 1973. Seine Witwe, Margarethe Franke, gründete Ende 1973 im gemeinsamen Haus in Eschborn das „Hanny-Franke-Archiv“, verbunden mit dem Gedanken, den Nachlass ihres Mannes zur „Unterstützung öffentlicher Sammlungen und zur Information interessierter Kreise“ zu erfassen und auch auszuwerten (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1973). Das Archiv umfasste nicht nur die Fülle der eigenen Bilder und Zeichnungen. Seine Sammlung von Artefakten, wie z.B. antikes und mittelalterliches Glas, eine Anzahl von Votivbildchen sowie Fachpublikationen aller Art, eigene Veröffentlichungen, Fachliteratur zur Romantik und zur Kunst des Mittelalters, seine Skizzenbücher und die Lebenserinnerungen, sowie seine Sammlung von Kunst des 19. Jahrhunderts zeigen seine vielfältigen Interessen. „Von besonderem Umfang ist Hanny Frankes Miniaturen-und Inkunabeln-Sammlung mit Blättern aus mittelalterlichen Evangeliaren und Stundenbüchern“, hebt die Frankfurter Allgemeine Zeitung in diesem Zusammenhang hervor (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1973).
Als die Stadt Bingen im Jahr 1979 den 800. Todestag von Hildegard von Bingen feierte, zeigte sie in einer Ausstellung in der Stadtbibliothek die Zeichnungen und Skizzen von Hanny Franke zum Thema Kloster Rupertsberg und zu Hildegard von Bingen, ergänzt von den von ihm in Antiquariaten erworbenen alten Ansichten, Kupferstichen und Federzeichnungen aus dem Nachlass (Lauter, Ausstellung 9.12.1978 – 12.1.1979).
Das Mittelalter war für Hanny Franke eine vergangene Zeit, der neben der Romantik sein großes Interesse galt und an die er immer wieder Anknüpfungspunkte fand. Die Kunst des Mittelalters, die wir in der Ausstellung sehen, seine eigenen Zeichnungen von Burgen und alten Klöstern und vor allem seine Recherchen und Aufsätze zu Hildegard von Bingen zeugen davon.
1988 wurde der gesamte Nachlass dem Archiv und dem Museum der Stadt Eschborn übergeben. In Eschborn erinnert darüber hinaus eine nach Hanny Franke benannte 1982/83 angelegte städtische Grün-und Spielfläche von nahezu 19000 Quadratmetern an den Künstler und Sammler, was ihn auf besondere Weise auszeichnet und ehrt. Ein 40 Zentner schwerer Granitblock im Park mit einer Bronzetafel setzt ihm ein Denkmal (Lauter, In Memoriam, S. 6)
Rita Jacoby

