Als „Fragmente“ werden heute durchaus unterschiedliche Objekte zusammengefasst. Bereits während des Mittelalters wurde es üblich, nicht mehr gebrauchte Bücher in Stücke zu schneiden und das teure Pergament wiederzuverwenden – und sei es nur zum Einbinden anderer Bücher. Doch seit der Frühen Neuzeit wurden Handschriften auch bewusst zerschnitten, um Sammelobjekte zu erzeugen. Besonders illuminierte Manuskripte wurden ‚Opfer‘ dieses Kunstinteresses. Wie etliche Fragmente der Sammlung Hanny Frankes zeigen, schnitt man gerade illuminierte Einzelseiten und die schönsten Bilder oder Initialen aus. Diese Praxis wurde seit dem 18. Jahrhundert verstärkt angewandt, da Sammler und Händler durch den Verkauf einzelner Bilder oder Buchseiten einen erheblich größeren Wert erzielen konnten als durch den Verkauf gesamter Bücher.
Das Zerlegen mittelalterlicher Bücher ließ die Fragmente ihren Bezug auf den originären Verwendungszusammenhang verlieren. Doch wurde auf diese Weise einer breiteren sozialen Schicht der Zugang zu historischen Objekten ermöglicht. Überspitzt formuliert ging die Zerstörung von historischen Objekten mit einer Demokratisierung von Artefakten einher. Während seit dem frühen 19. Jahrhundert vor allem große Institutionen wie Museen und Bibliotheken Handschriften sammelten, wurde das Sammeln von Fragmenten nun auch für breitere Schichten möglich. Es entwickelte sich ein Netzwerk von Buchhändlern und Antiquaren, die sich auf mittelalterliche Handschriften und ihre Fragmente sowie auf frühe Drucke spezialisierten – und daher noch mehr mittelalterliche Bücher zerschnitten. Fragmente vormoderner Bücher wurden jedoch gleichzeitig zunehmend als Kunstwerke geschätzt.
Hanny Frankes Sammlung ist ein gutes Beispiel für eine zunehmend individuelle Sammlungspraxis. Wenngleich nicht überliefert ist, was Franke an den Relikten mittelalterlicher Buchkunst faszinierte, so mischten sich vermutlich künstlerisch-handwerkliche, kunstgeschichtliche und religiöse Interessen mit dem Faible für ein intimes Medium, wie es Relikte der mittelalterlichen Buchkultur darstellen.
Das Sammeln von Fragmenten wurde im 19. und 20. Jahrhundert schließlich sehr deutlich von der Vorstellung bestimmt, historische und kunstgeschichtlich bedeutende Überreste bewahren zu wollen. Aktuell steigt zudem das Interesse an Fragmenten als Forschungsobjekten, da diese in großen Bibliotheken bis heute aus alten Einbänden herausgelöst werden und mittlerweile durch Digitalisierung online zugänglich sind. Damit wird auch möglich, einige der zu Hunderttausenden vorliegenden Fragmente in virtueller Form wieder zu ganzen Büchern zusammenzufügen.
