Kapitel 2.1
Zerschnittene Vergangenheit. Woher kommen Fragmente?
2.2 Woher hatte Hanny Franke seine Fragmente?Fragmente erzählen vielfältige Geschichten von Zerstörung und Bewahrung. Vom zweckorientierten Recycling im Mittelalter über Zerstörung als Folge von revolutionären Umbrüchen in der Neuzeit bis zur profitgetriebenen Bücherzerstörung des 20. Jahrhunderts – die Wege einer Handschrift zum Fragment sind vielfältig.
Die Fragmentierung der Handschriften und Codices des Mittelalters begann schon in mittelalterlicher Zeit und hält bis heute an. Die Gründe für diese Entwicklung veränderten sich jedoch über die Jahre, genauso wie die gesellschaftliche Perspektive darauf. Während Bücher im Mittelalter noch aus pragmatischen Zwecken auseinandergenommen wurden, treten spätestens im 19. Jahrhundert wirtschaftliche Motive in den Vordergrund.
Um Unterschiede nachzuvollziehen, lassen sich Fragmente in verschiedene Gruppen aufteilen (Davis 2024, S.7). Es gibt zunächst Fragmente, die Überreste aus dem alltäglichen Gebrauch von Manuskripten sind. Eine große Gruppe bilden Fragmente, die zur Weiterverwendung als Bucheinbände oder Ähnlichem zugeschnitten wurden. In einer dritten Gruppe können ausgeschnittene Initialen sowie herausgetrennte, aber vollständige Seiten zusammengefasst werden. Diese Gruppen haben zumeist unterschiedliche historische, kulturelle und wirtschaftliche Entstehungsbedingungen.

c. 12.-13. Jahrhundert
Fragmentierung im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit
Praktiken der Fragmentierung kennzeichnen den Umgang mit Handschriften bereits im Mittelalter. Gründe dafür konnten die Beschädigung einer Handschrift durch Feuer oder Wasser, aber auch durch natürliche Abnutzung und Alter sein, in deren Folge ein Manuskript in seiner Ganzheit unbrauchbar wurde. Allerdings schließt dies nicht aus, dass auch intakte Handschriften bewusst aufgetrennt wurden (Davis 2018, S.6, Milne 2025, S. 237).
Häufig war man bei der Wiederverwendung von Materialien auf den Rohstoff Pergament aus. Verlor ein Werk inhaltlich an Relevanz, so konnte sein Material dennoch in der Buchbindung weiterverwendet werden, beispielsweise als Einband oder als Verstärkung von Einbänden (Davis 2018, S. 6). Spuren solcher mittelalterlichen Wiederverwendungen lassen sich auch heute noch an Fragmenten finden. (Davis 2028, S. 2). So zeigen die Faltungsspuren an SIH003 deutlich, dass es als Einband verwendet wurde. Die Form des Fragments SIH0001 deutet darauf hin, dass es vielleicht zur Verstärkung in einen Einband geklebt wurde. Die Tendenz zu solchen Nutzungen war schon während des Mittelalters vorhanden. Politische, religiöse und mediale Transformationen führten dann dazu, dass mittelalterliche Codices in der frühen Neuzeit ihren Nutzen verloren, so dass sich diese Praxis verstärkte.

Fragmente als Sammlungsobjekte
Seit dem 18. Jahrhundert ist ein gesteigertes Interesse an Fragmenten als Sammelobjekten nachweisbar. Vor allem durch die Auflösung der Klöster infolge der Französischen Revolution sowie durch die anschließenden napoleonischen Feldzüge gerieten viele mittelalterliche Handschriften in den Umlauf. Neben ganzen Handschriften sammelte man auch ausgetrennte Seiten. Man interessierte sich vor allem für den aufwändigen Buchschmuck. Oft wurden die Fragmente im weiteren Verlauf auf Holzplatten aufgeklebt oder anderweitig gerahmt (Davis 2024, S. 7, Wiek 1996, S. 234).
Mit der ‚Grangerisation‘ etablierten sich neue Praktiken im Umgang mit mittelalterlichen Manuskripten. Diese nach James Granger (1723–1776) benannte Art des Sammelns beruhte auf dem Interesse an der künstlerischen Ausgestaltung der mittelalterlichen Handschriften. Miniaturen und Initialen wurden dabei aus den Handschriften ausgeschnitten, um sie mit anderen in ein Album oder in ein anderes Buch zu kleben. Das Interesse galt nun nicht mehr allein der Buchseite als Sammlungsobjekt, sondern seinen einzelnen Schmuckformen (Wiek 1996, S. 245).
Seit dem 18. Jahrhundert etablierten sich zudem öffentliche museale Sammlungen, die in zunehmendem Maße Manuskripte und Handschriftenfragmente erwarben. Der Erhalt mittelalterlicher Manuskripte gewann in diesem Kontext eine Bedeutung in breiteren nationalen, politischen und historischen Zusammenhängen. Das führte auch zu institutionellen Praktiken der Konservierung von Fragmenten. So richtete beispielsweise das British Museum seit 1865 eine eigene Buchbinderei ein. Bei der Neubindung vormoderner Bücher wurden hier wie anderswo häufig Fragmente aus alten Einbänden gelöst. Die Sammlung der mittelalterlichen Handschriften und Fragmente des British Museum wuchs stark an: Während das Museum am Ende des 18. Jahrhunderts 15.700 Objekte, Handschriften und Fragmente besaß, war die Zahl im Jahr 1866 auf 43.000 Objekte angestiegen (Milne, 2025, S. 238, S. 241).
Die ‘Neogotik’ bzw. das ‘Gothic Revival’ in England verstärkten im 19. Jahrhundert das Interesse an der mittelalterlichen Buchmalerei nochmals (Davis 2024, S.7). Die Faszination der Zeitgenossen galt vor allem dem Stil des Buchschmucks und der Ikonografie (Wiek 1996, S. 240, S. 243f). Zur gleichen Zeit wurden Bücher mit Anleitungen zur eigenen Anfertigung von Miniaturen oder Vorlagen des Alphabets in verschiedenen Schrifttypen zum Nachahmen beliebt.

Kommerzielle Interessen – Biblioklasmus oder Bücherzerstörung
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts rückte mit den USA ein neuer Markt für mittelalterliche Handschriften in den Fokus. Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs wurde dort das Aufbrechen und Zerschneiden von Manuskripten besonders populär. Man begann, vollständige Codices zu erwerben, mit der Absicht, diese zu zerteilen, um die Seiten einzeln zu verkaufen (Cashion 2016, S. 343, Davis 2024, S. 8, S. 11). Auf diese Weise ließ sich und lässt sich bis heute mehr Gewinn aus einer Handschrift schlagen. Denn ganze Handschriften konnten nur von einer kleineren, begüterten Bevölkerungsschicht erworben werden. Durch die Zerlegung konnten hingegen sozial breitere Käuferschichten angesprochen und zugleich der Gewinn der Händler maximiert werden. Die durch die Zerlegung gewonnenen Fragmente wurden dann oft als Set oder Box zusammengestellt und zum Verkauf angeboten (Davis 2018, S. 264). Sogenannte ‚Biblioklasten‘ wie Otto F. Ege (1888–1951) argumentierten, dass dergestalt auch Bildungsinstitutionen die Möglichkeit bekamen, am Beispiel originaler mittelalterlicher Fragmente Wissen zu vermitteln. Ege, der selbst Kunstgeschichte lehrte, bot seine Fragmente zusammengestellt als Portfolios, an (Milne 2025, S. 264; Wiek 1996, S. 248f.).
Zerstörung in den Weltkriegen?
Gab es neben der profitgetriebenen Bücherzerstörung des späten 19. und 20. Jahrhunderts noch weitere Gründe für das Zerlegen von Handschriften? Man könnte davon ausgehen, dass die Weltkriege zur weiteren Fragmentierung von Handschriften führten. Allerdings stehen diese kaum im Verhältnis zum Vorgehen im 19. Jahrhundert. So schreibt Milne: „The greatest source of loss to England’s medieval manuscript collections over the past two centuries was not the cataclysmic air raids of the wars but rather deliberate, profit-driven theft and dismemberment.“ (Milne 2025, S. 265).
Die kriegerischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts trugen also kaum zur Entstehung neuer Fragmente bei, wenngleich durchaus ganze Handschriftensammlungen durch Kriegsschäden zerstört oder beschädigt wurden. Vielmehr machte man sich im Rahmen der zwei Weltkriege verstärkt Gedanken über den Erhalt und die Sicherung mittelalterlicher Codices. Ausschlaggebend dafür war ein Mittelalterinteresse, welches bereits mit dem Nationalismus und seiner Berufung auf das Mittelalter aufkam (Milne 2025, S. 265).
Woher kommen Fragmente?
In der Summe ist das Aufbrechen und Zerlegen von Manuskripten als Ergebnis verschiedener Prozesse zu werten, die bereits mit der pragmatischen Wiederverwendung von Fragmenten im Mittelalter einsetzten. Mit der vollständigen Abwendung vom mittelalterlichen Codex als Gebrauchsgegenstand zum Sammelobjekt verändert sich ab dem 18. Jahrhundert auch die Wahrnehmung der historischen Objekte als Artefakte. Im Rahmen kultureller Strömungen wie des Historismus und der Neugotik wurden Fragmente dann als rein ästhetische Objekte neu geschätzt. Währenddessen etablierten Museen mit dem Aufbau eigener Sammlungen erste Erhaltungsmaßnahmen. Im 19. und 20. Jahrhundert bestimmte hauptsächlich die Profitabilität den Umgang mit mittelalterlichen Manuskripten. Erst diese gewinnorientierte Zerlegung ganzer Codices begründete eine Fragmentierung in größerem Ausmaß.
Kaya Walter
