Kapitel 2.2
Woher hatte Hanny Franke seine Fragmente?
2.1 Zerschnittene Vergangenheit. Woher kommen Fragmente?Hanny Franke beschrieb seine Sammlungen unter anderem als „kleine Sammlung alter Schriftfragmente, Pergamentminiaturen, Heimatbilder und Literatur“ (Franke, Lebenserinnerungen, 1972) und äußerte allgemein seine Faszination für mittelalterliche Kunst. Er bezeichnete er das Sammeln auch als ablenkende Beschäftigung zu Kriegszeiten. Die Frage, wie die 40 Fragmente seiner Sammlung in seinen Besitz gelangt sind, ist jedoch gar nicht so leicht zu beantworten.

Der Nachlass Franke
Nach Frankes Tod übertrug seine Witwe Margarethe Sammlung und Nachlass an das Museum der Stadt Eschborn. Hier eröffnet sich das erste Problem. Das handschriftliche Verzeichnis der Miniaturen und Inkunabeln wurde nicht von Hanny Franke selbst, sondern von seiner Frau niedergeschrieben. Margarethe Franke konnte natürlich nur die Informationen weitergeben, die ihr hinterlassen wurden. Dieses Dilemma wird dahingehend ersichtlich, dass in der Liste nur 27 statt der bekannten 40 Fragmente notiert sind. Zudem gibt es keine Anmerkungen zum Erwerb der Objekte, sei es, weil Hanny Franke sich der Herkunft selbst nicht mehr sicher war oder weil er die Information als nebensächlich erachtete.
Auch in Hanny Frankes unveröffentlichten Lebenserinnerungen gibt es wenig Hinweise darauf, wo er seine Fragmente tatsächlich erworben hat. In den Erinnerungen erfährt man zwar von einer Reise nach Frankreich im Jahr 1953, während der Franke in Paris zwei Stundenbuchblätter von einem Bouquinisten erworben hat. Er bedauerte auch auf Grund der Devisenbeschränkungen nur so wenig erwerben zu können: „Einige Stunden verbrachte ich mit Hans bei den Bouquinisten … Ich kaufte zwei kleine Stundenblätter mit schöner Schrift in Gold und Farbe. Auf einem war ein kleines Miniaturbild, 15. Jahrhundert. Wir bedauerten sehr, dass es uns infolge der Devisenbeschränkungen nur möglich war, ein Geringes zu kaufen.“ (Franke, Lebenserinnerungen, 1972, Zusatzblätter). Im Inventar selbst ist diese Erwerbsgeschichte jedoch nicht verzeichnet. Auf den alten Passepartouts der Blätter SIH 0032 und SIH0033 finden sich zwar Anmerkungen zum Erwerb in Paris im Jahr 1953. Doch sind diese beiden Blätter nicht in dem alten Verzeichnis notiert.
Hinweise auf mögliche Hintergründe lassen sich aus Hanny Frankes Verbindungen zu anderen Kunstsammelnden und -interessierten erschließen, die er durch seine Sammeltätigkeit kennenlernte. Es scheint ein reger Austausch zwischen ihnen bestanden zu haben, der in gegenseitiger Unterstützung mündete. Konkret erwähnt er Charlotte Roth-Wölfle (1912–2011), die von 1939 bis 1942 im Frankfurter Antiquariat August Hase tätig war. Ihr späterer Ehemann Dr. Anton Roth regte Franke zur Erweiterung seiner Sammlung hinsichtlich kleiner Andachtsbilder und alter deutscher Holzschnitte an. Franke erinnert sich ihrer Unterstützung folgendermaßen: „Da ich frühe Holzschnitte, Pergamentminiaturen, alte Schriften und dergleichen sammelte, unterstützen mich die beiden Freunde darin, auch sie sammelten, besonders solche Dinge vom Gebiet der Volkskunst“ (Franke 1972, S. 124). Umgekehrt erinnerte sich auch Charlotte Roth-Wölfle in ihren Memoiren an Franke: „Wenn der bekannte Frankfurter Landschaftsmaler Hanny Franke ins antiquarische Emporion kam und nach alten Pergamentminiaturen und Holzschnitten fragte, konnte er sicher sein, dass wir für ihn etwas in der Schublade hatten.“ (Roth 1982, S. 151)
Auch wurde die Sammlung Frankes wohl durch Schenkungen von bekannten und befreundeten Sammelnden oder Handelnden bereichert, etwa anlässlich der erfolgreichen Eröffnung seiner Ausstellung in Frankfurt im Jahre 1940. Hier erinnerte sich Franke sich etwa an die Schenkung einer alten Graphik. (Franke, Lebenserinnerungen 1972).
Die Frankfurter Szene
Während Hanny Franke den Erwerb von Fragmenten wohl nicht für wichtig genug hielt, um ihn in seinen Lebenserinnerungen festzuhalten, berichtet Charlotte Roth-Wölfle darüber mehr. Aus einer Buchhändler-Familie stammend, war Roth-Wölfle im antiquarischen Handel tätig. Während ihrer Zeit in Frankfurt dokumentierte sie die Frankfurter Gemeinschaft der Sammelnden und Handelnden, die sie hier kennenlernen durfte. Anhand ihrer Erzählungen lässt sich rekonstruieren, welche Händler in Frankfurt wohl auch Franke frequentiert haben könnte.
Namentlich genannt werden unter anderem Richard Schumann, der seit Mitte der 1930er die legendäre Frankfurter Bücherstube betrieb und zu dem Roth-Wölfle gute Kontakte pflegte. Ferner nennt sie Moriz Sondheim, der im Namen des bedeutenden und europaweit agierenden Antiquariats Joseph Baer & Co. handelte, bis dieses 1934 durch die Nazis gezwungen wurden, den Betrieb einzustellen Die Buchbestände wurden dann durch das Antiquariat Hase übernommen (https://www.proveana.de/de/archivale/august-hase, 08.10.2025). Auch das Antiquariatslager des Ehepaars Scheffels sowie die Lagerbestände der Händler Joseph Fach, Otto Haas und Wilhelm Heinrich werden erwähnt. Schließlich waren die Gebrüder St. Goar und ein Monsieur Baumann, welchen Roth-Wölfle als „marchand amateur“ beschreibt, gern gesehene Handelspartner. Baumann brachte Waren aus Altwohnungen und Altwarenhandlungen zum Tausch oder Verkauf ins Geschäft (Roth 1982, S. 148 ff).

Für Hanny Franke waren vermutlich auch Antiquariatsanzeiger und -zeitschriften ein hilfreiches Medium, um potentiell interessante Artefakte aufzustöbern. Einschlägig war etwa der ‚Frankfurter Antiquarius‘, der durch den Frankfurter Händler August Hase herausgegeben wurde und an dem Lotte Roth-Wölfel zu Beginn noch mitwirkte. Hier wurden den Handel betreffende Themen diskutiert, aber auch aktuelle Kataloge von Händlern bereitgestellt. Die Bestände der Händler wurden häufig durch An- und Verkauf von privaten Sammlungen bestimmt. Sei es, weil die Sammler verstarben und Hinterbliebene den Nachlass auflösten oder weil Sammlungen aus Liquiditätsgründen aufgelöst werden mussten.
Aus der Perspektive einer Antiquarin
In ihren Memoiren berichtet Lotte Roth-Wölfle auch von ihren Begegnungen mit anderen Sammlern und teilt deren typische Strategien des Sammelns. Die Sammelnden wendeten sich häufig direkt an die Antiquare ihres Vertrauens und gaben konkrete Suchaufträge an diese weiter. Aber auch der Zugang zu prestigeträchtigen Bibliotheken und die Möglichkeit diese weltweit zu bereisen, erleichterte das Entdecken von gesuchten Manuskripten. Zu vielen Sammelnden konnte ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut werden, was man ihnen „mit der Priorität des Angebots dankte“, wie Roth-Wölfle es in ihren Erinnerungen beschreibt (Roth-Wölfle 2003, S. 322). „Eine wachsende, ungetrübte menschliche Beziehung entschärft nicht nur das Geschäft, sie macht beide Teile zu verbündeten und schafft Freundschaften fürs Leben. Fest- und Geburtstage waren für uns die Gelegenheit für Schenkungen“ (Roth-Wölfle 2003, S. 322).
Neben gezielten Suchaktionen ist allerdings auch der Zufall ein wichtiger Faktor. So schreibt sie weiter, dass ihre Sammlerkollegen die besten Funde etwa auf Pariser Märkten oder gar per Zufall gemacht haben. Schlussfolgernd fasst sie treffen zusammen: „Zum großen Sammlererfolg waren Wissen, Glück, Zähigkeit und Opferbereitschaft notwendig“ (Roth-Wölfle 2003, S. 322)

Mehr als nur Sammeln
Als Hobbysammler wird Hanny Franke wohl nicht der einzige gewesen sein, der die Herkunft seiner Sammelobjekte in seinen Aufzeichnungen nur bedingt festgehalten hat, aus welchen Gründe das auch geschehen sein mag. Allerdings gibt es Gegenbeispiele wie etwa die Sammlerkollegin Friderica Derra de Moroda. Diese „führte mit der ihr eigenen Akkuratesse fein säuberlich handgeschriebene Ankaufshefte, die als Quelle wichtige Aufschlüsse über ihre Erwerbungen geben“ (Roth-Wölfle 2003, S. 322). Darüber hinaus gab es Sammler, die Objekte zu Forschungszwecken erstanden und diese bald gegen neue unbekannte Objekte eintauschten. Lotte Roth-Wölfle erinnerte sich konkret an den Sammler Herbert List: „Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein richtiger Tauschhandel zwischen uns; er gab seine früheren Erwerbungen ab und tauschte sie gegen neue, namenlose Blätter ein, deren künstlerische Qualität ihn überzeugte und zum Forschen anregte. Andererseits konnten wir mit den eingetauschten Blättern jungen Sammlern wieder gute Gelegenheit zum Erwerb bieten.“ Der Sammler selbst sagte über sein Tun nach Auskunft Roth-Wölfles: „Der Besitz einer Sammlung allein befriedigt nicht. Ohne das forschende Interesse wäre die Freude des Sammlers nur halb so groß. Das Privileg des Besitzers wird erst gerechtfertigt durch unentwegtes Forschen“. (Roth-Wölfle 2003, S. 325). Hanny Franke versah dagegen eigene handschriftliche Angaben auf den Fragmenten oder Passpartouts mit Fragezeichen, was auf Wissenslücken oder Unsicherheiten in der Zuordnung schließen lässt. Für ihn stand mutmaßlich eher die Ästhetik der Fragmente im Vordergrund.
Inwiefern Franke auch aus ökonomischen Beweggründen sammelte, ist nicht mehr feststellbar. Insbesondere kurz nach dem zweiten Weltkrieg, in dem Privatbesitz in großem Maße verlorenging, wurden Objekte verstärkt aufgrund ihres möglichen Sachwerts erworben. Erst mit dem Wirtschaftswunder der 1950er Jahre und im Rahmen der Währungsreform ändert sich dieser Zustand und der Handel erlebte wieder einen Aufschwung.
Hanny Frankes Lebenserinnerungen geben wenig Aufschluss darüber, wie er seine Sammlung an mittelalterlichen Fragmenten aufgebaut hat. Das Sammeln war ihm nach eigenen Aussagen Mittel zur Erhellung des Gemüts in den dunklen Stunden des Krieges. Es war jedoch auch ein Privileg für all jene, die es sich leisten konnten, in Zeiten der Unsicherheit in Kunst zu investieren. Die Wege zu den Objekten waren so vielfältig wie die Sammelnden selbst; wichtig waren jedoch immer gute Verbindungen zu den Handelnden. Die Tätigkeiten des Sammelns und Handelns gingen Hand in Hand. Die lebendige Gemeinschaft zwischen Sammelnden und Handelnden, aber auch unter den Sammelnden selbst war essenziell für die Erweiterung des eigenen Kunstbestands und steigerte zugleich das Gemeinschaftsgefühl zwischen Gleichgesinnten, wenn man sich über die gemeinsame Sammelleidenschaft und neue Errungenschaften für die Sammlung austauschen konnte.
Anna Kulida
