Die ausgestellten Fragmente tragen vielfältige Spuren ihrer verschiedenen Nutzungen im Lauf der Jahrhunderte. Mehrere Fragmente zeigen zunächst, dass Bücher schon während des Mittelalters eine bewegte Geschichte durchliefen und durch viele Hände gingen. Häufig trugen Besitzer Zusätze in alte Bücher ein, etwa die gekritzelten Notizen und Federproben, die an dem Doppelblatt SIH009 zu sehen sind. Dieses Fragment enthält zudem eine Notiz aus dem 16. Jahrhundert, in der jemand recht banale Details über eine Weinrechnung festhielt. Auch die Wiederverwendung älterer Manuskripte aus pragmatischen Gründen hinterließ ihre Spuren. Die deutlich sichtbaren Faltspuren an mehreren Fragmenten Frankes zeigen etwa, dass sie zu Einbänden umgearbeitet worden waren (SIH003, SIH005).
Hanny Frankes eigener Umgang zeigt, dass er Fragmente bereits als Kunstwerke verstand und in eine kunsthistorische Tradition einzuordnen versuchte. Sowohl die Schwerpunkte der Sammlung als auch seine Beschriftungen auf den Passepartouts oder den Fragmenten selbst belegen sein Interesse an kunsthistorischen Entwicklungszusammenhängen. Dies zeigt ein Verständnis von Handschriften als Kunstwerken, das im 19. Jahrhundert zugleich auch mit der Formierung der Kunstgeschichte als akademische Disziplin entstand.
Das Interesse an der künstlerischen Gestaltung vormoderner Bücher führte seit der Frühen Neuzeit nicht nur dazu, dass einzelne visuelle Elemente sorgfältig ausgeschnitten wurden. Einzelne Bilder oder Initialen wurden von Sammlern seit dem 18. Jahrhundert auch in Alben eingeklebt und damit in neue, historische oder ästhetische Ansprüche erfüllende Ordnungssysteme überführt. Eine große Anzahl von Frankes Fragmenten weist auf den Rückseiten Klebespuren auf, die an solche Praktiken erinnern. Auch Klebespuren auf ganzen Seiten belegen deren vormalige Zweitverwendung.
Mitunter wurden die Seiten gerahmt und dergestalt deutlich als autonome Werke der Kunst aufgewertet. Wenngleich Hanny Franke selbst wohl keine Alben besaß oder anfertigte, könnte er einige seiner Sammelobjekte selbst gerahmt haben (SIH0038). Die beiden gerahmten Stücke belegen sein Faible für das ästhetische Erscheinungsbild visuell aufwendiger Handschriftenlayouts, aber auch sein möglicherweise genauso religiöses wie ästhetisches Interesse an einer Mariendarstellung.
Inwiefern gerade die kurios anmutende, mit Pergamentstreifen beklebte und mit goldenen Borten verzierte Streichholzschachtel zu diesen Motiven Frankes passt, mögen die Ausstellungsbesucher:innen selbst entscheiden. Dass sie intensiv gebraucht wurde, belegen nicht nur Fotografien, die Franke rauchend zeigen, sondern auch Abnutzungsspuren auf den Reibflächen. Dieser Umgang mit den Fragmenten bildet allerdings eine Ausnahme. In der Summe bemühte sich der Maler, eine für seine Zeit adäquate Form der Aufbewahrung zu finden.
Letztlich ist Fragmentierung und Wiederverwendung auch als eine Geschichte des Zugriffs auf historische Objekte zu lesen. Heute kommt als weiteres Kapitel solcher Geschichten ihre Erforschung hinzu. Die Digitalisierung von Handschriften eröffnet dabei aktuell ganz neue Möglichkeiten der digitalen Fragmentierung und Re-kontextualisierung und hat zu einem verstärkten Interesse der Forschung geführt. Digitalisate der Fragmente Hanny Frankes wurden nun auch für die international wissenschaftliche Forschung zugänglich gemacht.
