
Die Geschichte des Zerschneidens und Sammelns von Manuskripten reicht, wie wir wissen, weit vor die Moderne zurück (siehe Kap. 2.1.). Lisa Fagin Davis ordnet Pergamentfragmente vier Typen zu: Einige Pergamentreste wurden für alltägliche Zwecke verwendet wie etwa zum Verpacken von Lebensmitteln. Pergamentblätter wurden im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit zum (Ein-)Binden von Büchern verwendet, da die Codices, zu denen sie ursprünglich gehörten, nicht mehr gebraucht wurden. Frühmoderne Antiquitätenhändler schnitten Initialen und ganze Einzelblätter von Codices aus. In der Moderne wurden Bücher noch systematischer zum Verkauf zerlegt (Davis 2024, S.7). Die Praxis des Zerschneidens ist damit sowohl als Eingriff in den mittelalterlichen Handschriftenzusammenhang als auch als erste Spur einer weiterführenden Nutzung dieser Fragmente zu sehen. Einerseits haben das Zerschneiden und Sammeln die Sichtbarkeit und Wertschätzung mittelalterlicher Buchmalerei seit dem 18. Jahrhundert erheblich gesteigert. Andererseits verursachten sie einen irreversiblen Verlust historischer Zusammenhänge und materieller Integrität (De Hamel 1996, S. 19-24; Wieck 1996, S. 240, 250; Duba 2018, S. 1-5).
Objektsichtung – Fragmentnutzung und Fragmentbearbeitung in Hanny Frankes Sammlung
Hanny Franke war ein begeisterter Kunstsammler mit einem besonderen Faible für mittelalterliche Objekte sowie Objekte mit Mittelalterbezug. Ob die heute im Museum der Stadt Eschborn befindliche Sammlung den vollständigen Bestand darstellt, ist allerdings unklar, da Hanny Franke im Vergleich zu anderen seiner Kunstsammlungen keine vollständige Liste seiner Fragmente anfertigte (Lingens 2024, S. 3f., siehe auch Kap. 2.2.). Die Sammlung der Fragmente umfasst 40 Objekte, deren Erhaltungszustand stark voneinander abweicht. Während einige Fragmente in einem guten Zustand sind, weisen andere starke Beschädigungen auf. Diese Spuren können altersbedingt oder aber Folgen einer unsachgemäßen Aufbewahrung sein. So hatte etwa Hanny Franke seine Fragmente in säurehaltigen Papier-Passepartouts verwahrt, bevor diese 2024 durch das Museum Eschborn ersetzt werden konnten. Erst dadurch wurden Spuren einer älteren Nutzung der Fragmente ersichtlich (Lingens 2024, S.4).
Kategorien der Nutzungsspuren

In der Sammlung Hanny Frankes lassen sich einige generelle Typen von Nutzungs- und Verwendungsspuren dokumentieren, anhand derer man Indizien für die mögliche Aufbewahrungen gewinnt. Dabei kann ein Objekt natürlich mehrere unterschiedliche Kategorienmerkmale aufweisen. Die wahrscheinlich größte dieser Kategorien sind Klebungen oder die Spuren ehemaliger Aufklebungen. Nach ihrer Übernahme ins Museum Eschborn wurde die Manuskript-Sammlung, wie bereits erwähnt, in neue Passepartouts umgesetzt. Dabei orientierte man sich an der Positionierung von Sicht- und Rückseite, die der Sammler festgelegt hatte. Ein Großteil der Fragmente ist tatsächlich so stark aus dem ursprünglichen Kontext gelöst, dass keine andere Zuweisung möglich ist. Die Objekte sind nun allerdings freistellig im Passepartout angebracht, sodass die meist unregelmäßigen Beschnittkanten und Spuren von alten Behandlungen von beiden Seiten untersucht werden können (Lingens 2024, S.4). Dennoch gibt die jetzige Montage wieder, welche Seite für den Betrachtenden, in dem Fall Franke, wichtiger oder von Interesse war.
Bei einigen Objekten, wie zum Beispiel SIH0005 oder SIH0008, wurden außerdem Risse im Pergament fixierend mit Klebestreifen geklebt. Viele Verso-Seiten offenbaren Spuren von alten Klebungen, meist an Ecken und Kanten. Diese Klebespuren nehmen oft die Form von dunkleren Flecken oder Abreibungen bis hin zu Löchern im Beschreibstoff an. Manchmal lassen sich an den Klebeflecken sogar noch Papierüberreste der alten Passepartouts oder anderen Aufklebeflächen erkennen. SIH0001 verso weist alle genannten Merkmale auf, aber zum Beispiel auch an SIH0013 sind rückseitig Muster von alten Klebungen hervorragend zu erkennen.
An manchen Objekten sind außerdem Abnutzungserscheinungen oder Verfärbungen durch wiederholtes Anfassen sichtbar, oft durch Umblättern, Knicken oder generelle Belastung. Diese Nutzungsspuren lassen sich meistens an gut greifbaren Ecken oder Kanten der Objekte finden. Die verstärkte Abnutzung des Goldblatts an der unteren, nicht geklebten Seite der Miniatur-Initiale von SIH0024recto ist ein deutliches Beispiel dafür. Flecken und Verfärbungen auf der entsprechenden Seite des Verso unterstützen diese These.

Ein weiterer Hinweis auf frühere Benutzung und Ausstellung der Fragmente sind die Abdrücke von ehemaligen Rahmen und Passepartouts auf dem Recto der Objekte. Diese lassen sich besonders gut auf vollständigen, ganzseitigen Sammlungsstücken erkennen, wie bei SIH0007, SIH0011 , SIH0019, SIH0021 oder SIH0022. Diese Abdrücke können zum einen durch die Aufbewahrung in Passepartouts aus nicht fachgerechtem Papier entstehen, oder auch durch die tatsächliche Ausstellung in tageshellen Räumen und der damit verbundenen längeren Einwirkung von Sonnenlicht zustande kommen. Ein besonders auffälliger Fall ist SIH0005, bei dem das Verso eine derartig dunkle Verfärbung aufweist, dass zum Teil der Text des Fragments nicht mehr lesbar ist.
Schließlich muss auch noch auf die Kategorie der nachträglich beschrifteten Fragmente eingegangen werden. Zum einen wären da die relativ verblassten, handschriftlichen Tintennotizen, die offensichtlich schon vormodernen Ursprungs sind. Diese mittelalterlichen oder neuzeitlichen Marginalien stammen von den ursprünglichen Auftraggeber*innen oder späteren Besitzer*innen der Codices und lassen sich meist entlang der Ränder oder zwischen den Zeilen der Manuskripte finden. Aber auch modernere Sammelnde der Manuskripte und Fragmente hinterließen ihre Spuren. Hanny Franke selbst hatte zum Beispiel vielen seiner Sammlungsobjekten eine Ordnungsnummerierung zugeordnet. Doch auch mögliche Entstehungszeiträume und Ursprungs-Codices notierte sich Franke mit Bleistift auf den Objekten (Lingens 2024, S.3f.), etwa bei SIH0001, SIH0011, SIH0013, SIH0015, SIH0039 oder SIH0041. Bei SIH0005, SIH0006, SIH0009 und SIH0010 lassen sich sogar beide Typen von Vermerken finden, also solche aus der Vormoderne und von Franke.

Aufbewahrung – die Sammlung und die Sonderfälle
Einige der Objekte der Sammlung zeigen Sonderfälle des modernen Umgangs mit Handschriftenfragmenten. Das Sammlungsobjekt mit der wohl drastischsten Veränderung ist vermutlich die mit Fragmenten geschmückte Streichholzschachtel von SIH0037 (siehe Kap. 3.2.) Franke scheint selbst einzelne Stücken seiner Sammlung gerahmt und anschließend in seinen Privaträumen wie der Wohnung oder dem Atelier ausgestellt zu haben. Für mindestens zwei Objekten fertigte Franke farblich passende Passepartouts an und setzte sie anschließend in einen teilweise auch selbstangefertigten und gestalteten Rahmen (siehe Kap. 3.3.).
Auch einige andere Fragmente wurden in außergewöhnlicher Weise behandelt. Wie ein Blick auf die Rückseite der bebilderten Initiale SIH0017 zeigt, hat sie anscheinend einen neuen Goldblatt-Hintergrund bekommen. Collagen-ähnlich wurde die ausgeschnittene Initiale auf vier die Kanten umgebende, vergoldete Papierstücke geklebt. Auf der Rückseite sind noch vorgezeichnete Bleistiftlinien zum Ausschneiden und herausragende Teile des Blattgoldes zu sehen.
Frankes Fragmente weisen damit typische Spuren einer allgemeinen Sammlerkultur auf, wie zum Beispiel der Formatbeschnitt von ganzen Seiten oder die Klebespuren auf den Rückseiten. Sie verweisen zum einen auf das mögliche Kollektieren in Sammelmappen oder -alben. Einige weisen zudem sichtbare Spuren der offenen Ausstellung auf. Von Franke wissen wir, dass er seine Fragmente gerne im privaten Raum ausstellte. Doch ist die Frage, ob und wie Franke selbst die Objekte bearbeitete. Mit Ausnahme der sich natürlich verstärkenden Alterspuren oder Passepartoutflecken, kaufte Franke seine Sammelstücke wahrscheinlich bereits in einem ähnlichen Zustand, indem sie sich nun befinden. Nur sehr wenige Folio stammen aus dem gleichen Ursprungsbuch. Er erwarb sie also vermutlich bereits als einzelne Blätter oder in ihrem weiterverwendeten Zustand, wie im Falle der Streichholzschachtel. Die meisten Spuren der Bearbeitungen durch Frankes verweisen tatsächlich auf das künstlerische Rahmen der Objekte (siehe Thema 3.3.) oder auf die katalogisierende Beschriftungen .
Ambivalenz der Fragmentnutzung
Die Analyse von Hanny Frankes Sammlung zeigt, dass die überlieferten Fragmente in einem langen historischen Prozess der Fragmentierung von Handschriften stehen, der bereits im Mittelalter begann und bis zur Sammelkultur des 20. Jahrhunderts und heute reicht. Frankes Bestand dokumentiert sowohl passive Alterung und Folgen unsachgemäßer Aufbewahrung als auch aktive Eingriffe wie Beschneidungen, Klebungen, Rahmungen und Beschriftungen, die auf frühere Nutzung und Präsentation verweisen. Die Sammlung selbst ist damit ein Zeugnis jener Ambivalenz, in der das Zerschneiden, Sammeln und Ausstellen mittelalterlicher Handschriften zwar ihre Verbreitung und Wertschätzung fördert, allerdings auch ihren ursprünglichen historischen und materiellen Kontext aufzulösen droht.
Lola von Bertrab
