Kapitel 3.2
Wie ging man im 20. Jahrhundert mit Fragmenten um?
3.1 Formen der Nutzung und Aufbewahrung von FragmentenIn der Sammlung von Hanny Franke sticht ein Objekt besonders hervor. Es hat eine dreidimensionale Form und passt ohne Probleme auf die Hand, kann geöffnet und auch wieder geschlossen werden. Die Rede ist von der Streichholzschachtel mit der Inventarnummer SIH0037. Sofort fragt sich der oder die Betrachtende: Was macht eine Streichholzschachtel in einer Sammlung von Handschriftenfragmenten?
Mittelalterliche Handschriftenfragmente als Alltagsgegenstände
Mittelalterliche Handschriftenfragmente, zumeist ganze Seiten, wurden nicht nur als Bucheinbände zweitverwendet; eine Praxis, die schon im Mittelalter geläufig war. Im 18. Jahrhundert etwa dienten Fragmente als Füllmaterial für eine Bischofsmütze oder als Dichtungsmaterial für Orgelpfeifen (Sorbello 2015, S. 78). Wie im vorigen Kapitel [Kap. 3.1.] geschildert, begann mit dem 18. und 19. Jahrundert ann zwar das Sammeln und Studieren von mittelalterlichen Artefakten, das zur Hochschätzung von Manuskripten als Kunstwerke führte (Davis 2024, S.7). Auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte aber die Praxis des Zerschneidens Bestand. Im Folgenden soll an zwei Fallbeispielen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt werden, welche kreativen Verwendungen für mittelalterliche Handschriftenfragmente gefunden wurden.
Lampenschirme im Arbeitszimmer

In der Nähe von San Simeon in Kalifornien steht das sogenannte Hearst Castle. Dieses Anwesen wurde in den 1920er von dem Verleger William Randolph Hearst (1863–1951) und seiner Architektin Julia Morgan (1872–1957) erbaut und eingerichtet (Fuglie 2022, S. 166).
Das Hearst Castle war zunächst als kleiner Bungalow gedacht, wuchs aber schnell zu einem riesigen Palast mit über 100 Räumen, um die gigantische Sammlung der Familie zu präsentieren. Diese Sammlung bestand aus historischen Kunstgegenständen und Artefakten, die ursprünglich aus Europa stammten (Ricon Baldessarini 2001, S.20). Das ambitionierte Bauprojekt konnte aus Geldmangel nicht vollendet werden. Hearsts privates Appartement im dritten Stock wurde die Gothic Suite genannt und bestand aus der Bibliothek, dem Gothic Study, sowie Hearsts privatem Schlaf- und Wohnzimmer (Kastner 2000, S.147).
Im Gothic Study fällt der Blick sofort auf die Lampen, die den Raum säumen. Chorbuchfragmente aus dem 15. Jahrhundert bekleiden die Lampenschirme. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, in welchem Kontext Hearst diese Fragmente erworben hat. Denkbar ist, dass er die Pergamentblätter zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa oder auch im US-amerikanischen Kunsthandel erworben und anschließend ihr Aufziehen auf Lampenschirme in Auftrag gegeben hatte. In der Folge wurden sie weniger durch die Farben, sondern durch das elektrische Licht ‚illuminiert‘. Auf diese Weise fügten sich die Lampen in das mittelalterliche Ambiente des Gothic Study ein, die im Übrigen wohl bewusst englische Vorbilder, wie Horace Walpoles (1717–1797) Gothic Room in Strawberry Hill (c. 1750) zitierten oder zu übertreffen gedachten.
Die Streichholzschachtel im Wohnzimmer
Dass Fragmente auch für weniger dekorative und eher praktische Zwecke verwendet werden können, zeigt das ungewöhnlichste Objekt aus der Sammlung des Malers Hanny Franke, die Streichholzschachtel. Sie wurde außen auf allen Seiten mit mittelalterlichen Handschriftfragmenten beklebt. Das Innere wurde nur auf dem Schachtelboden mit einem Stück Fragment ausgekleidet. Bis auf das Fragment der Unterseite und das der inneren Schachtel stammen alle Pergamentstücke aus derselben Bibel. Dabei handelt es sich vermutlich um eine kleine Taschenbibel aus dem 13. Jahrhundert. Die übrigen zwei Fragmente stammen hingegen aus einem Chorbuch des 16. Jahrhunderts.
Die Bibelfragmente bieten einen Abschnitt aus dem Lukasevangelium dar, der sich auf die Gegenüberstellung von Jesus und dem römischen Stadtverwalter Jerusalems Pontius Pilatus bezieht. Insbesondere das Fragment auf der Oberseite der Streichholzschachtel sticht dabei hervor. Sie ist dergestalt mit dem Pergament beklebt, dass die zweimalige Nennung des Pilatus-Namens annähernd mittig in Erscheinung tritt.
Aber wer hat die Streichholzschachtel mit den Fragmenten beklebt? Werden andere Objekte aus der Sammlung betrachtet, so könnte davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem Bastler tatsächlich um Franke selbst handelt. Bei der Betrachtung des verglasten Marienbilds SIH0038 drängt sich etwa ebenfalls der Gedanke auf, dass Franke den Rahmen selbst gebaut haben könnte.
Bei der Betrachtung von Porträtfotografien von Hanny Franke fällt zudem auf, dass er auf allen mit einer Pfeife zu sehen ist, was vermuten lässt, dass der Maler das die Streichholzschachtel auch selbst nutzte. Wo wurde sie aufbewahrt? Auf einer Anrichte zu Hause? Oder wurde sie stets in der Anzughosentasche mitgeführt? Wurde sie vielleicht sogar bei Einladungen den Gästen gezeigt und benutzt?

Fazit oder: Was erzählt uns die Streichholzschachtel?
Wie am Beispiel der Lampenschirme und der Streichholzschachtel gesehen, wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts originelle Nutzungen für mittelalterliche Handschriftenfragmente gefunden. Sie wurden ihren originalen Kontexten entrissen, um daraus autonome Kunstwerke zu schaffen. Diese Praktiken suggerieren, dass die jeweiligen Sammler ihre Objekte mit einiger Faszination und Vertrautheit betrachtet haben. Auch bei Hanny Franke wurden die Fragmente teils in häuslichen Rahmen präsentiert, anstatt sie nur zu archivieren.
Abschließend sei erwähnt, dass Objekte wie die Lampenschirme aus der Sammlung Hearst oder Frankes Streichholzschachtel selten gefunden werden. Es handelt sich dabei in erster Linie um private Gegenstände, die im heimischen Wohnzimmer verbleiben. Erst im Laufe der Zeit werden sie aufgefunden, zum Beispiel wenn eine private Sammlung an eine öffentliche Institution vererbt oder verkauft wird. Es bleibt spannend, welche Fragmente in neuer Nutzung aus dem 20. Jahrhundert noch in Zukunft gefunden werden.
Jennifer Heinze
