Kapitel 3.3
Praktiken des Rahmens und Ausstellens
3.1 Formen der Nutzung und Aufbewahrung von FragmentenMittelalterliche Handschriften begegnen uns heute nur noch selten als ganze Bücher. Häufig sehen wir sie stattdessen als einzelne Blätter – und oft sind sie sorgsam im Passepartout und Rahmen präsentiert. Doch was passiert, wenn eine Seite aus dem Buch und seinem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und zum Ausstellungsobjekt wird?
Handschriftenfragmente sind weit mehr als zufällig erhaltene Überreste einer vergangenen Buchkultur. Sie erzählen eine Geschichte von materiellen Transformationen, die mittelalterliche Codices seit ihrer Entstehung durchlaufen haben – von einer liturgischen Nutzung über die Zerstückelung und das Sammeln einzelner Blätter bis hin zur Präsentation in Museen oder in Online-Ausstellungen. Lisa Fagin Davis beschreibt diesen Prozess als eine Art Lebenszyklus des Blattes (Davis 2024, S.2-6).
Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Praxis der Rahmung, die unseren Blick auf ein Objekt meist entscheidend prägt. Wird ein einzelnes Blatt aus einem Codex herausgelöst und in einem Rahmen präsentiert, so verändert sich sein Status fundamental und wir betrachten es auf andere Weise. Es wird nicht mehr als Teil eines funktionalen Buches wahrgenommen, sondern als autonomes Kunstwerk (Davis 2024, S. 2). Doch dieser Status ist trügerisch. Davis spricht in diesem Kontext von einer durch den Rahmen erzeugten Illusion von Geschlossenheit (Davis 2024, S. 10f.). Vor allem im kunsthistorischen Zusammenhang hat sich gezeigt, dass ein Rahmen niemals neutral ist. Er dient nicht allein dem Schutz des Objektes, sondern prägt dessen Wahrnehmung wesentlich. Davis hebt dabei hervor, dass jedes Fragment im Laufe seiner Existenz verschiedene Formen des ‚Framings‘ erfährt.

Historische Praktiken der Fragmentierung und Rahmung
Wer heute vor einem gerahmten Blatt aus einem mittelalterlichen Buch steht, sieht meist ein kostbares Kunstwerk mit sorgfältiger Schrift, feinen Zeichnungen und glänzendem Blattgold. Doch was auf den ersten Blick als Einheit wirkt, ist im Eigentlichen nur ein Bruchstück. Denn fast alle diese Einzelblätter stammen ursprünglich aus umfangreichen Handschriften, die einst eine eigene Funktion erfüllt haben. Dass wir sie heute oft isoliert betrachten, ist das Ergebnis einer langen Tradition, die bestimmte Sehgewohnheiten geschaffen hat. Bereits in der Frühen Neuzeit begannen Gelehrte und Sammler, besonders ansprechend ausgestaltete Buchseiten aus ihren ursprünglichen Bänden herauszutrennen. Dabei interessierten sie sich weniger für die Texte, als für die Kunstfertigkeit der Initialen und Miniaturen. Das Interesse an solchen Einzelstücken wuchs besonders im 18. und 19. Jahrhundert, angespornt vom Historismus und der neugotischen Bewegung, die das Mittelalter neu entdeckt (Davis 2024, S.7f., siehe oben Kap. 2.1.). Ein entscheidender Faktor war dann vor allem der Kunstmarkt. Händler erkannten, dass sich mit einem zerlegten Codex mehr Gewinn erzielen ließ als mit einem ganzen Buch. Christopher de Hamel beschreibt diesen Moment als „crucial turning point in our story“ (Davis 2024, S.11), der eine entscheidende Wende in der Geschichte der Handschriftenrezeption darstelle. So wurden unzählige Bücher systematisch zerlegt, in der Regel ohne Rücksicht auf ihren ursprünglichen Zusammenhang. Einige Sammler interessierten sich dabei ausschließlich für die Buchmalereien und schnitten Miniaturen oder prunkvolle Initialen aus ihren Seiten heraus. Der englische Kunsttheoretiker John Ruskin notierte 1854 beiläufig in sein Tagebuch, er habe abends ein Missale zerschnitten, als wäre es eine alltägliche Beschäftigung (Davis 2024, S. 8). Solche Bemerkungen verdeutlichen, wie selbstverständlich das Zerschneiden von Handschriften für viele Zeitgenossen war. Was zurückblieb, sind unbrauchbare Schriftreste, die buchstäblich einen leeren Rahmen bilden (Davis 2024, S. 7).
Ein eindrückliches Beispiel dafür wäre Luigi Celotti, der 1798 Bücher aus der Sixtinischen Kapelle zerlegte und die herausgelösten Miniaturen zu Collagen arrangierte (Davis 2024, S. 7). Solche Montagen verschleiern den vorgängigen gewaltsamen Entstehungsprozess und präsentieren die Fragmente als neue, scheinbar geschlossene Kunstwerke.

Der Rahmen als ästhetisches und theoretisches Problem
Das Rahmen von Fragmenten ist zwar eine historische Praxis, kann aber auch zu einem theoretischen Problem werden. Der Rahmen grenzt das Gerahmte von seiner Umgebung ab und lenkt damit die Aufmerksamkeit der Betrachtenden gezielt auf sich selbst. Wie Louis Marin konstatiert: „the frame renders the work autonomous in visible space“ (Davis 2024, S. 12). Doch diese vom Rahmen erzeugte Autonomie ist im Falle von Handschriftenfragmenten trügerisch. Eine mittelalterliche Buchseite war ursprünglich in einem Buch eingebunden, eingebettet in einen größeren Zusammenhang aus Texten, Bildern und liturgischen Abläufen. Herausgelöst und einzeln präsentiert verliert sie diesen Kontext. Der Rahmen verdeckt also Spuren der Zerstörung, blendet die Geschichte der Fragmentierung aus und täuscht in gewisser Weise eine Vollständigkeit vor (Davis 2024, S. 10f.). Was wir vor uns sehen, ist daher nicht nur ein visuelles Objekt, sondern auch ein Erzeugnis von Bedeutungsverschiebung. Das Fragment wird ästhetisch hervorgehoben, während seine Geschichte der Zerstörung verborgen bleibt. Gleichzeitig erfüllt der Rahmen eine konservatorische Funktion. Er schützt die Pergamentseite vor weiteren Schäden, fixiert sie und macht sie zugleich präsentierbar, während er die Spuren der Fragmentierung und des Verlustes eines vorgängigen Nutzungszusammenhangs kaschiert.
Ein Fragment bei Hanny Franke
Wie stark ein Rahmen den Status eines Fragments verändern kann, zeigt ein Blatt aus einem burgundischen Stundenbuch des 15. Jahrhunderts, das sich in der Sammlung des Künstlers Hanny Franke befindet (SIH0028). Franke besaß noch ein weiteres Blatt aus demselben Codex ( SIH0029), behandelte sie jedoch ganz unterschiedlich. Während eines ungerahmt blieb, setzte er das andere in einen rot-goldenen Rahmen mit Passepartout. Durch die Rahmung verändert sich die Wahrnehmung des Fragments grundlegend.
Gerade im direkten Vergleich zeigt sich die Ambivalenz der Rahmung. Das gerahmte Blatt ist gleichsam ‚ästhetisch veredelt‘. Zugleich sind die Ränder verborgen, die Spuren der Fragmentierung unsichtbar gemacht und die tatsächlichen Maße nicht greifbar. Das Fragment erscheint nicht mehr als Buchseite, sondern als autonomes Kunstwerk. Das ungerahmte Schwesternblatt SIH0029 dagegen erinnert den Betrachter unmittelbar daran, dass es Teil eines Buches war. Es behält den Charakter der „membra disjecta“ (Davis 2024, S. 12), also eines Stücks aus einer Reihe zerstreuter oder zerstörter Glieder eines größeren Ganzen.
Auch konservatorisch hat die Rahmung Folgen. Zwar schützt der Rahmen das Blatt vor Strukturveränderungen wie Wellenbildung oder Wasserschäden, doch führte die vermutlich langjährige Hängung in Frankes Wohnung zu einem Verblassung der Schrift.

Digitale Rahmung und (Online-) Ausstellungen
Handschriftenfragmente sind heute nicht mehr allein in Museen oder privaten Sammlungen zu sehen, sondern zunehmend auch in digitalen Datenbanken oder Online-Ausstellungen verfügbar. Damit verschiebt sich erneut die Art und Weise, wie ein Objekt wahrgenommen wird.
Auch eine digitale Präsentation arbeitet mit Rahmung, wenn auch in anderer Form. Der Bildschirm als digitaler Rahmen begrenzt, schneidet aus, legt den Maßstab fest und beeinflusst damit, wie ein Fragment gesehen und verstanden wird. Wie bei einem materiellen Rahmen entsteht auch hier eine Illusion von Geschlossenheit. Anders als beim physischen Rahmen bietet die digitale Rahmung jedoch auch neue Chancen. Digitale Plattformen wie Fragmentarium nutzen die technischen Möglichkeiten, Blätter aus aller Welt virtuell zusammenzuführen (siehe Kap. 2.3.). So lassen sich zerschnittene Handschriften teilweise in einer Art Re-Sequenzierung wieder in ihre ursprüngliche Abfolge einordnen. Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte Beauvais Missale, dessen 122 Blätter in verschiedenen musealen und privaten Sammlungen verstreut aufbewahrt sind. Es ließ sich durch digitale Rekonstruktion wieder als Ganzes greifbar machen (Davis 2024, S. 18ff.). Gerade für Fragmente eröffnet die digitale Rahmung also ein enormes Potenzial. Sie ergänzt quasi die materielle Rahmung: Während der Holzrahmen das Blatt als scheinbar geschlossenes Kunstwerk aufwertet, kann die digitale Präsentation das Fragment an einen größeren historischen und funktionalen Zusammenhang zurückbinden.
Online-Ausstellungen wie die hier vorliegende verleihen Fragmenten eine weitere Dimension der Rahmung. Anders als im Museum, wo Passepartout und Holzrahmen das Objekt umschließen, wird in der digitalen Präsentation der Bildschirm selbst zum Rahmen. Davis spricht in diesem Zusammenhang von einer ‚dreifachen Rahmung‘. Das Blatt ist zugleich durch sein Passepartout, den physischen Rahmen und die digitale Oberfläche gefasst (Davis 2024, S. 16f.). Für eine Online-Ausstellung bedeutet dies, dass der Rahmen des Bildschirms nicht nur eine technische Grenze darstellt, sondern ein aktiver Mitgestalter der Wahrnehmung ist. Während der Holzrahmen in Frankes Wohnung das Fragment ästhetisch aufwertete, ermöglicht nun die digitale Präsentation, es zugleich als Teil einer Sammlung zu begreifen und in neuen Zusammenhängen wahrzunehmen. Digitale Rahmung verleiht dem Fragment damit ein neues Leben im virtuellen Raum und eröffnet die Möglichkeit einer Re-kontextualisierung.
Aaliyah Hoffmann
