Kapitel 4.0
Die Schwerpunkte der Sammlung: Historische, visuelle und musikalische Interessen
4.2 Gelehrte TexteDie Sammlung Hanny Frankes trägt sowohl zeittypische als auch individuelle Akzente und setzt einige klare Schwerpunkte. Einige Fragmente dürfte der Sammler erworben haben, da sie quasi wichtige Momente der Kunst- und Kulturgeschichte dokumentieren. Das älteste Fragment der Sammlung datiert ins 9. Jahrhundert (SIH0001, oben). Es zeigt wie zwei weitere aus dem 10.-12. Jahrhundert die frühe Schriftform der karolingischen Minuskel, die in der Kulturgeschichte eng mit dem berühmten Hof Karls des Großen († 813) verknüpft war. Diese Fragmente sind mit Geschichtserzählungen zum Ursprung europäischer Kultur verknüpft, die in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg stark aufgewertet wurden.
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Ähnlich verhält es sich mit dem Frühdruck, der als wichtiger Wendepunkt der Kulturgeschichte galt und gilt und gleichzeitig wegen der wichtigen Rolle der Mainzer Drucker lokale Bedeutung hatte. Hanny Franke notierte auf einem seiner Frühdruckfragmente etwa stolz, dass es sich um einen „Schöfferdruck“ handele. Tatsächlich stammt das Fragment jedoch nicht aus der Sammlung dieses berühmten Mainzer Druckers. Übersehen hat Franke dagegen, dass auch eine seiner Einzelseiten aus einem spätmittelalterlichen Stundenbuch bereits einen frühen Druck auf Pergament darstellt (SIH0016).![]()
Während die Sammlung auch einige Blätter aus gelehrten Texten wie Rechtsbüchern und Bibelkommentaren enthält, zeigen die meisten Fragmente Frankes Interesse an mittelalterlicher Buchkunst. Sehr deutlich mischen sich in seine ästhetischen Interessen aber auch religiöse Aspekte. So sammelte Franke eine große Anzahl von Einzelseiten aus mittelalterlichen Stundenbüchern. Diese Gebetbücher wurden im Spätmittelalter zu alltäglichen Begleitern der Frömmigkeit und finden sich vielfach im Besitz von Laien. Den Seiten ist teils bis heute anzusehen, dass sie über viele Stunden in den Händen frommer Menschen gehalten wurden. Sie konnten jedoch auch Luxusobjekte sein und wurden oft kunstvoll illuminiert, teils mit Bildern verziert. Die ornamentierten Seiten dieser Bücher eigneten sich daher hervorragend als Sammelobjekte. Frankes Sammlung enthält ein ganzes Spektrum solcher Einzelseiten, das von teuer und vielfarbig ausgemalten bis hin zu minimal geschmückten kleinen Buchseiten reicht.
Ein weiterer Schwerpunkt sind die einzelnen geschmückten oder figürlich ausgemalten Initialen, die meist aus großformatigen Chorbüchern des Mittelalters ausgeschnitten wurden, also Büchern, die von den Sänger:innen beim Gottesdienst genutzt wurden . Sie enthalten meist religiöse Sujets – etwa die Bilder der Heiligen, deren Liturgie im ursprünglichen Codex mit einer Illumination eingeleitet wurde, oder Szenen aus der Bibel und besonders dem Leben Christi, die zum Verlauf des liturgischen Jahrs gehörten.
Diese Bilder gerieten zwar offensichtlich wegen ihrer visuellen Gestaltung in die Sammlung, gehören aber auch in einen weiteren Kontext, der Franke fasziniert zu haben scheint: Seine Sammlung enthält auffällig viele Fragmente mit musikalischer Notation, nicht zuletzt weil viele Texte Liturgisches enthalten. Einige Fragmente enthalten frühe Formen der Musiknotation, die sogenannten Neumen. Andere enthalten die Vorformen des späteren mensuralen Notensystems.



