Einige Stücke der Sammlung Hanny Frankes wurden offensichtlich wegen ihrer Herkunft aus sehr frühen Jahrhunderten gekauft – sie führen uns zurück ins 9. bzw. ins 12. Jahrhundert, also ins sogenannte Früh- und Hochmittelalter. Gerade die drei ältesten Fragmente der Sammlung (mit den heutigen Nummern SIH0001, SIH0002 und SIH0026) wirken auf den ersten Blick unscheinbar. Die Pergamentstücke sind brüchig, teilweise vergilbt und von der Zeit gezeichnet. Doch ihre abgegriffenen oder zerfetzten Ränder und verblichenen Buchstaben lösen eine besondere Faszination aus, die viel mit unseren Vorstellungen von Zeit und Geschichte selbst zu tun hat.
Tatsächlich ist es ein eigentümliches Gefühl, vor einem Stück Pergament zu stehen, das wie das älteste Fragment, das auf das 9. Jahrhundert zu datieren sind, wohl nicht nur Jahrhunderte überdauert hat, sondern über ein Jahrtausend. Fragment SIH0026 ist in die Zeit um 1200 zu datieren und damit immerhin an die 800 Jahre alt. Die Bruchstücke dieser alten Buchseiten faszinieren nicht nur wegen der gleichmäßig gezogenen Buchstaben oder der feinen, fragil wirkenden Musiknotationen, sondern auch wegen der Spuren der langen Jahrhunderte, die sie tragen. Man fragt sich unwillkürlich, wer sie vor so vielen Generationen geschrieben hat, wie viele Hände das Buch über die Jahrhunderte aufgeblättert haben – und welche verschlungenen Reisewege dazu geführt haben, dass sie heute gerade in dieser Sammlung liegen.
Die beiden ältesten Fragmente: Die karolingischen Reformen und die Erneuerung der christlichen Tradition
Das erste Fragment stellt das älteste der gesamten Sammlung dar. Es ist mit seinen Maßen von 9,7 x 18,5 cm ein vergleichsweise kleines Stück Pergament, das nur einen Ausschnitt aus einer Buchseite wiedergibt und deutliche Spuren der Zeit trägt. Es ist vergilbt, teilweise von Löchern durchsetzt, durch einen Riss beschädigt und wurde unregelmäßig beschnitten. Beide Seiten sind beschriftet, die Rückseite ist allerdings beschädigt und trägt Klebespuren.
Wie auch der Sammler Hanny Franke notierte, handelt es sich wohl um eine Handschrift aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Die Schrift des Fragments ist deutlich als sogenannte karolingische Minuskel zu erkennen und verortet das Stück in das karolingische Imperium der Frankenkönige, vermutlich zur Zeit Karls des Großen († 814), seines Sohnes Ludwigs des Frommen († 840) oder etwas später.
Auch ein zweites Fragment (SIH0002) stammt womöglich aus der späten Karolingerzeit, gehört wahrscheinlicher aber in die Zeit des frühen 11. Jahrhunderts. Auch dieses Fragment, dessen besonders schöne und regelmäßige Schrift genauso ins Auge fällt wie die Musiknotation durch Neumen im oberen Teil, ist entlang einer Längsseite stark beschädigt und daher nur noch bruchstückhaft zu lesen.
Dennoch erzählen beide Fragmente von einer Episode der europäischen Kulturgeschichte, die nicht nur Hanny Franke gut bekannt gewesen sein dürfte, sondern auch heute noch zum Schul- und Allgemeinwissen gehört: Die Fragmente spiegeln die Erneuerung der Schriftlichkeit im karolingischen Imperium wider. Sie lassen sich mit der kulturellen Dynamik verknüpfen, die früher meist als “karolingische Renaissance” bezeichnet wurde. Damit ist die Vorstellung verbunden, dass die karolingischen Herrscher als Mäzene und Förderer von Bildung, Literatur und Künsten auftraten und nach einer vermeintlich ‚dunklen‘ Periode eine besonders glanzvolle Zeit einleiteten. Die heutige Geschichtswissenschaft versteht die karolingischen Reformen jedoch nicht mehr eindimensional als kulturelle Blüte. Vielmehr spielten in ihnen politische Dynamiken mit religiösen Reformen, und intellektuellen und sozialen Veränderungen zusammen.
Denn während der Herrschaft Karls des Großen ab 768 dehnte sich das Frankenreich, aus dem später Frankreich und das römisch-deutsche Reich hervorgehen sollten, weit aus: Es umfasste fast das ganze Gebiet des heutigen Frankreich und der Benelux-Länder, reichte bis nach Mittelitalien und Kärnten, umfasste zudem weitere Teile des heutigen Österreich und den größten Teil des heutigen Deutschlands bis auf einen östlichen Rand. Um dieses riesige Imperium verwalten zu können, knüpften die karolingischen Herrscher an die Reste älterer fränkischer (und teils noch römischer) Verwaltungsstrukturen an, bauten neue Zentren auf und schmiedeten neue Bündnisse mit lokalen Eliten. Unter Karl dem Großen wurde etwa die Aachener Pfalz (also der Königspalast) prächtig ausgebaut. Sein Sohn Ludwig der Fromme ließ in Frankfurt eine neue Pfalz errichten, deren Grundmauern heute noch sichtbar sind.
Wie die römischen Kaiser, an deren Tradition die fränkischen Könige bald anschlossen, fühlten sich auch die karolingischen Herrscher für die Leitung der Kirche verantwortlich. Sie stießen gemeinsam mit den lokalen Bischöfen und teils auch mit dem Papsttum Reformen und Missionen an. Im Zuge dieser Aktivitäten förderten sie auch Wissensvermittlung und Gelehrsamkeit, etwa durch den Ausbau von Schulen für Geistliche. Bei diesem Bemühen wurden die Herrscher von gelehrten Ratgebern aus verschiedensten Regionen Europas unterstützt, die ihre eigenen Traditionen mitbrachten und eine neue, gemeinsame Kultur entwickelten. Unter Mitwirkung von Gelehrten wie dem Angelsachsen Alkuin von York († 804) wurden die schriftlichen gelehrten Traditionen genau geprüft und wo nötig korrigiert – also die Bibeltexte, die wichtigsten Bücher zur Auslegung der Bibel, sowie die Liturgie und Musik für den Gottesdienst. Denn diese Traditionen hatten sich in verschiedenen Regionen Europas bislang durchaus unterschiedlich entwickelt. Diese Entwicklungen spiegeln sich recht direkt in Fragment SIH0001 und SIH0002 der Sammlung.
Das Fragment SIH0001 enthält einen Kommentar zur Bibel, genauer zu einem Abschnitt des Lukasevangeliums. Der Kommentar selbst ist älter als das erhaltene Fragment. Er geht auf den Gelehrten Beda Venerabilis († 731) zurück, der in seiner Heimat in Nordengland die Schriften der Kirchenväter der Spätantike gesammelt und zusammengestellt hatte. Dass dieser Text etwa einhundert Jahre später im karolingischen Frankenreich abgeschrieben wurde, zeigt einerseits den Transfer intellektueller Traditionen. Andererseits illustriert er, dass man im Karolingerreich stark an der Sammlung vorhandenen Wissens über den Bibeltext und seine Interpretation interessiert war. Gerade der Wunsch nach der richtigen Interpretation der Bibel führte in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts zu einer ganzen Welle von Abschriften von Bibelkommentaren. Aus diesem Kontext stammt vermutlich auch dieses Fragment.
Der Sammler Hanny Franke vermerkt, dass das Fragment SIH0001 Neumen enthalte, also die früheste Form musikalischer Notation. Neumen kamen aber erst während des Frühmittelalters als revolutionäre Form der Notation von Musik auf, und sind verstärkt erst ab c. 900 belegt. Es handelt es sich bei den fünf regelmäßigen kleinen Wellenlinien in der Randzone des Fragments tatsächlich nicht um Neumen, sondern um Zitatmarkierungen: An der so angezeigten Stelle steht die Passage des Lukas-Evangeliums (Prolog bzw. erstes Kapitel), die anschließenden Zeilen enthalten dann die Erläuterungen zu dieser Stelle. Diese leserfreundliche Darbietung ist ganz typisch für die Kultur der Karolingerzeit und sollte im 9. Jahrhundert zum Standard werden.
Wer sich für Neumen interessiert, wird aber bei Fragment SIH0002 fündig, das zwar längsseitig stark beschädigt ist, aber noch sehr deutlich erkennen lässt, dass es einmal zu einem aufwändigen, besonders schön geschriebenen liturgischen Buch gehörte, vermutlich zu einem frühen Missale. Der mittlere Teil des Seitenspiegels wird von einer äußerst regelmäßigen Schrift ausgefüllt, die durch rote Initialen in klare Abschnitte gegliedert wird. Doch finden sich im oberen Seitendrittel und nochmals unten Zeilen mit kleinerer Schrift, die jeweils Neumen enthalten. Wie der Text erkennen lässt, handelt es sich auf der Vorderseite um die Gesänge der Mitternachtsmesse zum Weihnachtstag. Auf der Rückseite finden sich dann, etwas schwerer lesbar, Neumen zu den Gesängen der dazugehörigen Morgenmesse. Das Fragment enthält also Weihnachtsmessen in einer Form, die später ganz typisch werden sollte. Der sehr professionellen Schrift und Aufmachung nach stammt es aus dem alemannischen Raum, etwa den Klöstern Lorsch oder St. Gallen, vielleicht auch Ostfrankreich (etwa Metz).
Schrift der Erneuerung: Die karolingische Minuskel
Die karolingischen Reformen ließen generell auch die Handschriftenproduktion aufblühen – allein aus dem 9. Jahrhundert sind heute noch über 7000 Codices erhalten (Bischoff, 1965). Besondere Aufmerksamkeit widmete man neuen gelehrten und liturgischen Standardwerken, für die, wie die beiden Fragmente zeigen, auch eine spezielle, besonders regelmäßige Schrift entwickelt wurde. Diese neue Schrift bestand aus Buchstaben mit Ober- und Unterlängen (Minuskel). Sie nahm Elemente der seit der christlichen Spätantike verbreiteten Unziale auf, trennte aber die Wörter sorgfältiger. Als „karolingische Minuskel“ konnte sie sich dann über das gesamte europäische Imperium der Franken verbreiten.
Obwohl die karolingische Minuskel im Allgemeinen für ihre Klarheit und Lesbarkeit bekannt ist, erweist sich das Entziffern ihres Inhalts heute nicht selten als anspruchsvoll. Die Reformbewegung der Karolingerzeit brachte ihre ganz eigenen Schreib- und Lesegewohnheiten hervor, die teils aus der älteren christlichen Tradition übernommen, teils neu eingeführt wurden.
Dies zeigt sich etwa bei den Fragmenten SIH0001 und SIH0002. Zwar treten die einzelnen Buchstaben deutlich hervor, doch bemerkt selbst das ungeübte Auge rasch, dass manche Wörter abgehackt erscheinen. Das liegt an dem in der mittelalterlichen Buchproduktion weit verbreiteten Brauch, Wörter abzukürzen, besonders wenn sie häufig wiederkehrten oder wenn es sich um bekannte Wendungen oder schließlich Worte von besonderer Bedeutung handelte. Häufig wurden etwa die sogenannten Nomina Sacra abgekürzt, also die Namen Gottes. Sie gewannen so fast den Charakter graphischer Symbole. Der Name Iesus Christus wurde etwa häufig (teils unter Verwendung griechischer Buchstaben) zu ihs xps verkürzt. Anderes sparte Zeit: Häufige Begriffe wie “gratia” (‘Gnade’) wurden zu gra (2. Zeile des 2. Absatzes bei Fragment Nr. 2). Die Buchstaben e und t für “et” (und) wurden zusammengezogen zu einer sogenannten Ligatur (Fragment SIH0001, zweite Zeile), die als “Et” oder “Ampersand” heute noch in Gebrauch ist.
Elena Radosavljevic und Sita Steckel




