Hanny Frankes Sammlung mittelalterlicher Fragmente umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Gattungen innerhalb des Spektrums liturgischer und religiöser Texte. Einen kleinen, aber interessanten Teil der Sammlung machen Bruchstücke von Werken aus, die man als gelehrte Texte zusammenfassen kann. Sie präsentieren vor allem theologische und juristische Texte. So enthält das älteste Fragment, Nr. 1, einen Bibelkommentar des 9. Jahrhunderts, verfasst vom angelsächsischen Gelehrten Beda Venerabilis († 731). Fragment Nr. 9 ist ein Doppelblatt mit einem Abschnitt eines der bekanntesten Bibelkommentare des Spätmittelalters, der Postille des Nikolaus von Lyra († 1349), in diesem Fall aus dem 15. Jahrhundert. Ebenfalls aus dem 15. Jahrhundert datiert eines der beiden Druckfragmente der Sammlung, Nr. 40, das ebenfalls eine Kommentierung eines biblischen Buches enthält, in diesem Fall die Fragen des Kirchenvaters Augustinus zum Buch Genesis.
Fragment Nr. 8 ist dagegen ein Doppelblatt aus dem wichtigsten kirchenrechtlichen Handbuch des Hochmittelalters, dem Decretum Gratiani, welches die typische optische Präsentation gelehrter Texte mit Glossen zeigt, also erläuternden Texten [Mehr zu: Navigation]. Fragment Nr. 10 ist schließlich ein Doppelblatt aus einem gelehrten Wörterbuch, das lateinische Termini erläutert – möglicherweise zur Predigt oder ebenfalls zur Bibellektüre gedacht.
Um beispielhaft zu erklären, welches Wissen solche Texte transportierten – und was möglicherweise Hanny Franke an ihnen interessierte – soll im Folgenden der Bibelkommentar des Beda Venerabilis etwas genauer behandelt werden, also Fragment SIH0001. Die Untersuchung soll nicht nur einen Beitrag zum Verständnis der überlieferten Inhalte leisten, sondern auch einen Blick auf die sammlungsgeschichtliche Dimension werfen.
Was leisten Bibelkommentare?
Der Grund, einen Kommentar zu schreiben, ist zunächst ganz simpel: Ein Text muss erklärt werden, damit man ihn versteht. Dies gilt umso mehr für Texte, die als „Heilige Schriften“ verstanden werden. Im Falle des Bibelkommentars macht tatsächlich erst der Kommentar die Relevanz des Textes deutlich, was Köhlmoosals „textexterne Heiligsprechung“ bezeichnet: Der Kommentar legte fest, dass es sich bei dem biblischen Text um eine Heilige Schrift handelt. Er erschloss zudem die für das Verständnis wesentliche Bedeutung. Denn bereits der Kirchenvater Hieronymus erklärte im 4. Jahrhundert, dass der Wert des Evangeliums nicht in seinen Worten, sondern in deren Sinn lag. Der Bibelkommentar als Gattung verknüpft diese Ebenen und macht das Verstehen des Textes überhaupt erst möglich. Tatsächlich galt die Bibel allgemein bis zur Aufklärung (und teils auch noch heute) als göttlicher Text, dessen vermeintliche Widersprüche nicht im Text lagen, sondern den Lesenden zuzuschreiben waren. Mittelalterliche Kommentare machten es sich zur Aufgabe, die Sinnebenen des Textes zu erschließen und Widersprüche aufklären. Daraus resultierte eine beinahe untrennbare Einheit von Kommentar und Text: Kommentare und Erläuterungen standen teils direkt neben Bibelversen und wuchsen vor allem in den ‘glossierten’ Bibelkommentaren zu einer einheitlichen Texttradition zusammen (siehe Kap. 5.1.).
Ein typischer Einzelkommentar zu einem biblischen Buch (wie dem Evangelium des Lukas oder dem Buch der Könige) bestand zunächst aus einer Einführung in das Thema. Er erläuterte die Position des Buches innerhalb der Bibel, die Relevanz des Textes und den Titel. Danach bot der Kommentar typischerweise eine Erklärung der einzelnen Verse. Dazu konnten auch Darstellungen und Diskussionen verschiedener Lesarten der Bibelstelle zählen. Den Kommentierenden kam somit eine wichtige Rolle zu. Sie bestimmten, welche Informationen relevant waren. Bibelkommentare schufen somit neue Deutungsmöglichkeiten und enthielten bestimmte, teils innovative Methoden oder Fragen an den Text. Wer kommentierte, konnte neue inhaltliche Schwerpunkte und intertextuelle Verweise setzen. Insbesondere hochmittelalterliche Kommentare zeigen den Bezug zu neuen Fragen oder Quellen sowie Trends im Verständnis bestimmter Texte. Auf diese Weise machen gerade Bibelkommentare Umbrüche in der Theologie sichtbar.
Das Beispiel des Beda-Kommentars
Das Fragment Nr. 1 überliefert beispielsweise einen Abschnitt aus Bedas Kommentar zum Lukas-Evangelium, In Lucae Evangelium expositio. In seiner vollständigen Form besteht der Kommentar aus einem Vorwort (prooemium) sowie sechs Büchern, die jeweils mit einem einleitenden Paragraphen beginnen. Der erhaltene Ausschnitt entstammt dem Vorwort sowie dem Anfang des 1. Buchs. Beda löste sich dort vom Bibeltext, um sich inhaltlich mit Fragen zur Ordnung des priesterlichen Dienstes im Jerusalemer Tempel zu beschäftigen. Er verweist auf die verschiedenen priesterlichen und levitischen Dienstklassen, die in „Lose“ eingeteilt wurden, um ihre Aufgaben gleichmäßig und geordnet zu erfüllen. Er erwähnt die Familie Abias, aus der Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, hervorging. Das verdeutlicht die enge Verbindung von alttestamentlicher Überlieferung und neutestamentlicher Erzählung. Bedas Auslegung verdeutlicht damit, wie im Frühmittelalter die alttestamentliche Ordnung des Gottesdienstes als Vorbild und Deutungshorizont für das Verständnis des Evangeliums aufgerufen wurde.
Wiewohl äußerst gelehrt, war Beda als Autor des Kommentars nicht nur an wissenschaftlichen Fragen interessiert. Als Mönch im angelsächsischen Kloster Jarrow schrieb er auch für andere Mönche und Nonnen. Sein Kommentar strebte wie andere exegetische Werke des Frühmittelalters daher keine rein historische Erklärung der Bibelstellen an Er hob vielmehr den Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament hervor und vermittelte so spirituelle Orientierung. Kommentare wie der von Beda hatten vorrangig das Ziel, den Heiligen Text für Nonnen und Mönche zugänglich zu machen und seine tiefere Bedeutung zu erschließen. Sie dienten der Unterweisung, der geistlichen Erbauung und der Verankerung der kirchlichen Lehre im alltäglichen Leben des Klosters.
Bibelkommentare waren also nicht nur Hilfsmittel zum Textverständnis, sondern etablierten bestimmte Perspektiven auf den Text, die sich zu kontinuierlichen und autoritativen Auslegungstraditionen verstetigen konnten. Das Studium der Bibel entwickelte sich beispielsweise bis zum Ende des 12. Jahrhunderts stärker zu einer wissenschaftlichen Disziplin in den Diensten der kirchlichen Verwaltung und Predigt. Diese Ausrichtung schlug sich in etwas anders strukturierten Kommentaren wieder, wie wir sie in der Sammlung etwa im Kommentar des Nikolaus von Lyra finden. Die Kommentare waren Teil des kirchlichen Lehrkontexts, förderten die Einheitlichkeit der Auslegung und machten die Bibel zur Grundlage des monastischen und liturgischen Lebens. Im Fall Bedas bedeutet das: Sein Kommentar verdeutlicht, wie alttestamentliche Strukturen in die christliche Gegenwart hineingelesen werden können, um die göttliche Ordnung und den göttlichen Plan sichtbar zu machen.
Ein prägendes Merkmal gelehrter Texte des Mittelalters ist die Intertextualität. Wissen wurde nicht in isolierten Aussagen, sondern im ständigen Rückgriff auf frühere Autoritäten formuliert. Beda bezieht sich im vorliegenden Fragment auf Lukas 1,5: „Es gab in den Tagen des Herodes, des Königs von Judäa, einen Priester namens Zacharias, der zur Abteilung des Abija gehörte.“ Sein Kommentar entfaltet sich also an einem einzigen Vers, den er durch Hintergrundinformationen und Begriffserklärungen für die Lesenden erschließt. Dabei verweist er ausdrücklich auf andere Werke: „Lies die Verba Dierum, aber auch das siebte Buch der Antiquitates des Josephus […]“. Ersteres zitiert er im selben Textabschnitt. Verba Dierum ist vermutlich ein Verweis auf das biblische Buch Verba Dierum, das der lateinische Name für das Buch der Chronik ist – genauer das erste und zweite Buch der Chronik im Alten Testament. Das siebte Buch der Antiquitates (Antiquitates Iudaicae) von Flavius Josephus ist Teil seines großen historischen Werks über die Geschichte des jüdischen Volkes von der Schöpfung bis zum Beginn des jüdischen Krieges gegen Rom. Beda nutzt also sowohl biblische als auch außerbiblische Autoritäten, um den Text für seine Leserschaft zu kontextualisieren.
Dieses Verfahren steht im Einklang mit Bedas allgemeiner Arbeitsweise. Wie Kaczynski herausgestellt hat, stützte sich Beda in seinem Gesamtwerk besonders häufig auf vier Autoritäten: Hieronymus, Ambrosius von Mailand, Augustinus von Hippo und Papst Gregor den Großen. Beda sortierte sie als Erster in dieser Vierergruppe. Auf diese Weise trug er dazu bei, dass sie als Kirchenväter kanonisiert wurden.
Das Fragment illustriert exemplarisch, dass gelehrte Texte ständig in Bezug zu anderen Schriften stehen. In diesem Fall sind es die Bibel, die Kirchenväter und die jüdische Geschichtsschreibung, die Beda in sein Werk einbindet. Auf diese Weise wird sein Kommentar zu einem Netzwerk von Autoritäten. Kaczynski schlussfolgert, dass durch das Zitieren von Autoritäten zugleich auch Bedas eigene Autorität als Schreiber und Kommentator stieg.
Die gelehrten Textfragmente sind einerseits Ausdruck mittelalterlicher Theologie und Exegese, andererseits selbst Objekte einer modernen Wissenschafts- und Sammlungspraxis. Im Mittelalter standen sie im Zentrum der geistlichen Bildung und liturgischen Praxis; heute sind sie historische Zeugnisse, die Aufschluss über die Entwicklung der Schriftkultur und die Geschichte der Wissensvermittlung geben. Die Aufnahme dieses Fragments in Frankes Sammlung zeigt vielleicht weniger sein Interesse an hohem inhaltlichem Gewicht, sondern tendenziell seinen Willen, möglichst unterschiedliche Fragmente zu sammeln. Auch das Alter dürfte im Falle des Beda-Fragments eine Rolle gespielt haben. Das Objekt dokumentiert somit nicht nur mittelalterliche Gelehrsamkeit, sondern auch den fortwährenden Bedeutungswandel von Texten zwischen Autorität, Sammlung und Forschung.
Nicole Jager





