Ein Stundenbuch (auch Horarium oder Livre d’heures genannt) ist ein Gebetbuch für das regelmäßige Gebet von Laien. Es war die populärste Buchform des Mittelalters. Von keiner Handschriftengattung haben sich bis heute mehr Exemplare erhalten als von dieser. Nach wie vor sind Stundenbücher ein gefragter Sammlungsgegenstand. Es ist deshalb wenig überraschend, dass die Handschriften-Sammlung Hanny Frankes bei insgesamt 41 Objekten auch ein Stundenbuch (SIH0039) und acht Stundenbuchfragmente umfasst.
Ein Gebetbuch für das Stundengebet
Ein Stundenbuch enthält die in der katholischen Liturgie zu den verschiedenen Tageszeiten verpflichtenden Gebete (sog. Offizia). Gemäß der Aufforderung Christi „Wachet also und betet zu jeder Zeit, damit ihr imstande seid, zu bestehen vor dem Menschensohn“ (Lk 21, 36), dem Pauluswort „Betet ohne Unterlass“ (1 Thess 5,17) sowie den Psalmwörtern „Siebenmal am Tag singe ich dein Lob“ (Ps 119, 164) und „Mitten in der Nacht erhebe ich mich dich zu preisen“ (Ps 119, 62) soll das Stundengebet den Tag heiligen und dafür sorgen, dass das Gebet in der Kirche niemals abreißt. Zuletzt bekräftigte das Zweite Vatikanische Konzil 1963 die Heiligung des Tages durch das Stundengebet.
Entsprechend dem römischen Tageszyklus waren die Gebete ursprünglich in dreistündigen Intervallen vorgesehen: beginnend um Mitternacht mit der Matutin, fortgesetzt um 3 Uhr mit den Laudes, dann zu Beginn der Arbeit um 6 Uhr (Prim), zu ihrem Weitergang um 9 Uhr (Terz), zur Mittagspause um 12 Uhr (Sext), zur Wiederaufnahme der Arbeit um 15 Uhr (Non), zum Abschluss der Arbeit um 18 Uhr (Vesper) und am Tagesende um 21 Uhr (Komplet).
Laienfrömmigkeit
In den mittelalterlichen Klöstern standen verschiedene Bücher zur Unterstützung des Chorgebets zur Verfügung: die Bibel, Evangeliare und Lektionare, Gesangbücher und schließlich der Psalter (Zusammenstellung der 150 Psalmen des Alten Testaments, von denen gut die Hälfte König David zugeschrieben wird). Er diente seit dem frühen Mittelalter der Andachtsübung von Klerikern wie Laien außerhalb der Messe. Im 12. Jahrhundert wurden die wichtigsten Texte, insbesondere für Ordensangehörige auf Reisen und den weltlichen Klerus in einer kürzeren Version, dem Breviar, zusammengefasst.
Das Stundenbuch ist eine für Laien gedachte weitere Vereinfachung des Breviars. Sein Aufkommen Mitte des 13. Jahrhunderts, zunächst in England, lag an den veränderten Rahmenbedingungen: Neben dem Wohlstand stieg auch der Alphabetisierungsgrad von Adel und Stadtbevölkerung, was Lateinkenntnisse einschloss. Das Selbstbewusstsein dieser Schichten, die von Franziskanern und Dominikanern als laienfreundliche Bettelorden unterstützt wurden, wuchs gegenüber der Amtskirche. In der Folge stieg die Nachfrage nach einem praktischen Gebetbuch für Nichtkleriker. Das Stundenbuch erfüllte dieses Bedürfnis. Es ersetzte den Psalter als vorherrschendes Gebetbuch. Die Stundenbücher wurden überwiegend auf Lateinisch verfasst, da dies die Sprache der Kirche und der Liturgie war, und nur im Ausnahmefall in der Volkssprache; ein Beispiel für den Ausnahmefall ist das auf Niederdeutsch verfasste Fragment SIH0030. Ihre Blütezeit hatten Stundenbücher im späten 14. und im 15. Jahrhundert.
Stundenbücher wurden weniger in Klosterwerkstätten hergestellt, sondern meistens in städtischen Werkstätten, die aufgeschlossener gegenüber den Kundenwünschen waren, was in einer großen Vielfalt der Texte und Gebete sowie des Buchschmucks resultierte. Wenn auch jedes Studienbuch ein handwerkliches Einzelstück war, so gab es dennoch bereits Serien- und Vorratsfertigung. Meist hatten Stundenbücher wie das Objekt SIN0039 ein kleines Format, so dass der Besitzer oder die Besitzerin sie bei sich tragen konnten, ggf. als ein am Gürtel hängendes Beutelbuch. Bei der Nutzung von Stundenbüchern waren Frauen gegenüber Männern leicht in der Überzahl.
Das Stundengebet als religiöse Pflichterfüllung
Die Lebens- und Erfahrungswelt der Menschen im mittelalterlichen Europa, ihr Weltbild und ihre Frömmigkeit, sind für uns heute schwer nachvollziehbar. Ihr Alltag war spirituell überlagert. Die Menschen sorgten sich um ihr Seelenheil und ein günstiges Urteil am Jüngsten Tag; sie waren bereit, ihren sonstigen Tagesablauf regelmäßig für das Gebet zu unterbrechen. Der Gebrauch des Stundenbuchs war ein performativer Akt im Sinne eines Sich-selbst-Vorlesens; das Beten erfolgte als ein sprechendes bzw. singendes Lesen und resultierte so in einem fortlaufenden Gemurmel. Die Einhaltung des Stundengebets war eine gute Tat, die das Seelenheil förderte. Stundenbücher erleichterten denen, die sie sich leisten und lesen konnten, die Erfüllung ihrer religiösen Pflichten. Dass diese Pflichterfüllung im Einzelfall formalistisch und oberflächlich gewesen sein mag, ist dadurch nicht ausgeschlossen.
Standardisierter Aufbau
Der Inhalt und Aufbau der Stundenbücher waren relativ standardisiert. Sie beginnen regelmäßig mit einem immerwährenden Kalendarium. Oft findet sich dabei die erste Monatshälfte auf dem Recto und die zweite auf dem Verso eines Blattes. Überschrieben wurden die Kalenderseiten mit „KL“ für „Kalendae“ und der Nennung der Zahl der Kalender- und Mondtage im betreffenden Monat. Hinzu kommen Informationen, mit denen sich berechnen ließ, auf welchen Tag genau in einem Jahr ein bewegliches Fest fiel. Eine weitere Spalte gab den Buchstaben des Wochentages an; immer beginnend mit dem Buchstaben a für den Neujahrstag sind alle Tage wochenmäßig mit a bis f durchgekennzeichnet; der Buchstabe, auf den der erste Sonntag des Jahres fiel, war der Sonntagsbuchstabe (lettera dominicalis) des Jahres. In einer weiteren Spalte finden sich die Fest- und Heiligentage angegeben. Handelt es sich um regional verehrte Heilige, so lassen diese Rückschlüsse auf das Entstehungsgebiet des Buches zu.
Nach dem Kalendarium folgen die einzelnen Ämter (Abbildungen 3 – 12 und 15 – 21), das Marienoffizium, das Kreuzesoffizium und das Todesoffizium, jeweils mit Auszügen aus den Evangelien und Psalmen, der Heiligenlitanei und anderen Gebeten, und unterstützt durch Antiphone, Verse und Responsorien. Häufig sind auch Evangelientexte, Bußpsalmen und Heiligensuffragien enthalten. Inhaltlich gleichen keine zwei Stundenbücher einander völlig. Stundenbücher konnten in Bezug auf die Wahl der Gebete auch regional voneinander abweichen und werden so gelegentlich nach Römischen, Ambrosianischen und Pariser Ritus unterschieden.
Ausstattung und Schrift
Die visuelle Ausstattung von Stundenbüchern kann anhand von vier Strukturelementen kategorisiert werden: Textfeld und Bildfeld sowie Initiale(n) und Bordüre(n) mit ihrer Ornamentik. Der erste Baustein für den optischen Gesamteindruck von Stundenbüchern, wie von mittelalterlichen Handschriften überhaupt, ist die Schrift. Das 13.-15. Jahrhundert ist die Zeit der Textura (von lateinisch textura: „Gewebe“) oder Textualis (von lateinisch textus: Text, womit die Bibel gemeint war). Diese kalligraphische, gebrochene Schrift, dominierte auch die Stundenbücher. Im Deutschen wird sie wegen des gitterförmigen Eindrucks auch als Gitterschrift bezeichnet. Im Blocksatz resultiert sie in einem geschlossenen und verdichteten Schriftbild (Abbildungen 15 und 19).
Die Textura war repräsentativ und verlangte beim Schreiben einen Aufwand, der dem Malen vergleichbar war. Mit ihrer Betonung auf Kalligraphie ist sie nicht einfach zu lesen, da die Buchstaben, die nur aus Schäften im sog. Mittelband bestehen (i, m, n, u und v) schwer und letztlich nur aus dem Sinnzusammenhang unterscheidbar sind. Die Schönheit der Darstellung des göttlichen Worts war wichtiger als die funktionale Lesbarkeit. Da der am Ende des 15. Jahrhunderts einsetzende Buchdruck zunächst das Aussehen der Handschriften nachahmen wollte, findet sich die Textura auch noch bei gedruckten Büchern vor.
Bilder (Miniaturen)
Das Bildprogramm bezieht sich auf den Text. Im Kalendarium enthalten die Monatsseiten oft Darstellungen jahreszeittypischer Arbeiten und des jeweiligen Sternzeichens (Zodiakus). So zeigt das zur Sammlung Hanny Franke gehörende Fragment SIH0014 für September auf der Recto-Seite Arbeiter bei der Weinkelter, während auf dem Verso eine Waage als Symbol des am 24. September beginnenden Sternzeichens dargestellt wird.
Beinhaltet ein Stundenbuch Evangelienperikopen (Ausschnitte aus den Evangelien, die zur Lesung im Gottesdienst bestimmt sind), zeigen begleitende Bilder die vier Evangelisten mit den ihnen zugeschriebenen Büchern des Neuen Testaments. Schließt sich die Johannespassion an, wird sie von der Darstellung des Martyriums des Evangelisten begleitet. Das typische Bildprogramm eines Marienoffiziums sind Szenen aus dem Marienleben, etwa die Verkündigung zur Matutin, die Heimsuchung zu den Laudes, Christi Geburt zur Prim, die Verkündigung an die Hirten zur Terz, die Anbetung der Hirten zur Sext, die Vorstellung Jesu im Tempel zur Non, die Flucht nach Ägypten zur Vesper und die Marienkrönung zur Komplet. Die kürzeren Offizien des Kreuzes und des Heiligen Geistes zeigen meist nur zur Matutin ein begrenztes Bildprogramm, während die Bußpsalmen und das Totenoffizium wieder häufiger Bilder zeigen. Die Allerheiligenlitanei ist selten illustriert.
Ornamentik
Der Buchschmuck von Stundenbüchern beschränkt sich nicht auf die Illustration des Textes mit passenden Bildern. Die Ausgestaltung der Initialen sowie die Verwendung von Fleuroné und Rankenwerk waren weitere wichtige Dekorationsmöglichkeiten.
Initialen nennt man größen- und/oder gestaltungsmäßig hervorgehobene, verzierte Buchstaben am Beginn eines Textes oder Abschnittes. Sie sind regelmäßig größer als der Rest des Textes, kommen in verschiedenen Farben vor und weisen einen großen Formenreichtum auf, bis hin zu bildlichen Darstellungen. Sie können vom Rest des Textes durch einen Rahmen abgesetzt sein (Feldinitiale), Menschen oder Tieren darstellen (antromorphe bzw. zoomorphe Initiale) oder Figuren integrieren (bewohnte oder historisierte Initiale). Auch können sie mit Fleuronné geschmückt sein, einem feinen Zierwerk in Form von Ranken und Blättern, das sich in gotischen Handschriften in Frankreich ab dem 12. Jahrhundert entwickelte (siehe Kap. 5.x). Es kann auch in anderen Farben als die Initiale selbst ausgeführt sein. Rankenwerk schließlich ist ein vegetabilisches Ornament, das einen Pflanzentrieb darstellt, der sich, ohne in einen Fries eingebunden zu sein, spiralförmig entwickelt bzw. um etwas anderes schlingt.
Efeu (mit dreiteiligem, gespitztem Blatt) und Weinblätter (fünfteiliges, spitzgezacktes Blatt) werden, wenn die Blattenden spitz ausgezogen sind, auch als Dornblattranke bezeichnet. Diese ist als besonders charakteristische Form der Seitenrahmung eine Erscheinung des 14. Jahrhundert, während im 15. Jahrhundert dann wuchernde Akanthusornamente in den Vordergrund traten. Das in der Sammlung Hanny Franke befindliche Stundenbuch SIH0039 ist ein gutes Beispiel für die dekorative Wirkung des Dornrankenwerks: Das Buch, das künstlerisch zurückhaltend gestaltet ist und über keinen Bildschmuck verfügt, strahlt trotzdem mit dem feinen goldblauen Rankenwerk der Seiten, auf den die einzelnen Ämter beginnen, eine vornehme Eleganz aus.
Gebrauchsobjekt vs. Statussymbol
Mit aufwändigem Buchschmuck versehene Stundenbücher wurden schon zur Zeit ihrer Entstehung als Sammlungsobjekt begriffen. Einige Buchmaler waren namentlich bekannt. Ungeachtet des möglichen Widerspruchs zwischen christlicher Luxusentsagung und weltlichem Luxus wurden aufwendig geschmückte Stundenbücher auch zu einem modischen Accessoire und Statussymbol. Sie sollen die teuersten Gegenstände ihrer Zeit gewesen sein. Die heutige Konzentration auf die mit Miniaturen ausgestatteten Spitzenobjekte übersieht leicht die große Masse der Stundenbücher, die eher dem in der Sammlung Hanny Franke befindlichen Exemplar SIH0039 entsprochen haben dürften, das außer den (Schmuck)Initialen und der Ornamentik auf jenen Seiten, auf denen neue Kapitel beginnen, keinen Buchschmuck aufweist. Solchen Stundenbüchern begegnet man heute weniger, weil sie in ihrem täglichen Gebrauch buchstäblich ‚zerlesen‘ worden sind. Entsprechende Gebrauchspuren zeigt auch das Sammlungsexemplar. Die Prachtexemplare der Gattung haben sich deshalb gut erhalten, weil sie im Alltag kaum genutzt wurden.
Andreas Fabritius

