Bilder im Buchschmuck des Mittelalters
Die Fragmente der Sammlung Hanny Frankes kommen auffällig oft sehr bunt daher: Die von Hanny Franke so genannten “Miniaturen”, vor allem gemalte oder ausgeschmückte Initialen, stellen offensichtlich einen Schwerpunkt seiner Sammlung dar. Viele Fragmente enthalten auch aufwändigen Buchschmuck. Von Fleuronné- bis Bildeinschluss-Initiale oder Dornrankenornamenten sammelte Hanny Franke eine Vielzahl von illuminierten Handschriftenfragmenten.
Der Buchschmuck des Mittelalters, der häufig als “Illumination”, also ‘Erleuchtung’ bezeichnet wird, umfasst nicht nur einzelne Illustrationen auf einer Seite, um die Erzählung des Textes zu unterstützen. Oft wurden auch die Buchstaben und die Randzonen der Buchstaben verziert. Die Experten für diese Ausschmückung waren meist nicht die Schreiber oder Schreiberinnen, sondern Maler bzw. Malerinnen – auch Illuminatoren bzw. Illuminatorinnen genannt – die in einem eigenen Arbeitsgang tätig wurden.
Für die mittelalterliche Buchherstellung war die Buchstabenverzierung und der Randdekor ein äußerst wichtiges Element. Doch man muss bedenken, dass die meisten Bücher nur sparsam verziert oder reine Textbücher waren, da dieses Handwerk zu der Zeit sehr kostspielig war. Eine häufig gesehene minimale Verzierung ist die Rubrizierung, die durch rote Tinte bestimmte Buchstaben, Wörter, Zeichen oder ganze Sätze hervorhebt. In mittelalterlichen Handschriften wurden auf diese Weise die Formeln Incipit zu Beginn und Explicit am Ende eines Kapitels oder ganzen Textes markiert.
Initialen visualisieren den Übergang von der leeren Fläche zum beschriebenen Areal der Seite. Vor allem in liturgischen Handschriften wurden erhebliche Kosten für die Initialausstattung aufgewendet, um die Würde und die Machtentfaltung der Inhalte des Textes zu unterstreichen. Abgesehen von der kostbaren Gestaltung hatten Initialen die Aufgabe, das Buch zu gliedern und bei der Orientierung in der Textstruktur zu unterstützen. So halfen Initialen den Besitzenden kleinformatiger Gebetbücher, sich in ihren Büchern zurechtzufinden, indem sie den Beginn eines Abschnittes oder eines Gebetes hervorhoben. Zusätzlich verwiesen Illustration auf den Inhalt des folgenden Kapitels.
Zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert entstanden drei Initialformen, in in unterschiedlicher Weise zwischen Bild und Text vermittelten: Initialen mit Besatzornament, Initialen mit Füllornament und Initialen, die als Ersatzornamente gebraucht wurden. Bis zum 9. Jahrhundert entwickelte sich die Initiale mit Füllornament zur historisierten Initiale weiter, bei der der Buchstabe als Rahmen für inhaltsbezogene Bilder diente. Am häufigsten treten jedoch die einfacheren Kolumneninitialen auf, die sich der Schriftgröße anpassten und aus Ornamenten oder Figuren gebildete Anfangsbuchstaben darstellten. Im Gegensatz zu ihnen greifen größere Zierinitialen oft in den Rand aus und können gleich einer Klammer den Zusammenhang von Abschnitten markieren. Die Fleuronné-Initiale stellt eine weitere Form der Initiale dar, die seit dem 12. Jahrhundert greifbar wird. Sie zeichnet ein feines graphisches, von einem Buchstaben ausgehendes Rankenwerk aus, das sich über die Randzonen ausbreitet (siehe Kap. 5.4.)
Die Initialenmalerei wurde bis in die Zeit des frühen Buchdrucks praktiziert, wie dies gedruckte Seiten belegen, etwa Fragment Nr. 41. Die Drucker sparten Raum aus und ließen Illuminatoren die geschmückten Anfangsbuchstaben malen. ![]()
Emma Vier

