Hanny Franke – zwischen Malerei und Sammelleidenschaft
Franke ist vor allem als Maler bekannt, doch seine private Sammlungstätigkeit belegt darüber hinaus ein hohes Maß an kunst- und kulturhistorischem Interesse. Quellen und Zeitzeugenberichte legen nahe, dass er gezielt Objekte sammelte, die eine Verbindung von Kunstfertigkeit, Materialqualität und historischer Bedeutung aufwiesen (siehe Kap. 1.1., 2.2.). Diese Auswahlkriterien erklären, weshalb sich in seinem Besitz auch mittelalterliche und frühneuzeitliche Druckfragmente befanden: Sie verkörpern eine zentrale Phase der Mediengeschichte, in der handwerkliche Buchmalerei und neuer Drucktechnik nebeneinander existierten.
In der Buch- und Druckgeschichte werden alle mit beweglichen Lettern gedruckten Werke aus der Zeit zwischen der Erfindung des Buchdrucks um 1450 bis ca. 1500 als „Inkunabeln“ bezeichnet (von lat. incunabula = „Wiege, Windeln“; Hellinga, 1992, S. 465–479). Sie entstammen einerseits ddere „Wiegenzeit“ der Buchdruckgeschichte, belegen andererseits eine bewusste Fortführung der Handschriftentradition. Aufgrund ihrer Seltenheit und ihres hohen historischen Stellenwertes bilden sie vor allem in der Kunstgeschichte ein bedeutendes Forschungsfeld.
Wie Handschriftenfragmente haben sich auch spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Druckfragmente meist erhalten, weil sie als Verstärkung in Bucheinbänden wiederverwendet wurden. Manchmal tauchten aber auch einzelne ausgeschnittene Blätter oder schmuckvolle Initialen auf, die über den modernen Antiquariatshandel weitergegeben wurden (Kileff, 2025). In der Franke-Sammlung im Museum Eschborn befinden sich umfangreiche Bestände an mittelalterlichen Druckseiten mit Text- und Bildelementen, jedoch lediglich zwei Exemplare mit originaler, handausgeführter Buchmalerei.
Das Fragment im Focus: Ein „Schöffer-Druck“?

Bei einem der beiden Fragmente aus dem späten 15. Jahrhundert (SIH0040) handelt es sich um ein beidseitig bedrucktes Blatt mit gemalter Randornamentik. Wie auch bei seinen anderen Fragmenten beschriftete Hanny-Franke dieses Fragment und bezeichnete es als „Schöffer-Druck“. Tatsächlich handelt es sich nicht um einen Druck aus der Werkstatt des Mainzer-Druckers Peter Schöffer († 1503), wie Franke annahm. Das Werk lässt sich mithilfe der mittlerweile zur Verfügung stehenden Kenntnisse als Druck aus der Werkstatt des Jean (eigentlich: Johannes) Trechsel in Lyon einordnen (GW 02915). Es stammt aus dem Jahr 1497.
Der Text des Fragments ist in einer gotischen Textura gesetzt, die durch ihre enge Buchstabenstellung und die klar voneinander abgegrenzten Schaftstrichen gekennzeichnet ist (Derolez 2003, S. 82-84). Diese Textschrift wurde in Mitteleuropa zur Zeit der Inkunabel üblicherweise für liturgische Werke benutzt. (Schneider 2003, S. 60). Das Layout folgt einer zweispaltigen Anordnung, wie sie auch in zeitgenössischen Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts üblich war (De Hamel, 1994, S. 175–198). Rubrizierte Abschnittsüberschriften, die häufig mit der Formel „Questio…“ eingeleitet werden, strukturieren den Text und weisen zugleich auf die im universitären Kontext gebräuchliche Disputationsliteratur hin (Spade, 2004, S.78). Die Fragen betreffen biblische und naturkundliche Themen, wie etwa Reinheitsgebote und die Arche Noah. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Initialen, die in Rot und Blau ausgeführt sind und teils durch feine, ornamentale Zierlinien im Stil des Fleuronnée ergänzt wurden. Diese Gestaltungselemente greifen bewusst auf die Handschriftentradition zurück, Texte mit kolorierten Initialen auszuzeichnen (Schneider 2003, S. 64-65).
Im Vergleich zur handschriftlichen Überlieferung zeigt sich, dass der Druck einerseits die kalligrafische Präzision der Textura imitiert, andererseits aber durch die gleichmäßige Reproduktion eine noch größere Regelmäßigkeit erzielt. Dadurch wird zwar die Nähe zur Manuskriptästhetik gewahrt, während zugleich die mediale Eigenart des Drucks, seine technische Reproduzierbarkeit, deutlich hervortritt.
Buchmalerei
Auf einer Seite des Fragments befindet sich eine aufwendig ausgeführte Randbordüre aus farbig gemalten Blattranken, die sich im unteren Bereich der Seite horizontal entfaltet und links bis zur oberen Textzone aufsteigt. Diese Form der Verzierung war typisch für die Illuminierung von Inkunabeln in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, bei denen gedruckter Text und handgemalte Ornamentik zu einem hybriden Kunstwerk verschmolzen (Schneider, Schöffer, 2003, S. 70-71).
Die Ornamentik besteht aus dynamisch geschwungenen Ranken in kräftigem Blau, Rot und Grün, die in rhythmischer Bewegung um die Textspalten geführt sind. Eingestreut sind stilisierte Blüten, Akanthusblätter und kleine Goldtupfen, die den Eindruck von Glanz und Kostbarkeit erzeugen. Solche punzierten Goldpunkte dienten nicht nur der ästhetischen Aufwertung, sondern auch der Hervorhebung der Komposition im Spiel des Lichtes.
Stilistisch handelt es sich um eine Variante der floralen Bordürenmalerei, die im oberrheinischen Raum, insbesondere in Mainz zwischen 1470 und 1490 verbreitet war (Glatz, 1981, S. 130-131). Charakteristisch ist die Mischung aus naturalistischen Pflanzenformen (Akanthus, Blüten) und stark abstrahierten, ornamentalisierten Elementen. Die Farbpalette deutet auf den Gebrauch von Deckfarben hin (z. B. Azurit für Blau, Zinnober für Rot, Kupfergrün oder Malachit für Grün).
Bemerkenswert am vorliegenden Fragment ist, dass die Bordüre nicht in allen Bereichen ausgefüllt ist, sondern bewusst Freiflächen stehen bleiben. Dies zeigt eine ökonomische Form der Illumination, wie sie für viele gedruckte Bücher üblich war: Käufer konnten zwischen aufwendigen Vollilluminationen und reduzierten Zierformen wählen (Schneider 2003, S. 61-62).
Damit dokumentiert die Bordüre des Fragments exemplarisch den Übergangscharakter der Inkunabelzeit: Obwohl der Text mit der Druckerpresse in Serie produziert wurde, blieb das Bedürfnis nach individueller künstlerischer Ausstattung bestehen. Jedes illuminierte Exemplar war in Details einzigartig und verband so die Reproduzierbarkeit des Drucks mit der Einmaligkeit der Malerei (Schneider 2003, S. 70).
Druck- und kunsthistorische Kontexte
Die Bezeichnung des Fragments als Schöffer-Druck verweist auf die Druckwerkstatt Peter Schöffers († 1503) in Mainz. Mainz gilt als Geburtsort des europäischen Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Nach Gutenbergs wirtschaftlichem Scheitern übernahmen Johannes Fust und Peter Schöffer dessen Werkstatt. Schöffer entwickelte den Satz und die Typografie entscheidend weiter, führte klare Layoutstrukturen und aufwendige Initialgestaltung ein und setzte auf die Kooperation von Drucker und Illuminator (Schneider, 2003, S. 10-11).
Das vorliegende Blatt ist ein Beispiel für den Hybridcharakter früher Drucke: Die Haupttexte wurden gedruckt, während farbige Initialen, Paragraphenzeichen und Bordüren von Hand ergänzt wurden. Diese Kombination spiegelt den Übergang von der Handschriften- zur Druckkultur wider und zeigt, dass Käufer weiterhin Wert auf handwerkliche Buchmalerei legten. Während der Druck sich mittlerweile der genannten Lyoner Werkstatt zuordnen lässt, ist daher übrigens nicht auszuschließen, dass er doch auch durch die Schöffer-Werkstatt ging. Schöffer spezialisierte sich auch in der Illumination bereits gedruckter Handschriften – möglicherweise könnten also die Bordüren aus seiner Werkstatt stammen. Belegen lässt sich das freilich aktuell nicht.
Warum Hanny Franke von Fragmenten fasziniert war
Hanny Franke verfügte als Maler über eine breite technische Versiertheit. Neben Gemälden, Skizzenbüchern, Arbeiten in Aquarell und zeichnerischen Studien widmete er sich auch verschiedenen Verfahren der Druckgraphik, die er in unterschiedlichen Phasen seines Schaffens erprobte und weiterentwickelte (De la Cruz 2010, S. 93-97). Sein druckgraphisches Schaffen konzentriert sich vornehmlich auf Radierungen und Lithographien, die es ihm ermöglichten, Natur- und Architekturmotive zugleich detailgenau und atmosphärisch zu gestalten. Demgegenüber kommt dem Holzschnitt lediglich eine untergeordnete Rolle zu (De la Cruz, 2010, 96-97).
Die Frage, weshalb ein Maler wie Hanny Franke Druckfragmente sammelte, lässt sich nicht eindeutig beantworten, doch drei mögliche Beweggründe können erschlossen werden. Zum einen ist eine ästhetische Inspiration anzunehmen: Die ornamentale Vielfalt, das Spannungsverhältnis zwischen dem streng rhythmisierten Schwarz-Weiß des Druckbildes und der durch Rubrizierungen oder kolorierte Initialen gesetzten Farbigkeit sowie die strenge Ordnung der gotischen Textura konnten Franke als formale und gestalterische Vorbilder dienen. Zum anderen dürften ihn auch aus kulturhistorischen Gründen die Druckfragmente des 15. Jahrhunderts interessiert haben, weil diese für eine Phase von medialen Veränderungen und Kontinuitäten gleichermaßen stehen. Schließlich spielten auch die Objekthaftigkeit und die Materialität der Fragmente eine Rolle. Das handgeschöpfte Papier, die Spuren manueller Arbeit im Druckprozess sowie die durch die Jahrhunderte entstandene Patina verliehen den Fragmenten eine besondere Aura von Authentizität, die sie zu anschaulichen und zugleich sinnlich erfahrbaren Zeitzeugen machte.
Fazit
Das hier vorgestellte Fragment ist ein exemplarisches Beispiel für die Faszination, die frühe Drucke auf Sammler und Künstler des 20. Jahrhunderts ausübten. Es vereint typografische Präzision und handwerkliche Buchmalerei. In der Sammlung Hanny Frankes steht es für sein Interesse an historischen Druckerzeugnissen, die zugleich ästhetische Objekte und medienhistorische Dokumente sind. Die Beschäftigung mit solchen Fragmenten zeigt, dass Franke auch ein Kenner der Buch- und Druckgeschichte war. Seine Sammlung erlaubt Rückschlüsse auf eine Generation von Künstlern, die in der materiellen Kultur der Vergangenheit eine Quelle der Inspiration und des Studiums sahen.
Qi Zhu


