Ein Schwerpunkt der Sammlung Hanny Frankes liegt ganz eindeutig auf Fragmenten liturgischen Inhalts, und zwar spezifisch solchen Buchseiten oder Ausschnitten, die Musiknotation des Mittelalters abbilden. Dieser Schwerpunkt ist generell für viele Sammlungen mittelalterlicher Handschriften oder Fragmente typisch: Die großformatigen liturgischen Bücher wurden viel benutzt und mussten daher häufiger einmal ausgewechselt werden. Schon seit dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit wurden sie zudem zur Gewinnung von Bindungsmaterial für neue Bücher zerschnitten. Schließlich führten Liturgiereformen – nicht zuletzt im Zeitalter der Reformationen – vielerorts zur Aussonderungen bestimmter Liturgica (siehe Kap. 2.1.).
Doch drängt sich durchaus auch die Vermutung auf, dass Hanny Franke selbst ein Interesse an Texten mit musikalischem und liturgischem Inhalt hatte. Dass seine Jugend in einem katholischen Milieu ihn stark prägte und er etwa als Kind die Heiligenfeste wie St. Martin und das Singen religiöser Lieder zu den Hochfesten als wichtige Ereignisse im Jahresrhythmus erlebte, ist seinen Lebenserinnerungen zu entnehmen (Franke, Lebenserinnerungen, 1-6). Später musizierte Franke auch selbst. Eine von Georg Poppe angefertigte Zeichnung, heute im Besitz des Städel Museums, zeigt Franke etwa die Geige spielend. Viele Fragmente mit Musiknotation akzentuieren zwar auch andere Schwerpunkte der Sammlung – etwa, weil sie besonders alt waren (Kap. 4.1.) oder ihre Vorderseiten von figürlich ausgemalten Initialen geziert wurden (Kap. 4.4.). Doch drängt sich die Vermutung auf, dass Franke durchaus auch Interesse an der Musik selbst hatte.
Formen der Musiknotation

vermutlich Süddeutschland, 9.–11. Jahrhundert
Tatsächlich enthalten insgesamt sechzehn vom 11. bis ins 17./18. Jahrhundert zu datierende Fragmente Musiknotationen. In diesem breiten Spektrum sind auch die wichtigsten Formen der mittelalterlichen Musiknotation repräsentiert. So enthalten drei Fragmente sogenannte Neumen, also die früheste Form der in Lateineuropa genutzten Musiknotation für einstimmige Musik, die noch ohne Notenlinien auskam (Schmid, 1993). Die neben anderen Formen der Notation in Byzanz und anderswo aufkommenden Neumen der lateineuropäischen Welt finden sich zuerst in Klöstern. Dort wurden kleine strich-, punkt- und häkchenförmige Notationen über den Zeilen der liturgischen Texte angebracht, um als Gedächtnisstütze beim Einüben der ansonsten mündlich tradierten Gesänge zu dienen. Die Neumen sollten den Verlauf der Melodie (steigend, fallend, etc.) ansatzweise ins Gedächtnisrufen, beinhalteten aber zunächst keine Festlegung der Tonhöhen oder des Rhythmus.

Während Hanny Franke auf dem aus dem 9. Jahrhundert stammenden Fragment SIH0001 Neumen zu erkennen glaubte, enthält de facto das Fragment SIH0002 (oben), das ungefähr ins zweite Viertel des 11. Jahrhunderts datieren dürfte, die frühesten Neumen. Dieses frühe, sehr sorgfältig geschriebene und klar gegliederte Missale enthält im oberen Teil der Seite drei sorgfältig neumierte Zeilen mit den Messen der Weihnachtstage. Weitere Fragmente mit Neumen sind SIH0003, SIH0004 und das intensiv neumierte, wenn auch stark beschädigte Fragment SIH0026.

Den nächsten Innovationsschritt der Notation von Musik brachte vor allem die Einführung von Notenlinien, die dem italienischen Benediktinermönch Guido von Arezzo an der Wende zum 11. Jahrhundert zugeschrieben wird († nach 1033). In der Sammlung Hanny Frankes treten die Notenlinien vor allem in einem etwas späteren Fragment sehr deutlich vor Augen, nämlich dem Fragment eines Messbuchs aus dem Umfeld der Universität Paris, SIH0006 (c. 1270-1300), das gut sichtbare fünflinige Notenlinien enthält. Die Tonhöhen der Neumen werden durch die Linien sowie durch einen anfangs angegebenen Notenschlüssel (nicht im Bild) in ein klares Verhältnis zueinander gesetzt. Franke notierte auf diesem Fragment „Fliegenfüsse Noten“, und erwähnte damit eine typische Bezeichnung für die Form der noch eher neumenartigen Zeichen vor der Einführung der quadratischen oder runden Einzelnoten. Tatsächlich weist die Optik von SIH0006 aber eher auf die häkchenförmigen sogenannten „Hufnagel“-Noten voraus, die zur Notation liturgischen Gesangs in einigen Regionen des Mittelalters bis ins 16. Jahrhundert in Gebrauch blieben. Ähnliche Formen der Notationszeichen sind auf den Fragmenten SIH0012, SIH0020 und SIH0031 zu sehen.

Die Fragmente SIH0007, SIH0011, SIH0013 und SIH0024, die bereits ins 14. und 15. Jahrhundert datieren, zeigen dagegen sogenannte quadratische oder Quadratnotation. Mit dieser Form der Aufzeichnung wurden die ehemals eher aus Linien gebildeten Einzelzeichen der Neumen in kleine Quadrate übersetzt. Es entwickelte sich auch die Konvention, aufsteigende Sequenzen als Quadrate, absteigende aber als (auf der Ecke stehende) ‚Diamanten‘ zu notieren, was auf SIH0007 auf der untersten Zeile gut sichtbar wird.

Sogenannte mensurale Notation findet sich schließlich auf den Fragmenten SIH0034, SIH0035 und SIH0036. Diese neue Form der Notation akzentuiert die zwischenzeitlich eingetretene Verschiebung des Interesses der mittelalterlichen Musiktheorie und -praxis auf die ‚messbare‘ Musik, d.h. auf eine Notation der nunmehr rhythmisierten längeren und kürzeren Töne (Leuchtmann, 1993). Die endgültigen Formen der Notation, die man aus der Gegenwart und Moderne kennt, entwickelten sich im Verlauf der Neuzeit aus diesen mittelalterlichen Vorformen.
Während wir nicht mehr feststellen können, ob dies Zufall oder bewußte Auswahl war, lässt sich schließlich als Beobachtung festhalten, dass eine Vielzahl von Fragmenten entweder Heiligenfeiern oder die Liturgie bestimmter Hochfeste betreffen. Mindestens drei Fragmente, SIH0002, SIH0007 und SIH0026, enthalten etwa Advents- und Weihnachtsliturgie. Möglicherweise lässt sich hier ein Echo der eigenen Erfahrungen Hanny Frankes greifen.
Sita Steckel
