Kapitel 5.0
Fenster in die Welt der mittelalterlichen Buchkultur
5.2. Skripte alltäglicher Frömmigkeit: Gebrauch liturgischer Bücher und Andachtsbücher in der PraxisAuch wenn sie nur Bruchstücke der originalen Bücher sind, erlauben uns Fragmente mittelalterlicher Handschriften und Drucke heute tiefe Einblicke in die mittelalterliche Buchkultur. Hanny Frankes Sammlung deckt zwar keinesfalls das ganze Spektrum mittelalterlicher Buchproduktion ab, sondern enthält vor allem ästhetisch interessante Fragmente aus dem Bereich des christlichen religiösen Lebens. Doch sagt sie dennoch viel über den Umgang mittelalterlicher Menschen mit Büchern aus. Die Fragmente sind auch Zeugnisse für eine mittlerweile durch die Digitalisierung beendete Epoche der Wissensgeschichte, in der Bücher die wichtigsten Objekte der Wissensspeicherung waren.
Eine große Bandbreite zeigt sich etwa in der Gestaltung der meist aus Pergament, teils schon aus Papier bestehenden Seiten der Bücher. Das Layout der Bücher ist teils funktional und einfach, teils aber auch ausgeschmückt oder sogar opulent. Diese Aufmachung war nicht nur Anzeichen des Status der Menschen, die die Bücher besaßen, sondern zeigte auch die besondere Wertschätzung für bestimmte Texte an. Die großformatigen, ausgemalten Initialen, die Hanny Franke sammelte, stammten etwa aus Chorbüchern. Sie mussten zwar auch deswegen großformatig sein, da sie gut lesbar sein sollten. Doch zeigen ihre Illuminationen und die sorgfältige Ausführung gleichzeitig die hohe Wertschätzung für die christliche Liturgie. Die gelehrten Texte waren dagegen häufig nicht aufwändig ausgeschmückt. Doch wie eine Doppelseite aus einem Rechtshandbuch zeigt (SIH0008), spiegeln ihre mehrschichtige Anordnung und ihre Spuren intensiver Nutzung quasi die Komplexität mittelalterlicher Wissensproduktion.
Mehrere Fragmente der Sammlung enthalten typische Elemente des mittelalterlichen Buchschmucks. Mehrere zeigen etwa die Technik des Fleuronnée, also die Ausschmückung von hervorgehobenen Initialen durch abstrakte oder pflanzenähnliche Federverzierungen. Etliche Seiten aus Stundenbüchern zeigen zudem die typischen Ausformungen mittelalterlichen Buchschmucks, dessen Elemente oft die Illustration des Textes, die prachtvolle Ausschmückung und die funktionale Gliederung der Seite verknüpften. So enthält die Sammlung einige Gebetbücher mit kunstvollen Ausschmückungen, die sicherlich sowohl Statussymbole als auch Träger religiöser Bedeutung waren. Zeittypische Ornamente wieDornenranken und Früchte wie kleinen Erdbeeren trugen etwa auch symbolische christliche Bedeutungen.
Die Druckfragmente der Sammlung zeigen schließlich sehr deutlich, dass der Übergang zu neuen Herstellungstechniken während des 15. Jahrhunderts gerade keine Revolution, sondern eher eine ‚Vollendung‘ der mittelalterlichen Buchkultur bedeutete: Frühe Drucke wurden teils auf Pergament gedruckt und mit den Bordüren geschmückt. Auch Drucke gelehrter Handbücher wurden wie vorherige Handschriften mit der Hand farbig illuminiert. Die Fragmente der Sammlung führen so insgesamt in das hohe Niveau technischer und ästhetischer Fähigkeiten und die Wertschätzung des Wissens in vormodernen Gesellschaften vor Augen.
