Kapitel 5.1
Mise-en-page – Seitengestaltung mittelalterlicher Bücher
5.2. Skripte alltäglicher Frömmigkeit: Gebrauch liturgischer Bücher und Andachtsbücher in der PraxisBeim Betrachten einer modernen Buchseite mag vermutlich nicht gleich der Gedanke aufkommen, dass viele Elemente daraus Erbe mittelalterlicher Buchkultur sind. Doch stammen beispielsweise die Verwendung von Groß- und Kleinbuchstaben wie auch Inhaltsverzeichnisse und Überschriften verschiedener Grade aus der Epoche des Mittelalters (Jakobi-Mirwald 2004, S. 165). Auch anhand der Fragmente der Eschborner Sammlung lässt sich zumindest schlaglichtartig zeigen, wie typische mittelalterliche Buchseiten ausgesehen haben und welcher Art Bauplan oder Regelwerk sie folgten.
Das Format und die Seitenränder
Das Format mittelalterlicher Handschriften war abhängig vom Verwendungszweck und der Aufgabe des Textes und variierte somit stark in der Größe. Ein Gebetbuch, das man mit sich tragen wollte, maß etwa oft nur wenige Zentimeter, während ein Chorbuch, aus dessen Seiten eine ganze Gruppe von Sängern oder Sängerinnen gleichzeitig Noten ablesen wollte, durchaus eine Größe von knapp einem Meter erreichen konnte (Jakobi-Mirwald 2004, S. 123). Grenzen wurden der Buchherstellung vor allem von der Ausdehnung der Tierhaut gesetzt, die für die Herstellung der Pergamentblätter der Handschriften verwendet wurde. Die verwendeten Häute von Schafen, Ziegen oder Kälbern waren generell auf eine Größe von höchstens 70 x 90 cm begrenzt (Fees 2014, S.18).
Die Ausgestaltung der Seiten richtete sich über das gesamte Mittelalter hinweg nach bestimmten Richtlinien, die später im gedruckten Buch übernommen und erst jüngst aufgegeben wurden. Der innere Rand der Seite (der Bundsteg) war am schmalsten, der obere und äußere Rand (Kopf- und Schnittsteg) weisen ungefähr dieselbe Breite auf, und der untere Rand (Fuß- oder auch Schwanzsteg) ist am breitesten angesetzt(Jakobi-Mirwald 2004, S. 167). Ebendiese Verhältnisverteilung kann gut an dem Fragment SIH0033 [LINK SIH0033-recto] nachvollzogen werden.
Die Begrenzung, Spalten und Linierung des Schriftspiegels

Schon im Mittelalter gab es für die Gestaltung einer Buchseite festgelegte Regeln. Sie trugen dafür Sorge, den Inhalt optimal zu vermitteln wie auch den bestmöglichen ästhetischen Eindruck hervorzurufen. So ging ein Schreiber bei der Erstellung des Schriftspiegels mit größtmöglicher Akkuratesse vor und rechnete diesen genau aus (List/Blum 1994, S.38). Unter dem Schriftspiegel versteht man dabei den Raum, der für Schrift, Initialen und Illustrationen vorgesehen wurde (Williams-Krapp 2014, S. 39). Dieser wurde am Seitenrand markiert, um anschließend mit einem Lineal die Begrenzung und die Zeilen einfügen zu können – wie man etwa auf Fragment SIH0006 sieht.
Bei kleineren Pergamentblättern wurde nur eine Spalte eingerichtet, wohingegen größere Blätter mit zwei, seltener drei und mehr Spalten versehen wurden (Williams-Krapp 2014, S. 39). Ein Beispiel für ein Blatt mit geringen Maßen aus der Sammlung von Hanny Franke, das aufgrund dessen nur mit einer einzigen Spalte für den Schriftspiegel versehen wurde, ist das aus dem 15. Jahrhundert stammende Fragment SIH0029. Anders verhält es sich hingegen bei SIH0036, denn dieses Blatt ist im Vergleich zum hier betrachteten Fragment größer und der Schriftspiegel wurde dementsprechend in zwei Spalten unterteilt.
Wie zuvor erwähnt, wurden vor dem Eintragen des Textes auf den vorbereiteten Buchseiten meist Zeilen eingefügt, die als Hilfe für die Übertragung des Textes dienen sollten. Diese Zeilen wurden in Pergamenthandschriften bis ins letzte Viertel des 12. Jahrhunderts in der sogenannten Blindlinierung gesetzt, bei der mit einem Griffel farblose Rillen in das Blatt gezogen wurden. Später nutzte man Tinte oder einen Silberstift, um eine sichtbare Linierung herzustellen (Williams-Krapp 2014, S.40). Betrachtet man Fragment Nr. 10, so lässt sich teils eine farblich deutlich hervorgehobene Linierung erkennen, die gewährleistete, den Text gerade und ordentlich übertragen zu können. Zu beobachten ist, wie die Linierung klare Zeilen bildet, durch die das Beibehalten der immer gleichen Schriftgröße sichergestellt wurde. An demselben Fragment lässt sich die klare Einteilung des Schriftspiegels in zwei Spalten und die Begrenzungen an den Seiten des Textes erkennen.
Hierarchisierung von Schriftgrößen und -arten
Seit dem Frühmittelalter wurden häufig unterschiedliche Schriftgrößen und -arten genutzt, um bestimmte Teile eines Textes hervorzuheben. Die einfachste Art der Markierung war es, wichtige Textteile wie den Titel eines Buchs oder eines Textabschnitts in eine vergrößerte, oft besonders feierliche Schrift zu setzen, die sogenannte Auszeichnungsschrift. Doch konnten auch einzelne Abschnitte oder Worte hervorgehoben werden, indem man sie farblich abhob, gegenüber dem sonstigen Text vergrößerte oder auch einen Buchstaben in einer anderen Schriftart schrieb. Auf Fragment Nr. 36 lassen sich einige dieser Methoden der Akzentuierung wiederfinden. Den ersten Buchstaben des ersten Wortes eines Satzes grafisch hervorzugeben, also eine sogenannte Initiale von oft zwei oder mehr Zeilen Höhe einzufügen, war eine Neuerung der Karolingerzeit und lässt sich an einem der ältesten Fragmente der Sammlung beobachten. Auch das moderne System der Kombination zweier unterschiedlicher Schriftarten zur Textwiedergabe (Majuskel und Minuskel) beruht auf ebendieser mittelalterlichen Art der Kennzeichnung (Fees 2014, S. 50f.).
Die Platzierung von Miniaturen, Initialen und Ornamenten
Auch die Platzierung der Miniaturen in der Seite einer Handschrift war im Mittelalter nicht dem Zufall unterworfen, sondern folgte klaren Regelungen zum Ort des Bildes im Schriftspiegel. Der Schreiber oder die Schreiberin musste bei der Vorbereitung und Bearbeitung des Schriftspiegels in der Regel Aussparungen für den Bildraum vornehmen, damit Illustrator oder Illustratorin diesen im nächsten Arbeitsschritt ausfüllen konnten. Nur Federzeichnungen können eine Ausnahme in dieser Vorgehensweise darstellen, da die Illustratoren in diesem Fall die Motive spielerisch in den Schriftraum setzen konnten. Die Regeln der Bebilderung waren ansonsten streng. Eine ganzseitige Miniatur wurde immer in den Schriftspiegel eingepasst.Im höchsten Fall konnten Besatzornamente des Rahmens in die Seitenränder hineinragen (List/Blum 1994, S. 40).
Doch wie verhält es sich mit den Miniaturen, Initialen und Ornamenten der Fragmente aus der Sammlung von Hanny Franke? Das Fragment Nr. 16 zeigt beispielsweise eine Miniatur in Form eines Kleinbildes mit dem Martyrium des Heiligen Sebastian als Motiv. Die Miniatur ist klar in den gerahmten Schriftspiegel integriert und zusätzlich in den darin enthaltenen Text eingeschoben. Außerdem stellt die Miniatur eine bildliche Ergänzung zu dem in Latein verfassten Text des Fragments dar, da sie eben den Heiligen zeigt, der in dem Text angerufen wird.
Als Exempel für den Umgang mit den textgliedernden Initialen kann wiederum Nr. 33 herangezogen werden. Hier können wir gleich sieben auffällig gestaltete Initialen sehen. Die Initialen sind dabei nicht nur mehrfarbig gestaltet, sondern auch durch kleine Ausläufer und in Weiß gesetzte Verzierungen hervorgehoben. Wie auch bei der Miniatur sind die Initialen klar in den Schriftspiegel integriert und unterwerfen sich bis auf kleine Überschreitungen ihrer Ausläufe klar den Begrenzungen des Schriftspiegels. Wie sich beobachten lässt, sind auch die Initialen in den Text eingerückt und bilden so augenscheinlich unterschiedliche Textabschnitte.
Die Initiale auf dem Fragment Nr. 21 [Link SIH0021recto] weist ornamentale Verzierungen auf und zeigt im Vergleich mit den vorherigen Initialen deutlich, dass allein bei Besatzornamenten eine Ausnahme bei der Einhaltung der Begrenzung des Schriftspiegels gemacht wurde. Die filigran geschwungenen Ornamente schlängeln sich spielerisch von der ansonsten eingegliederten Initiale hinfort über die Begrenzungen in den leeren Seitenrand. Diese spielerische Grenzüberschreitung innerhalb des Layouts ist typisch für Fleuronné-Initialen (siehe Kap. 5. 5.).
Marginalien: Glossen und Kommentare
Schon seit der frühesten Zeit sind Handschriften erhalten, deren freigelassene Ränder Spuren der Benützung enthalten, etwa kurze Kommentare oder Markierungen, auf die man zur Orientierung im Text zurückgreifen konnte. Doch wurde die Nutzung von Randbemerkungen (Marginalien) auch zum Gliederungsprinzip bestimmter Textsorten. Besonders seit dem Hochmittelalter wurden spezielle Layouts für Texte üblich, die einen Haupttext und dazugehörige Erläuterungen (sogenannte Glossen oder Glossierung) enthielten. Das waren beispielsweise der Bibeltext und seine Auslegung und Kommentierung, oder wichtige Rechtstexte und deren gelehrte Erläuterungen. Für solche Texte wurden Gliederungsformen entwickelt, die beide Teile – den Text und seine Glossierung – in Spalten nebeneinanderstellten und in unterschiedliche Schriftgrade setzten (Fees 2014, S. 41).
Beispielhaft zeigt sich dies am Fragment Nr. 8, das einem kommentierten Rechtslehrbuch entstammt. Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass es bei diesem Fragment deutliche Abweichungen im Vergleich zu dem uns Bekannten gibt. Zwar sind zwei klar hervorgehobene Spalten im Schriftspiegel mit Text versehen, doch sind die Seitenränder nicht wie normalerweise leer, sondern werden von zusätzlich eingefügten Spalten belegt. Während der Text in den zwei mittleren Spalten geordnet und feinsäuberlich ausgeführt wirkt, ist der Text in den zusätzlichen Spalten am Seitenrand in wesentlich kleinerer Schriftart und in anderer Tinte geschrieben und mit allerlei symbolischen Verweisen sowie deutlich größeren Abständen zwischen einzelnen Abschnitten versehen. An diesen Merkmalen lässt sich eine glossierte Handschrift schnell erkennen. Doch kommt es in mittelalterlichen Handschriften auch vor, dass einzelne Kommentare in die Seitenränder eingefügt werden, wie es auch bei Fragment Nr. 10 zu erkennen ist.
Fazit
Die genaue Betrachtung und Untersuchung der Fragmente zeigt die oft in höchstem Maße durchdachte Seitengestaltung mittelalterlicher Handschriften, in der Text- und Bildbereiche vorab koordiniert wurden. Die regelmäßigen Seitenränder und der präzise berechnete Schriftspiegel mit variierender Spaltenzahl und verschiedenen Techniken der Linierung stellten Ordnung und Maß sicher. Durch die der geregelte Platzierung von Miniaturen und Initialen sowie die Verwendung von bestimmten Layout-Typen wie den glossierten Handschriften entstand ein System klar wiedererkennbarer Seitenformate. So konnten Lesende schon am Format der Seiten erkennen, welche Art von Inhalt sie erwartete. Das Erbe dieser Konventionen des Mittelalters ist bis heute zu erkennen.
Vassiliki Emanouilidis

