Kapitel 5.2
Skripte alltäglicher Frömmigkeit: Gebrauch liturgischer Bücher und Andachtsbücher in der Praxis
5.1 Mise-en-page – Seitengestaltung mittelalterlicher BücherWas ist ein Breviar? Was ist der Unterschied zwischen einem Evangelistar und einem Evangeliar? Und wie sah die Anwendung eines Stundenbuchs im Mittelalter aus? Unter anderem auf diese Fragen soll im Folgenden eingegangen werden. Mit dem Text soll vor allem Interesse für das Thema christlicher Buchtypen im Mittelalter und deren Verwendungen geweckt werden und ein erster Überblick geboten werden.
Die Bibel als Grundlage
Fast alle christlichen Buchtypen weisen einen Bezug zur Bibel auf. Sie war das umfangreichste und in ihrer Ordnung festgelegte Lehrbuch der Christen, aber auch Quelle der liturgischen Gesänge und der Erbauung in individueller Andacht. Als Tischlesungen wurde die Bibel in den Klöstern während der Mahlzeiten und zu den Nachtzeiten gelesen. Dabei wurden bestimmte Inhalte der Reihe nach gelesen, damit etwa im Laufe eines Jahres die wichtigsten Bibeltexte einmal durchgelesen werden konnten. Zudem sollte die eigene Lektüre der Bibel zu einem tieferen Verständnis und größeren Kenntnis heilsgeschichtlicher Vorstellungen und Zusammenhänge führen.
Im 13. Jahrhundert entstanden im Umkreis der Universitäten in Paris sogenannte Taschenbibeln, die der Größe unserer heutigen Bibeln ähneln und durch die es möglich wurde, den gesamten Text der Bibel mit sich zu führen. Zuvor waren die Bibeln wegen ihrer großen, die Wertschätzung für den heiligen Text anzeigenden Formate und ihrer Aufteilung in verschiedene Bücher mehr oder weniger immobil und wurden in Bibliotheken aufbewahrt. Die großen Bibeln waren für Kirchen und Klöster eher Prestigeobjekte, wohingegen Taschenbibeln sich dem veränderten Bedürfnis des Bibelstudiums und der Lehre anpassten. Doch die Bibel war auch für den Gottesdienst ein viel zu umfangreiches Buch und so wurden schon früh Textteile abgespalten, die dann zu eigenen Buchtypen zusammengefasst wurden.
Liturgische Codices
Die Evangelien als der wichtigste Bestandteile der Bibel für die Christen wurden schon früh zu einem eigenständigen Buchtyp isoliert: das Evangeliar. Das Evangeliar enthält die vier Evangelien, die von Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi berichten. Seine Hauptaufgabe lag in der Repräsentation des Wortes Gottes. Jedes der vier Evangelien innerhalb des Evangeliars beginnt mit einem Vorwort, das den jeweiligen Evangelisten und dessen Bericht charakterisiert. Darauf folgt ein Kapitelverzeichnis. Den Schluss in karolingischen Evangeliaren etwa bilden die innerhalb der Messe zu verlesenden Textabschnitte, sogenannte Perikopen. Die Ordnung der Perikopen folgt hier der biblischen Ordnung der Texte. Das Evangelistar, auch Perikopenbuch genannt, ordnete hingegen die Perikopen dem liturgischen Jahr entsprechend. Das erleichterte den Gebrauch der Evangelien für die Lesungen der Messfeier.
Das Sakramentar oder Liber Sacramentorum hingegen enthält die Gebete des Priesters für die Messfeier. Das Wort leitet sich von den sacramenta ab, den von Christus eingesetzten Heilszeichen, die der Priester durch Wort und Geste vermittelte. Daher kam ihm ein hoher Rang in der Hierarchie der liturgischen Bücher zu. Auch der Begriff des Missale, was von missa (Messe) abgeleitet wird, wurde im mittelalterlichen Sprachgebrauch für das Sakramentar verwendet. Seit dem hohen Mittelalter ist damit jedoch ein eigener Buchtyp gemeint.
In einem Antiphonar sind die Gesänge für die Messe und das gemeinschaftliche Stundengebet der Gesitlichen und Ordensleute zusammengestellt. Dabei sind zwei Typen zu unterscheiden: das Meßantiphonar, welches seit dem 12. Jahrhundert als Graduale geführt wird, und das Offizium für das Stundengebet. Die dem Begriff dieses Buchtyps zu Grunde liegende Antiphon meint einen Wechselgesang, der Verse eines Psalms oder Cancum rahmt. Das Graduale ist hingegen auf die Stufe (lat. gradus) zum Lesepult zurückzuführen, von der aus der Zwischengesang vorgetragen wurde. Die Reihenfolge der Gesänge orientiert sich an der Abfolge des liturgischen Kirchenjahres, welches am ersten Adventsonntag beginnt. Erst im 12. Jahrhundert wurden Antiphonar und Graduale getrennt. Das Antiphonar wurde daraufhin in Nacht- (Nocturnale) und Taghoren (Diurnale) aufgeteilt. Da diese Bücher mehreren Sängern gleichzeitig zur Ansicht dienten, nahmen die Musikhandschriften im Spätmittelalter riesige Formate an.
Die zuvor genannten Buchtypen finden schließlich im 13. Jahrhundert alle Eingang in das Plenarmissale (Vollmissale ). Im heutigen Sprachgebrauch ist mit Missale ein Codex gemeint, welcher alle gesungenen und gesprochenen Texte des Gottesdienst enthält. Dieses beginnt mit dem Einzugsgesang, dem Introitusantiphon, zum ersten Adventssonntag.
Andachtsbücher
Der Psalter wurde sowohl für die Liturgie des Gottesdienstes als auch für das Stundengebet genutzt. Er besteht aus den 150 Psalmen, die König David zugeschrieben werden und zu den ältesten Texten der Bibel zu zählen sind. Bis zum 13. Jahrhundert war der Psalter das einzige Andachtsbuch für Laien. Als Buch für das Stundengebet wurde der Psalter für den täglichen Gebrauch um weitere Texte ergänzt, die für die Anordnung des Stundengebets wichtig waren. Die Zusätze umfassen Vorreden und Kalender, des Weiteren biblische Gesänge, Vaterunser und Glaubensbekenntnisse sowie am Schluss weitere Lied- und Gebetstexte vor. Schließlich kamen Votivoffizien hinzu, welche später Hauptbestandteile der Stundenbücher wurden.
Das Breviar (oder Brevier, =lat. brevis, kurz) war für das Gebet des Klerus bestimmt. Die Anordnung der Texte wird durch die Gebetsstunden bestimmt und, wie im Missale, durch das liturgische Kalenderjahr. Das Breviar enthält die Psalmen zusammen mit den nötigen Zusätzen, wie Texte aus der Hl. Schrift, Heiligenlegenden, Hymnen, etc. Als mögliche Zusätze und Nachträgen sollen besonders das Kreuz-, Marien-, und Totenoffizium genannt werden. Dem Breviar steht ein Kalender voran, in dem die allgemein verbindlichen kirchlichen Feiertage, aber auch regionale Besonderheiten festgehalten sind. Zierbuchstaben dienen der Gliederung des Textes. Einzelne Feste können wie bei Fragment Nr. 32 auch durch figürliche Darstellungen hervorgehoben sein.
qEine klare Abgrenzung des Breviars zum Stundenbuch ist kaum möglich, denn gerade die zugrunde liegende Idee war die gleiche. Wohingegen die Adressaten sich unterscheiden, da das Stundenbuch von den Laien gebraucht wurde. Das Stundenbuch etablierte sich als eigener Buchtyp, in dem das Marienoffizium als Kernstück um weitere Texten ergänzt wurde. Das Stundenbuch hat eine Vielzahl von Formen ausgebildet, in denen sich der Aufbau stark unterscheiden kann. Allgemein ist zu sagen, dass es Kernbestandteile gibt: das bereits erwähnte kleine Marienoffizium, der Kalender, die Bußpsalmen, das Totenoffizium, die Litanei und zum Schluss die Heiligensuffragien. Erweiterungen können Texte aus den vier Evangelien, der Johannespassion sowie weitere Offizien umfassen.
Unter dem franziskanischen Einfluss traten vermehrt Texte vom Leiden Jesu Christi in den Fokus. Hinzu kommt eine Vielzahl von oft individuell motivierten Gebeten. Diese wie auch die ganz unterschiedlichen Bestandteile eines Stundenbuchs spiegeln die Vorlieben der Besitzer:innen wider.
Durch inhaltliche Überschneidungen ist das Gebetbuch nicht eindeutig von einem Stundenbuch abzugrenzen. Das Spektrum reicht von einer Kombinationen aus Stundenbuch und privaten Gebeten bis hin zu ganz individuell zusammengestellten Gebetssammlungen.
Die Andacht in der Praxis
Das Stundengebet greift auf die Gebetszeiten des Gebetsgottesdienst zurück, die sich nach der Benediktregel richteten. Diese bestanden aus acht Gebetszeiten, nach denen sich Kleriker und Mönche bzw. Nonnen richten sollten. Nach ihrer unterschiedlichen Gewichtung waren die Horen verschieden strukturiert und die zu betenden Texte waren ineinander verschränkt. Das Stundengebet war in Klöstern und für Weltgeistliche Pflicht.
Die Laien wiederrum konnten dieser Gebetsform nicht entsprechen. Jedoch gaben geistliche Berater und Theologen Empfehlungen, wie die Gebete verrichtet werden sollten. Das Beten mit einem Stundenbuch stellte schon eine privilegierte Form dar und kam dem liturgischen Stundengebet nahe. Im 12./ 13. Jahrhundert wurde noch das laute Beten praktiziert, wohingegen im 14. Jahrhundert das stille Gebet bevorzugt wurde. Zudem wurde das Beten mit gefalteten Händen empfohlen. Die bildlichen Darstellungen halfen zudem bei der Andacht und der Meditation. Ein Beispiel, welches darauf Bezug nimmt, findet sich im Stundenbuch der Maria von Burgund auf folio 14v. Dabei nimmt das geöffnete Fenster eine Scharnierfunktion ein. Es ermöglicht dem/der Betrachter/in einen Blick auf das, was die am Fenster sitzende Frau betend imaginiert.
Scarlett Reichert




