Kapitel 5.3
Das Fleuronnée – kunstvoller Schmuck mit einfachen Mitteln
5.1 Mise-en-page – Seitengestaltung mittelalterlicher Bücher
Ein großer, kunstvoll verzierter Anfangsbuchstabe, umrankt von filigranen Blättern, Knospen und freien Fäden in leuchtendem Blau und Rot. Dies ist keine bloße Verzierung. Es ist eine Fleuronnée-Initiale, charakteristisch für die gotische Buchkunst. Die Fleuronnéen besaßen jedoch weitaus mehr als nur eine dekorative Funktion.
Wandel der Buchkultur
Der Begriff Fleuronnée geht auf das französische fleuron – Blümchen – zurück und trat in Kombination mit Initialen ab dem 12. Jahrhundert in Erscheinung. Die Entstehung der Fleuronnée-Initiale ist untrennbar mit einem tiefgreifenden Wandel der Buchproduktion während des Hochmittelalters verbunden.
Die Herstellung von Büchern wurde zunehmend kommerzialisiert und war nicht länger ausschließlich dem kirchlichen und klösterlichen Bereich vorbehalten (Jakobi-Mirwald 2015, S. 249). Durch die steigende Nachfrage mussten Bücher nun effizienter hergestellt werden. Dennoch sollten sie auch ästhetisch schön ausgestattet sein. Während in der Romanik sogenannte historisierte Initialen dominierten, in deren Binnenfeld aufwändige szenische Darstellungen gemalt wurden, trat in der Gotik zunehmend die Fleuronnée-Initiale in den Vordergrund. Ihre Herstellung war für die neuen Käuferschichten weniger aufwändig und damit kostengünstiger (Jakobi-Mirwald 2015, S. 264). Weil sich diese Technik leicht erlernen und nahezu unbegrenzt variieren ließ, wurde das Fleuronnée zu einer der verbreitetsten Schmuckformen in gotischen Handschriften, besonders zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert.
Merkmale und Formenvielfalt des Fleuronnée
Da sie in der Regel nicht von einem Maler, sondern vom Schreiber selbst mit der Feder gezeichnet wurden, werden Fleuronnée-Initiale auch als gezeichnete Initialen bezeichnet (Jakobi-Mirwald 2015, S. 254). Sie treten überwiegend in den Farben Rot und Blau auf, später wurden sie teilweise durch Violett, Grün und Gold ergänzt und setzen sich aus floralen Ornamenten zusammen, welche den Buchstabenkörper umspielen.
Auch die Farbwahl folgt einem System. Ist eine Initiale einfarbig, wie das Beispiel SIH0021 mit einem roten Buchstaben, so wird das sie umgebende Fleuronnée in der Farbe Blau gezeichnet. Bei zweifarbigen Initialen, wie bei SIH0020 und SIH0035, wird im Fleuronnée die gleiche Farbkombination gewählt. Dass es jedoch nicht nur bei der Ausführung, sondern auch bei der Farbgebung zu Abweichungen solcher Muster kommt, zeigt das Beispiel SIH0030. Das Fleuronnée ist in schwarzer Tinte mit goldenen Verzierungen gezeichnet worden, wobei die Initiale die Farben Weiß, Gold und Blau aufweist.
In der Forschung werden im Wesentlichen zwei Entwicklungsstufen bzw. Haupttypen ausgemacht: das Palmettenfleuronnée und das Knospenfleuronnée. Typische Elemente sind daher Palmetten, Knospen und Fadenfortsätze, die in Spiralen, Schlaufen oder Perlenreihen auslaufen.
Das Palmettenfleuronnée ist die frühere Form der Fleuronnéen und war vor allem bis ins frühe 13. Jahrhundert verbreitet. Die Palmette, häufig auch nur als Halbpalmette ausgeführt, ist das bestimmende Motiv. Der Blattrand kann glatt, gestrichelt oder gebogen sein. Ein besonderes Merkmal dieser frühen Phase sind die vertikalen Fadenranken oder Fadenrankenreihen, die von der Initiale in den Randbereich ausgesendet werden. Aus diesen Ranken entwickelten sich bald die sogenannten Fleuronnée-Stäbe – kompakte, zierleistenähnliche Gebilde, die ihrerseits wieder ornamentalen Besatz trugen und so den Anstoß zur Entwicklung eines eigenständigen Randdekors gaben (Jakobi-Mirwald 2015, S. 255).
Später dominierte die Form des Knospenfleuronnées, welche durch kugelige und keulenförmige Knospen charakterisiert ist. Diese Form eignete sich besonders durch ihre Möglichkeit, unterschiedlich geformte Leerräume variantenreich zu füllen mithilfe von spiralförmigen Anordnungen (Jakobi-Mirwald 2015, S. 255). Auf den Betrachter wirken die Initiale daher häufig von einem dichten pflanzlichen Knospengewusel umgeben.
Fleuronnée in Bildern
Das Fleuronnée-Initial von SIH0020 vereint alle bereits genannten Punkte eines Knospen-Fleuronnées. Der Buchstabenkörper selbst ist in kräftigen Rot- und Blautönen gehalten. Bereits im Buchstaben selbst werden florale Elemente durch Zweifarbigkeit integriert. Der charakteristische Schmuck der Fleuronnée-Ornamentik erstreckt sich sowohl im Binnenfeld des Buchstabens als auch in den Raum um ihn herum und wurde ebenfalls in den Farben Rot und Blau ausgeführt. Auffällig sind die blasen- und knospenförmigen Motive, die von feinen Fadenranken und geschwungenen Linien begleitet werden. Diese rankenartigen Ausläufer reichen bis in den Rand der Seite und verbinden so die Initiale mit dem Layout der gesamten Seite.
Besonders gut lässt sich hier beobachten, wie sich das Knospenfleuronnée zum Füllen von Flächen eignet, wobei die Knospen je nach Platz mal größer, kleiner oder enger gesetzt gezeichnet sind. Wie bereits erwähnt, eignet sich diese Variante „noch besser zum variantenreichen Füllen unterschiedlich geformter Flächen und großer Leerräume.“ (Jakobi-Mirwald 2015, S. 255).
Dass Fleuronnée-Initialen dennoch je nach Zeit und Kostenfaktor unterschiedlich aussehen und wirken können, zeigt der Vergleich mit der Initiale SIH0035. Trotz der gleichen Farbwahl, sowohl für den Buchstaben als auch für das Fleuronnée, wirkt die Zeichnung hier feiner, detaillierter und linearer. Die Motive im Binnenfeld der Buchstaben sind sorgfältig und bewusst platziert. Es wird deutlich, dass die Anordnung der Ornamente nicht willkürlich, sondern nach wiedererkennbaren Mustern erfolgte. Einzelne Grundformen eines Knospenfleuronnée können in bestimmten Formationen bzw. Figurationen gruppiert sein. Solche Knospenspiralen, wie sie in dieser Fleuronnée-Initiale vorkommen, sind ein typisches Element der Binnenfelder (Roland 2010, S. 105). Auch die spiralig eingerollten Abschnitte der Fäden, sind typisch und verleihen dem Ornament einen lebendigen, fast wuchernden Charakter.
Das Fleuronnée ist mehr als nur schön
Die malerische Ausstattungen mittelalterlicher Büchern erfüllten meist mehrere Funktionen gleichzeitig (Jakobi-Mirwald 2015, S. 249). Die primäre Aufgabe der Fleuronnée-Initiale war und blieb die Gliederung des Textes (Jakobi-Mirwald 2004, S. 166). Sie markierte visuell den Beginn eines neuen Abschnitts, eines Kapitels oder eines Verses und half den Leser*innen, sich im Text zu orientieren – eine Funktion, die „beginnend bei den schlichtesten rubrizierten Buchstaben bis hin zur ganzen Bildseite“ (Jakobi-Mirwald 2015, S. 249) reicht.
Doch die Fleuronnée-Initiale ging über diese rein strukturelle Rolle hinaus. Für die kunsthistorische Forschung ist sie heute „ein fast omnipräsentes Datierungs- und Lokalisierungskriterium, das an Rang der Textschrift selbst kaum nachsteht.“ (Jakobi-Mirwald 2015, S. 254). Die unzähligen regionalen und zeitlichen Ausprägungen der Fleuronnée-Motive ermöglichen es Expert*innen, Handschriften relativ genau zu datieren und geographisch einzuordnen. Die verschiedenen Stile waren ein Teil der Identität einzelner Orte oder auch Klöster. Ob eine Handschrift aus einer Pariser Werkstatt, aus dem oberitalienischen Raum oder aus dem deutschsprachigen Gebiet stammt, offenbart sich häufig am spezifischen Stil der Fleuronnée-Ornamente.

Zugleich markiert die Fleuronnée-Initiale einen Bedeutungswandel des Buchschmucks vom handwerklichen Strukturelement hin zu einer eigenständigen Kunstform und erfüllt damit auch eine ästhetische Funktion. Die feinen Linienwerke machen die Handschriften zu kunstvollen Objekten. Während sie in prachtvollen und teuren Stundenbüchern neben einer Reihe von Verzierungen standen, waren sie in schlichteren Stundenbüchern oftmals die einzige Ausstattungsform.
Ein bleibendes Erbe des Fleuronnée
Es lässt sich festhalten, dass Fleuronnée-Initiale weitaus mehr sind als nur eine schöne Verzierung. An ihnen lassen sich tiefgreifende kulturelle, künstlerische, aber auch ökonomische Veränderungen in den verschiedenen Gebieten Europas des Hoch- und Spätmittelalters ablesen. Ein Fleuronnée ist ein funktionales Gliederungselement, eine Alternative zur zeitaufwendigen und kostspieligen Buchmalerei und daher für die Kunstgeschichte unverzichtbar. Die Fleuronnée-Initiale prägt über Jahrhunderte das Erscheinungsbild des europäischen Buches, wie wir es zu dieser Zeit kennen. Es ist eine Sprache der Gotik – welche uns auch heute noch immer wieder begegnet.
Katharina Reihle

