Kapitel 5.4
Blühende Blumen in Büchern. Florale Bordüren in spätmittelalterlichen illuminierten Büchern
5.1 Mise-en-page – Seitengestaltung mittelalterlicher BücherFlorale Bordüren in Hanny Frankes Sammlung
Etliche der Fragmente mittelalterlicher Bücher, die Hanny Franke dem Museum Eschborn vermachte, sind an ihren Rändern mit exquisiten floralen Motiven verziert. Derartig kunstvolle florale Bordüren zogen nicht nur Hanny Franke in ihren Bann, sondern offenbar auch vormoderne Menschen. Wie die zahlreichen erhaltenen Handschriften mit entsprechenden Ausschmückungen zeigen, enthalten mittelalterliche europäische Bücher eine unvergleichliche Fülle floraler und pflanzlicher Ornamente und Bordüren. Diese zarten Blumenornamente eröffnen nicht nur Einblicke in die Meisterschaft der mittelalterlichen Buchmaler, sondern spiegeln zugleich deren ästhetisches Empfinden wider. Sie öffnen auch ein Fenster zur profanen und geistlichen Welt jener Zeit. Welche Funktionen erfüllten also die floralen Bordüren jenseits ihrer ästhetischen Wirkung? Welche Blumen treten in illuminierten Büchern besonders häufig auf? Und welche symbolische Bedeutung schreiben wir Blumen und Pflanzen in unserer Kultur zu?

Entwicklung der floralen Bordüren in illuminierten Büchern
Die früheste bekannte illuminierte Handschrift ist der Vergilius Augusteus aus dem 4. Jahrhundert. Obwohl das Buch weder Goldauflagen noch farbige Illustrationen aufweist, zeigt es erstmals dekorierte Initialen, die später zu einem charakteristischen Merkmal illuminierter Handschriften werden sollten. In der Ilias Ambrosiana aus dem 5. Jahrhundert finden sich bereits zahlreiche Illustrationen. Die frühesten illuminierten Handschriften orientierten sich überwiegend an mythologischen und religiösen Themen, wobei die Bildinhalte vor allem figürliche Darstellungen umfassten (Mark 2018, 8-9).
Das Auftreten von Pflanzen- und Blumenmotiven in Handschriften erfolgte deutlich später. Ihre frühesten Erscheinungsformen dienten keinen dekorativen oder ästhetischen Zwecken. Im Liber de Simplici Medicina Secreta Salernitana des Arztes Platearius aus dem 12. Jahrhundert finden sich florale Darstellungen, die zur Identifikation von Pflanzen sowie zur Erklärung ihrer medizinischen Wirkungen eingesetzt wurden. Sie dienten damit der Kräuterkunde und botanischen Forschung (Fisher 2004, 9). Etwa zur selben Zeit begannen Buchmaler zudem, Pflanzen- und Blumenmotive zur Ausschmückung der Initialen in illuminierten Handschriften zu verwenden. Ab dem 12. Jahrhundert entwickelte und verbreitete sich in Frankreich ein Ornamenttyp, der als Fleuronnée bezeichnet wurde (siehe Kap. 5.3). Durch die Umgestaltung der Buchstaben und die Hinzufügung von Elementen wie Palmetten, Knospen oder Rosetten wurden die Initialen kunstvoll verziert, sodass sich florale Ornamente und Schriftzeichen auf raffinierte Weise miteinander verbanden (Jakobi-Mirwald 2008, S. 65-70).

Die Entwicklung der traditionellen Kräuterkunde und der Botanik lenkte die Aufmerksamkeit der Künstler auch auf die Beobachtung von Pflanzen und Blumen. Im 14. Jahrhundert dienten Pflanzenmotive nicht mehr nur dem Schmuck von Initialen, sondern auch der Dekoration der Buchränder. Die Wertschätzung von Blumen durch Künstler wie auch durch die breite Öffentlichkeit zeigte sich in verschiedensten Medien: in der Tafelmalerei, in Wandteppichen, in der Kirchenbauplastik und insbesondere in den Randdekorationen der illuminierten Handschriften (Fisher 2004, S. 10). Der Rand oder der Rahmen spielte neben den zentral platzierten Texten und Miniaturen eine dritte, ebenso bedeutende Rolle innerhalb des Layouts von Handschriften. Auch Bordüren, also mit ornamentalen oder figürlichen Motiven gebildete Rahmen, erfüllten weit mehr als nur ästhetische Funktionen. Sie konnten Miniaturen mit dem Text verklammern, als Vermittler zwischen Textblock und Bildzone fungieren oder eine visuelle Verbindung zwischen Fläche und Raum herstellen. Zudem können die in der Bordüre enthaltenen Bildelemente zusätzliche narrative Informationen liefern, vergleichbar den marginalen Glossen (Grebe 2006, S. 46).
Pflanzen und Blumen wurden von mittelalterlichen Menschen nicht nur aufgrund ihres praktischen medizinischen Nutzens geschätzt, sondern ebenso wegen ihrer Schönheit und Vielfalt. Die in den floralen Bordüren dargestellten Blüten verweisen auf die von Gott geschaffene Schönheit der Natur sowie auf die göttliche Ordnung der Welt. Zugleich besaßen viele Blumen eine spezifische symbolische Bedeutung. Dies erklärt auch das gemeinsame Auftreten von floralen Bordüren und religiösen Texten in illuminierten Handschriften, insbesondere in Stundenbüchern. Viele mittelalterliche Stundenbücher wurden eigens für wohlhabende Oberschichten angefertigt und zeichnen sich durch eine prächtige buchmalerische Gestaltung aus. Die Wappen oder heraldischen Zeichen ihrer Besitzer können dabei häufig in Form von Blumen- oder Pflanzenmotiven erscheinen, die deren persönliche Identität und soziale Stellung visuell hervorheben (Fisher 2004, S. 11).

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurden florale Motive als Bestandteil der dekorativen Bordüren zu einem dominierenden Merkmal der Stundenbücher. Die floralen Bordüren entwickelten sich zu zunehmend feineren und kreativeren Gestaltungen. In einem flämischen Stundenbuch um 1480, dem sogen. Hastings Stundenbuch, erscheinen naturalistische Blüten und Pflanzenteile etwa vor einem goldenen Hintergrund, als seien sie eben erst gepflückt worden (Fisher 2004, S. 10). Die unter den Blüten gesetzten Schatten erzeugen einen Trompe-l’œil-Effekt. Die bewusst über den Rahmen hinweg gemalten Insekten lassen die Blumen nahezu lebendig erscheinen. In stärker verbreiteten und konventionalisierten Stundenbuchtypen wurden weniger aufwändige Ausschmückungen mit Pflanzen-, Frucht- und Blumenmotiven üblich, wie etwa die Fragmente SIH0014 und SIH0029 zeigen.
Doch Stundenbücher verbreiteten sich allmählich auch in breiteren Bevölkerungsschichten. Werkstätten in Burgund und Frankreich fertigten daher auch Stundenbücher an, die mit einfachen Blumen- und Initialdekorationen versehen waren wie das Fragment SIH0039. Diese Stundenbücher verzichteten meist auf großflächiges Blattgold, und ihre Farbpalette war normalerweise auf Blau, Rot, Grün und Schwarz beschränkt. Schließlich ermöglichte die Entwicklung des Buchdrucks eine massenhafte Verbreitung von Büchern. Eine praktische Kombination aus gedruckten Schriften und handgemalten Verzierungen trat dabei in Erscheinung, wie etwa SIH0040 zeigt. Im 16. Jahrhundert wurden die exquisiten, aber aufwändigen illuminierten Handschriften des Spätmittelalters nach und nach durch gedruckte Bücher mit Stichen und Holzschnittillustrationen ersetzt.

Symbolische Bedeutungen
Auch in der heutigen Kultur dienen Blumen neben der ästhetischen Wirkung oft noch als Mittel der Kommunikation. Formen dieser symbolischen Funktion von Blumen fanden sich bereits in mittelalterlichen illuminierten Handschriften, in denen zumeist auf religiöse Bedeutungen verwiesen wurde. In den Stundenbüchern geben florale Bordüren ihren Lesern durch ihre symbolischen Bedeutungen spirituelle Orientierung. Unter den unzähligen Blumen, die in den floralen Bordüren der Stundenbücher erscheinen, stehen bestimmte Arten besonders häufig im Mittelpunkt und in enger Verbindung mit dem religiösen Charakter der Stundenbücher.
In der Verkündigungsszene der Très Riches Heures du Duc de Berry, einem der bedeutendsten und berühmtesten Stundenbücher des 15. Jahrhunderts, überreicht der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria eine Lilie. Diese Lilie symbolisiert nicht nur die übernatürliche Reinheit der Gottesmutter, sondern zugleich ihre Heiligkeit. Seit der Maler Duccio im 13. Jahrhundert die Lilie in seinen Verkündigungsdarstellungen etablierte, wurde diese Blume zu einem nahezu unverzichtbaren Element in sämtlichen Darstellungen dieses Themas (Fisher 2004, S. 74).
Als Guillaume de Lorris um 1260 den allegorischen Roman de la Rose verfasste, verknüpfte er die rote Rose mit der Liebe. Im Mittelalter wurde die rote Rose zudem von der Kirche zur Verehrung der Jungfrau Maria eingesetzt. Die gefüllte rote Rose galt als Symbol für Liebe und Romantik, während ihre goldene Blütenmitte auf Fruchtbarkeit verwies. Die Gottesmutter selbst wurde in diesem Zusammenhang häufig als „eine Rose ohne Dornen“ beschrieben.
Die symbolische Bedeutung des Gänseblümchens leitet sich aus seinem medizinischen Nutzen ab. Sein lateinischer Name Bellis bedeutet „Krieg“ und verweist auf seine schnelle wundheilende Wirkung auf dem Schlachtfeld. Daher ist es sinnstiftend, dass das Gänseblümchen als Symbol einer starken weiblichen Schutzfigur verstanden wurde. Die Verbindung zwischen dem Gänseblümchen und der Jungfrau Maria ist zwar sekundär, doch teilen beide die Rolle der Schutzfigur.
Die Nelke wurde vom griechischen Botaniker Theophrastus als Dianthus, also „Blume der Götter“, bezeichnet (Fisher 2004, S. 96). In den illuminierten Handschriften des 15. Jahrhunderts erscheint sie häufig als dekoratives Motiv in den Bordüren und fungiert insbesondere in Verlobungsporträts als verbreitetes Symbol der Treue.
Schließlich gehört die Erdbeere zu den am häufigsten dargestellten Motiven in den floralen Bordüren mittelalterlicher illuminierten Handschriften. In der christlichen Kunst symbolisiert ihre vollkommen geformte Frucht die Jungfrau Maria: Die weißen Blüten und die roten Beeren stehen für Reinheit und Martyrium, während die dreiteiligen Blätter auf die Trinität verweisen. In den floralen Randdekorationen erscheinen Erdbeeren daher nahezu immer gemeinsam mit ihren Blüten und dem charakteristischen Laub.
Fazit
Die floralen Bordüren in den illuminierten Handschriften des Mittelalters entwickelten sich zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert von botanisch motivierten Zeichnungen zu elaborierten und hochkomplexen Kompositionen, die als weiteres visuelles Layoutelement zu Texten und Miniaturen hinzutraten. Ursprünglich dienten Blumendarstellungen in Kräuterbüchern der Identifikation und medizinischen Erklärung, bevor sie in illuminierten Handschriften als eigenständige Rahmenornamentik verwendet wurden. Neben ihrer ästhetischen Funktion erfüllten florale Bordüren auch strukturelle und narrative Aufgaben. Sie gliederten den Text, verbanden Bild- und Schriftfelder und boten zusätzliche ikonografische Hinweise. Die dargestellten Blumen trugen darüber hinaus spezifische symbolische Bedeutungen – Lilien standen für Reinheit, Rosen für Liebe, Nelken für Treue. Damit bildeten florale Bordüren nicht nur ein dekoratives Element, sondern eröffneten zugleich einen Zugang zur spirituellen und kulturellen Vorstellungswelt des Mittelalters.
Yun Jiang
