Pergament, unregelmäßig beschnittenes Blatt
97 x 185 mm
Alt-Nr. 4.
Bei diesem wohl ältesten Stück der Sammlung handelt es sich um ein einzelnes, beidseitig beschriebenes Pergamentblatt aus einem ursprünglich umfangreicheren Codex. Eine Blattzählung ist nicht erkennbar, doch fügte Hanny Franke am linken Rand der Recto-Seite eine moderne Signatur mit Bleistift hinzu („Nr. 4“). Der Erhaltungszustand ist als mäßig bis schlecht zu bewerten. Deutliche Verfärbungen sind über die gesamte Fläche verteilt, insbesondere an den Rändern sowie auf der Rückseite. Die Schrift ist daher teils unleserlich. Die Beschneidung des Blattes und die Leim- und Papierreste auf dem Verso lassen vermuten, dass das Fragment sekundär als Makulatur verwendet wurde.
Der Schriftträger zeigt noch Spuren der Herstellung des Buches. Das Blatt wurde durch Rastrierung für den Schreibvorgang zugerichtet. Auf der Recto-Seite ist eine trockene Rillung zur Zeilenvorzeichnung mit gleichmäßigen vertikalen und horizontalen Linien erkennbar. Der Schriftraum ist beidseitig sauber begrenzt. Das Layout des ursprünglichen Codex wurde also sorgfältig geplant. Die in schwarzer Tinte ausgeführte Schrift ist eine karolingische Minuskel und lässt sich ins 9. oder frühe 10. Jahrhundert datieren. Die Buchstabenhöhe ist gleichmäßig, der Duktus gut und die Zeilenführung regelmäßig, es gibt außer „et“ (&) und „st“ keine Ligaturen mehr, a kommt nur noch in einer geschlossenen Form vor.
Der Text wird in einer einspaltigen Anordnung präsentiert und enthält keine Initialen oder farblich hervorgehobenen Elemente. Die Schrift zeichnet sich durch eine effiziente Nutzung des verfügbaren Raums aus, wirkt aber nicht gedrängt. Diese Merkmale deuten darauf hin, dass es sich um einen hochwertigeren Kodex handelt. Am linken Rand der aktuell vorne liegenden Seite sind fünf Markierungen erkennbar, die ein Zitat im Text anzeigen.
Der Text ist in lateinischer Sprache verfasst und lässt sich als Ausschnitt aus dem Kommentar zum Lukasevangelium identifizieren, den der bedeutende angelsächsische Gelehrte Beda Venerabilis (c. 672/3–† 735) zwischen 709 und 716 n. Chr. verfasste (Brown 2023, S. 14). In seiner vollständigen Form umfasst der Kommentar (In Lucae Evangelium expositio) ein Vorwort (prooemium) und 6 Bücher mit je einem einleitenden Paragraphen (Brown 2023, S. 60). Der vorliegende Ausschnitt stammt aus dem Vorwort und dem Anfang des 1. Buchs. Da das Vorwort aktuell auf der Rückseite des Fragments liegt, die von Hanny Franke bestimmte Schauseite aber das 1. Kapitel wiedergibt, lässt sich rückschließen, dass die aktuelle Rückseite die Recto-Seite des ursprünglichen Codex war. Ob dies am Inhalt oder an schon vorhandenen Beschädigungen lag, ist leider nicht mehr nachvollziehbar.
Nicole Jager
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Nicole Jager, “Beda Venerabilis, Kommentar zum Lukasevangelium, 1. Hälfte 9. Jahrhundert”, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 42
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