Pergament, unregelmäßig beschnittenes Einzelblatt
19,6 x 8 cm
Alt-Nr. Franke: 4a. Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „Karolingische Handschrift (1. Hälfte 9. Jahrh.) (mit Neumen)“
Das unregelmäßig beschnittene Fragment ist eines der interessantesten Stücke der Sammlung. Es enthält in einer sehr klaren und hochwertigen karolingischen Minuskel mehrere Abschnitte liturgischer Texte und oben und mittig identifizierbare liturgische Gesänge. Das Fragment ist seitlich relativ stark beschädigt. Es scheint aus einem für die Zeit großformatigen Codex zu stammen und enthält eine Weihnachtsliturgie mit Neumen, also frühen Musiksymbolen.
Die Handschriften erscheint hochprofessionell produziert. Das ausgewogene Seitenlayout folgt zeitgenössischen Proportionssystemen und integriert mehrere Informationsebenen (Text, Musik, Rubriken). Die Schrift ist harmonisch und zeigt eine geschulte Schreiberausbildung. Die ästhetische Raffinesse deutet auf ein großes Skriptorium. Betrachter sollten auf die eckigen Neumenformen über dem lateinischen Text, die charakteristische karolingische Minuskel mit ihrer klaren Buchstabentrennung und die roten verzierten Initialen achten, die liturgische Abschnitte markieren. Die paläographischen Kennzeichen deuten auf ein Skriptorium in Süddeutschland oder Ostfrankeich mit Verbindungen zum Hof.
Inhaltlich repräsentieren die Gesänge das Kernrepertoire der römisch-fränkischen liturgischen Synthese, die während der karolingischen Reformen etabliert wurde. Die systematische Anordnung bewahrt Teile der elaborierten Weihnachtsfeierstruktur (Mitternachtsmesse und Morgenmesse), die im mittelalterlichen westlichen Christentum Standard wurde.
Das Fragment dürfte eines der frühesten Beispiele für diese Art des liturgischen Buchs sein. Die Bewahrung der Weihnachtsliturgie des Fragments mit sowohl textlichen als auch musikalischen Elementen bietet unschätzbaren Einblick in die liturgischen Reformen, die das mittelalterliche Christentum prägten und Praktiken etablierten, die die westliche Musiktradition bis heute beeinflussen.
Oleksandr Okhrimenko
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Oleksandr Okhrimenko, Fragment eines Missale mit Neumen (Weihnachtsliturgie), vermutlich Süddeutschland, 9.–11. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 50.
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