Fragment: SIH-0004
Fragment eines Missale, wohl aus einem deutschen Benediktinerkloster, c. 1150-1200
Pergament, unregelmäßig beschnittenes Einzelblatt
32,5 x 20,5 cm
Sammlernotiz auf dem alten Passepartout: „(mit Neumen) 10.–11. Jahrhundert (deutsch)?“
Dieses bemerkenswerte Handschriftenfragment repräsentiert einen entscheidenden Moment in der mittelalterlichen europäischen Kulturgeschichte, den Übergang von der karolingischen zur gotischen Schrifttradition in deutschen Klöstern des 12. Jahrhunderts. Es handelt sich um ein beschnittenes und leicht beschädigtes Fragment, das Spuren einer Faltung und Klebebandspuren aufweist. Vorder- und Rückseite unterscheiden sich und lassen auf einen zweistufigen Produktionsprozess schließen. Die jetzt als Vorderseite bezeichnete Seite (ursprünglich wohl Verso) war offenbar als reines Textbuch liturgischen Inhalts angelegt, wurde aber später auf der Rückseite mit Musiknotation ergänzt. Dies zeigt, wie Klostergemeinschaften ihre Bücher an sich entwickelnde Aufführungspraktiken anpassten. Das Fragment bewahrt Gesänge für Heiligenfeste (Michael, Hieronymus, Remigius).
Das Schriftbild legt nahe, die ursprüngliche Sammler-Zuschreibung ins 10.–11. Jahrhundert zu revidieren. Die sichtbare gotische Minuskel existierte definitiv nicht vor dem 12. Jahrhundert. Was in diesem Fragment erscheint, ist Protogotik oder Übergangsschrift. Sie wird charakterisiert durch karolingische Buchstabenformen mit verstärkter Winkeligkeit und seitlicher Kompression, sich entwickelnde Serifen, die von karolingischen Keulenformen zu gotischen gespaltenen Serifen übergehen, proportionale Veränderungen und rote Initialverzierung, die typisch für deutsche liturgische Handschriften des 12. Jahrhunderts ist.
Regional und institutionell dürfte die Handschrift aus einem großen benediktinischen Zentrum im deutschsprachigen Bereich kommen. Die Protogotik-Entwicklung erscheint charakteristisch für deutsche Skriptorien. Die Musiknotation repräsentiert wahrscheinlich die deutsche Hufnagel-Tradition. Die zweistufige Produktion (Text gefolgt von Musiknotation) ist typisch für Klosterpraktiken im deutschsprachigen Raum. Daher könnte das Fragment aus einem Zentrum wie St. Gallen oder St. Emmeram, aus einem Kloster des Hirsauer Reformnetzwerks oder aus den Skriptorien im Raum Köln oder Trier-Echternach stammen.
Die veränderte Datierung platziert die Handschrift in eine entscheidende Periode liturgischer Reform und skriptoraler Innovation statt der früheren ottonischen Renaissance, was ihre historische Bedeutung grundlegend verändert.
Oleksandr Okhrimenko
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Oleksandr Okhrimenko, Fragment eines Missale, wohl aus einem deutschen Benediktinerkloster, c. 1150–1200, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 50.
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