Fragment: SIH-0006
Fragment eines Missale aus Paris oder Umgebung, c. 1270–1300
Pergament, unregelmäßig beschnittenes Einzelblatt.
184 x 133 mm
Alt-Nr. 8: „12.–13. Jahrh.“ sowie Sammlerbeschriftung auf dem Blatt: „13. Jahrh.“ und umseitig: „13. Jahrh. Fliegenfüsse Noten“.
Fragment SIH0006 stellt ein hochwertiges liturgisches Missale aus dem späten 13. Jahrhundert aus Nordfrankreich dar, höchstwahrscheinlich aus Paris (ca. 1270–1300). Erhalten ist nur ein Teil einer beidseitig mit Musiknotation und Text beschriebenen Seite. Das Fragment ist nachgedunkelt und weist Falt- und Klebespuren auf.
Inhaltlich bewahrt das Fragment Teile der Fastenliturgie mit sowohl textlichem als auch musikalischem Inhalt und zeigt die anspruchsvolle gotische Handschriftenproduktion, die die Pariser Skriptorien charakterisierte. Zu beobachtende Hauptmerkmale umfassen die ausgereifte gotische Textualis-Schrift mit charakteristischem “Beißen” der runden Buchstaben, die systematische Abwechslung rot-blauer federverzierter Initialen und die Integration der Quadratnotation auf vierliniigen roten Systemen. Diese Notation repräsentiert das vollständig entwickelte System, das nach 1270 Standard wurde und dieses Manuskript von früheren Übergangsnotationen unterscheidet.
Paläographisch zeigt das Fragment Charakteristika der nördlichen Textualis, spezifisch der littera Parisiensis, also der komprimierten, standardisierten gotischen Textualis, die die Pariser Buchproduktion von anderen europäischen Zentren absetzt. Die anspruchsvollen federverzierten Initialen in abwechselnd Rot und Blau („Lombarden“) wurden nach 1250 Standard, wobei die hier sichtbare Qualität und Integration mit Werkstattpraktiken von 1270–1300 übereinstimmt. Auch die professionelle Koordination von Schrift, Notation und Dekoration spiegelt die spezialisierten kommerziellen Skriptorien wider, die die Pariser Handschriftenproduktion im späten 13. Jahrhundert dominierten und sowohl universitäre als auch internationale kirchliche Kundschaft bedienten. Das Manuskript teilt entscheidende Merkmale mit sicher datierten und lokalisierten Pariser Gradualien. Das Fragment demonstriert die professionelle kommerzielle Werkstattproduktion, die Paris im späten 13. Jahrhundert zum führenden Zentrum europäischer liturgischer Handschriftenerstellung machte.
Oleksandr Okhrimenko
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Oleksandr Okhrimenko, Fragment eines Missale aus Paris oder Umgebung, c. 1270–1300, n: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 53.
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