Fragment: SIH-0007
Antiphonar aus Nordfrankreich oder Westdeutschland, c. 1330–1380
Pergament, beschnittenes Einzelblatt
24 x 33 cm
Alt-Nr. 9. Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „14. Jahrh.“
Dieses außergewöhnliche Fragment bewahrt ein anspruchsvolles Beispiel nordeuropäischer liturgischer Buchproduktion des 14. Jahrhunderts. Blickfang ist eine kunstvolle Fleuronné-Initiale „I“ in mehreren Farben. Das Fragment war Teil eines Codex, der systematisch zerlegt wurde, möglicherweise während nachreformatorischer Säkularisationen, als Klosterbibliotheken aufgelöst wurden.
Das Manuskript demonstriert die ausgereifte gotische Textualis-Schrifttradition mit eleganter Fleuronné-Dekoration, die charakteristisch für franko-germanische Skriptorien zwischen 1330–1380 ist. Betrachtende sollten die raffinierten paläographischen Merkmale beachten, einschließlich der charakteristischen gespaltenen Oberlängen mit dekorativen Haarlinien, der anspruchsvollen dreifarbigen Initialdekoration (blau, rot, grün) und der präzisen quadratischen Musiknotation auf roten Notenlinien. Dieses Fragment repräsentiert den hohen Standard institutioneller Manuskriptproduktion während der spätmittelalterlichen Periode, als professionelle Skriptorien standardisierte liturgische Bücher für Kloster- und Domgemeinschaften in ganz Nordeuropa schufen.
Inhaltlich zeigt das Fragment das Responsorium Isti sunt sancti qui Christi amore minas hominum contempserunt für das Commune Plurimorum Martyrum. Dieses Responsorium stellt eine Variante unter mehreren Isti sunt sancti-Responsorien in der mittelalterlichen liturgischen Tradition dar, ausgezeichnet durch seine Betonung der Märtyrer, die menschliche Bedrohungen durch göttliche Liebe verachteten. Der Text demonstriert die Standardisierung der Märtyrerliturgie im mittelalterlichen Europa, mit nahezu identischen Varianten, wie sie sich auch aus anderen Regionen (vgl. Rom, Bibliotheca Apostolica Vaticana, Ms. lat. 8737 oder Montréal, McGill University, Ms. Medieval 0234) vom 13. bis ins 16. Jahrhundert erhalten haben.
Oleksandr Okhrimenko
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Oleksandr Okhrimenko, Antiphonar aus Nordfrankreich oder Westdeutschland, c. 1330–1380, , in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 55.
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