Fragment: SIH-0009
Nikolaus von Lyra, Kommentar zur lateinischen Bibel, 15. Jahrhundert
Pergament, Doppelblatt
32 x 49 cm
Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „14.–15. Jahrh.“ Auf der vierten Seite von späterer Hand:
„Weinschancks Rechnung der Stadt
Alsdeldt bej dem weinschencken
Muthian Bardtman de
A[nn]o 67 usq[ue] ad
Annum 68
Vincula Petri geendet.“
Das Fragment ist ein Doppelblatt, das aus seiner ursprünglichen Lage gelöst und zudem beschädigt wurde. Es wurde im 20. Jahrhundert mit Klebeband repariert. Spuren der praktischen Nutzung und Bearbeitung sind auf der Verso-Seite sichtbar, wo sich am rechten Seitenrand in jüngerer Hand eine probatio pennae befindet, also eine Federprobe. Auf der anderen Hälfte des Doppelblatts ist eine gänzlich andere Schicht der Nutzung dokumentiert: Hier findet sich eine Eintragung mit einem Verweis auf eine Weinrechnung – ein Rechnungsbuch, offenbar aufgestellt vom Weinschenken Mathias Bardtman, datiert auf das Jahr [15]68. Es handelt sich vermutlich um den Weinschanken Muth Bardtmann in Alsfeld. Darüber hinaus ist auf demselben Blatt auch die Jahreszahl 1567 notiert – ebenfalls nicht zeitgenössisch zum Haupttext. Dies lässt vermuten, dass das Fragment mit dem Rechnungsbuch zusammengebunden war. Beide Einträge zeigen, dass die Fragmente lange nach ihrer ursprünglichen Entstehung weiterverwendet wurden, möglicherweise als Einbandmaterial, das dann in alltäglichen Zusammenhängen beschrieben wurde.
Das Fragment stammen aus einer großformatigen Handschrift in Bastarda, deren Schriftbild eher in den deutschen Raum zu verorten ist. Inhaltlich handelt es sich um einen Kommentar von Nikolaus von Lyra († 1349) zu den Büchern der Könige. Auf den Blättern sind Passagen zum Buch der Könige (4 Regum bzw. 2 Regum) überliefert, und zwar 15–17 auf der einen Blatthälfte und 22–23 auf der anderen. Das Doppelblatt lag also vermutlich im Inneren einer Lage.
Die Fragmente entstammen einem Werk, das im späten Mittelalter zu den einflussreichsten biblischen Kommentaren zählte und an den Universitäten weit verbreitet war. Der Text ist reichlich rubriziert, dazu mit einfachen Initialen versehen. Neue Bibelkapitel werden mit Hilfe einer Auszeichnung in Textualis hervorgehoben. Außerdem sind Kolumnentitel hinzugefügt, um dem Leser die Navigation der Handschrift zu erleichtern. Die ursprüngliche Funktion der Fragmente ist schwer zu bestimmen, doch deutet vieles auf eine Gebrauchssituation im gelehrten Kontext hin. Ob die überlieferten Blätter Teil einer Handschrift waren, die im Unterricht oder in der privaten Lektüre eingesetzt wurde (oder beides), lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Sicher ist jedoch, dass die Blätter nach dem Zerfall des ursprünglichen Codex in einen neuen Kontext gelangten.
Janne van der Loop
Leicht überarbeitet ggü. der Druckfassung: Janne van der Loop, Nikolaus von Lyra, Kommentar zur lateinischen Bibel, 15. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 45.
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