Fragment: SIH-0010
Seiten aus einem gelehrten Wörterbuch, 15. Jahrhundert
Pergament, Doppelblatt mit Beschädigungen
29 x 19,5 cm
Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „Aus einem neuen Testament (13.–14. Jahrh.?)“
Die Spuren, die das Doppelblatt heute zeigt, verweisen deutlich auf eine Wiederverwendung. Die äußere Seite des Doppelblattes weist einen Falz auf. Oberhalb davon ist ein helleres Pergament zu erkennen, das weniger Schmutzspuren aufweist. Beides deutet darauf hin, dass die dunkleren Teile an der Außenseite gelegen haben. Möglicherweise hat das Doppelblatt als Spiegel eines Einbandes gedient. Obwohl sich die Blätter gut erhalten haben, wurden im 20. Jahrhundert die Ränder mit Klebeband repariert, obwohl andere Beschädigungen nicht repariert wurden.
Die Annotationen auf den Fragmenten stammen von unterschiedlichen Händen und lassen erkennen, dass der Codex über einen längeren Zeitraum hinweg in Gebrauch war. Manche Einträge beziehen sich auf den Text, andere hingegen stehen unabhängig vom Inhalt und verweisen auf eine eher beiläufige Nutzung des verfügbaren Schriftträgers.
Das Fragment stammt aus einer Handschrift, die der Schrift nach im 13. oder 14. Jahrhundert entstanden ist. Die Ausstattung der Handschrift ist vergleichsweise schlicht. Es gibt eine einfache rote Initiale M, die der Gliederung dient. Weitere Abschnitte sind sparsam rubriziert. Gleichwohl ist die Anlage des Textes sorgfältig: Das Pergament ist präzise liniiert, und die Schrift ist klar zwischen den Linien geschrieben worden, was von einem geübten Schreiber zeugt. Der lateinische Text ist stark abgekürzt und zeigt das typische Schriftbild eines gelehrten Textes.
Der Inhalt des Textes beschränkt sich keineswegs ausschließlich auf das Neue Testament, wie die Beschriftung des Sammlers suggeriert. Er umfasst vielmehr verschiedene Abschnitte, die eine breite thematische Vielfalt erkennen lassen. Es handelt sich offenbar um ein Wörterbuch oder Predigtwörterbuch, das die Bedeutung zahlreicher lateinischer Wörter mit dem (häufig rubrizierten) Anfangsbuchstaben „M erläutert. So finden sich auf den Innenseiten des Doppelblattes unter anderem die Lemmata „Malagina“, „Malignus“, „Malum“, „Mammona“, „Manna“, „Mancipium“, „Mane“, „Mandragora“. Der Text zitiert bekannte ältere Wörterbücher, vor allem die Etymologiae Isidors von Sevilla († 636), und gibt häufig noch weitere Autoritäten an.
Janne van der Loop
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Janne van der Loop, Seiten aus einem gelehrten Wörterbuch, 15. Jahrhundert, Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 46.
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