Fragment: SIH-0011
Blatt aus einem Antiphonar, Rheinland (Köln oder Mainz), c. 1340–1360
Pergament, unregelmäßig beschnittenes Einzelblatt
40,5 x 29 cm
Alt-Nr. 13. Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „14. Jahrh.“
Dieses bemerkenswerte Manuskriptfragment bewahrt sieben Gesänge aus dem Commune Apostolorum und bietet einen Einblick in die monastische Liturgie des 14. Jahrhunderts. Es handelt sich um ein Einzelblatt aus einem großformatigen Codex, das allerdings offenbar beschnitten wurde. Das Blatt ist vollständig mit Musiknotation in einem Vierzeilenschema ausgefüllt. Die Abschnitte werden von farbigen fleuronnierten Initialen markiert.
Bemerkenswerte Merkmale sind die reife gotische Textualis-Schrift mit charakteristischen „Kasten-a“-Buchstabenformen, die professionelle quadratische Notation und die elegante Fleuronné-Dekoration in roter und blauer Tinte. Das Fragment demonstriert die ausgeklügelte liturgische Planung mittelalterlicher Klöster, wo biblische Texte über apostolische Mission und Martyrium sorgfältig sequenziert wurden, um kohärente theologische Erzählungen zu schaffen. Besucher:innen sollten die komprimierten Buchstabenformen der deutschen gotischen Schrift, sodann die präzise Musiknotation, die mittelalterliche Chöre leitete, sowie das Zusammenspiel von Text und Dekoration beobachten, das diese Liturgiebücher sowohl funktional als auch ästhetisch ansprechend machte. Die offenbar präzise Koordination zwischen Schreiber, Notator und Dekorateur verweist auf eine organisierte Werkstattproduktion großer Skriptorien hin, wo spezialisierte Handwerker an verschiedenen Aspekten der Manuskripterstellung zusammenarbeiteten. Die paläographischen und stilistischen Befunde weisen ins 14. Jahrhundert und spezifisch ins Rheinland, vielleicht Köln oder Mainz.
Oleksandr Okhrimenko
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Oleksandr Okhrimenko, Blatt aus einem Antiphonar, Rheinland (Köln oder Mainz), c. 1340–1360, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 56.
Zu den Literaturnachweisen

