Fragment: SIH-0012
Fragment eines Antiphonars mit Liturgie der Hl. Margareta, Süddeutschland, c. 1350–1380
Pergament, unregelmäßig beschnittenes Einzelblatt
20 x 28,5 cm
Alt-Nr. 14. Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „Initiale O […] westdeutsch 14. Jahrh.“
Dieses bemerkenswerte Fragment stellt ein doppelseitig beschriebenes Blatt aus einem vermutlich klösterlichen Antiphonar des 14. Jahrhunderts dar. Das Einzelblatt ist beschnitten und zeigt Faltspuren und Verschmutzungen sowie kleine Löcher. Eine farbig ausgemalte Initiale „O“ gibt die Heilige Margareta mit dem Drachen. Die sich an die Illuminationen anschließenden Antiphone sind überwiegend der Liturgie der Heiligen Margareta, aber auch des Heiligen Benedikt zuzuordnen.
Die fein ausgeführte Darstellung der Heiligen Margareta korreliert direkt mit der Antiphon „O Margarita caelorum virgo“. Dies zeigt die sorgfältige Integration von textuellen und visuellen Elementen im Gesamtgestaltungsprogramm der Handschrift. Die Illumination verwendet die charakteristische gotische Farbpalette aus Rot, Gold und Grün mit präziser linearer Ausführung. Die Darstellung des Drachens zeichnet sich durch naturalistische Details aus bei Beibehaltung der symbolischen Funktion und spiegelt Entwicklungen der Buchmalerei des 14. Jahrhunderts wider. Die Qualität deutet auf eine professionelle künstlerische Ausführung hin, wahrscheinlich repräsentativ für das kollaborative Modell, das in der spätmittelalterlichen deutschen Handschriftenproduktion entstand, wo klösterliche Auftraggeber Handschriften in städtischen Werkstätten bestellten, während sie die liturgische Aufsicht behielten.
Die quadratische Notation zeugt von hoher technischer Kompetenz sowohl in der Kalligraphie als auch in der musikalischen Genauigkeit und ist bemerkenswert einheitlich, mit sorgfältig gesetzten roten Notenlinien, die eine visuelle Harmonie mit dem Text schaffen. Mehrere Aspekte lassen die Handschrift in den deutschen Raum des 14. Jahrhunderts verorten: Die quadratische Notation (nota quadrata) auf vierlinigen roten Systemen repräsentiert die voll entwickelte Phase dieses Systems, das in europäischen Skriptorien bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts standardisiert wurde. Die präzise Ausführung und die standardisierten Formen deuten auf eine Entstehung nach 1350 hin. Die gotische Textualis formata zeigt charakteristische Merkmale des 14. Jahrhunderts, einschließlich eckiger Buchstabenformen, seitlicher Kompression und einheitlicher Grundlinienbehandlung. Die Schriftqualität deutet auf eine professionelle Produktion während der Wiederaufbauperiode nach der Pest (1350er–1370er Jahre) hin. Die Verehrung Margaretas ist im deutschsprachigen Raum seit dem Hochmittelalter belegt und intensivierte sich im Kontext der spätmittelalterlichen Vierzehn-Nothelfer-Verehrung.
Oleksandr Okhrimenko
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Oleksandr Okhrimenko, Fragment eines Antiphonars mit Liturgie der Hl. Margareta, Süddeutschland, c. 1350–1380, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 57.
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