Fragment: SIH-0013
Fragment eines Chorbuchs mit Initiale „A“ und Abbildung Johannes des Täufers, Italien, Anfang 15. Jahrhundert
Pergament, unregelmäßig beschnittenes Einzelblatt
23,8 x 13 cm
Alt-Nr. 15. Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „Initiale A mit Johannes Baptista Pgt. – Italien 13.–14. Jahrh. aus einem Chorbuch.“
Das Fragment wurde aus einem großformatigen liturgischen Buch aus Pergament ausgeschnitten, offensichtlich aus Interesse an der verzierten Initiale „A“ mit einer Abbildung Johannes des Täufers. Das Fragment ist gut erhalten, allerdings etwas verfärbt und auf der Recto-Seite unten etwas verschmutzt. Die Verso-Seite weist sechs deutliche Klebespuren auf, das Fragment dürfte also eine Zeit lang in einem Album oder Rahmen eingeklebt gewesen sein.
Die Vorderseite des Objekts zeigt eine rot gehaltene zweizeilige Überschrift und den Beginn einer musikalischen Notation mit ausgeschmückter Initiale „A“. Zweieinhalb jeweils aus vier roten Notenlinien bestehende Zeilen der Notation und eine Zeile des dazugehörigen Textes sind sichtbar. Auf der Rückseite sind neun Zeilen eines schwarzen Textes zu sehen. Der Text ist in einer sehr regelmäßigen mediterranen Textualis, der Rotunda, geschrieben und wirkt hochwertig. Es handelt sich offensichtlich um einen lateinischen liturgischen Hymnus aus einem Chorbuch, wohl des Abschnitts des Johannes-Hymnus Ut queant laxis resonare, der mit Antra deserti teneris sub annis civium turmas beginnt. Erhalten sind davon auf dem Recto nur „An[tra]“ und „sub annis“. Die Überschrift beginnt mit einem rechts abgeschnittenen „In natiuit[ate sancti Iohannis Bap]tiste“ (Zur Geburt Johannes des Täufers). Dass dieser Zwischenabschnitt hier am Anfang des Hymnus steht, ist ungewöhnlich.
Der Blickfang des Fragments ist das verzierte große „A“ der Vorderseite. Der Buchstabe ist in einer hellen rosa Farbe gemalt und mit feinen weißen Gravuren von Spiralen und Linien verziert. Die Enden des Buchstabens laufen in florale Ornamente in Rosa und Grün aus. Eine herabgezogene Ranke erstreckt sich dabei gedreht in den Rand der Seite und erzeugt einen sehr plastischen Eindruck. Der Buchstabenkörper ist vor eine rechteckige Grundierung in Gold gesetzt. Im Inneren befindet sich eine hellgelbe Umrandung und ein blauer, ebenfalls verzierter Hintergrund, die den Eindruck räumlicher Öffnung verstärken.
Die Initiale rahmt gleich einem Fenster eine Darstellung Johannes des Täufers. Er trägt einen gelben Heiligenschein, einen langen Bart und das für ihn typische Tierfell als Kleidung. In seiner linken Hand hält er eine große weiße Fahne mit einem roten Kreuz in der Mitte, das seinen Charakter als Prediger darstellt. Mit der rechten Hand deutet er auf die Fahne oder gestikuliert – hier sollte man eigentlich ein Lamm erwarten, auf das Johannes weist Seine Augen sind niedergeschlagen und lassen ihn nachdenklich wirken. Sehr ungewöhnlich für italienische Miniaturen ist die sehr pastose Ausführung des Inkarnats.
Johannes der Täufer wird häufig mit einem kreuzbewehrten Stab und teils auch Kreuzfahnen wiedergegeben, allerdings nicht mit der hier gewählten Farbgebung, die an das spätmittelalterliche Sankt-Georgs-Kreuz erinnert. Johannes wird zudem als Prediger verehrt, der das Wort Gottes in der Wüste predigte. Da der liturgische Gesang ebenfalls als Form der Glaubensverkündigung angesehen werden kann, wirkt das Bild Johannes’ des Täufers noch immer wie eine Aufforderung an den Chor, das Wort Christi zu verbreiten. Im Kontext des Buches zeigt er nicht nur auf die Fahne, sondern auch auf das Lied, das den Weg zu einem christlichen Leben eröffnet.
Fernanda Ortiz Díaz
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Fernanda Ortiz Díaz, Fragment eines Chorbuchs mit Initiale „A“ und Abbildung Johannes des Täufers, Italien, Anfang 15. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 24.
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