Fragment: SIH-0014
Stundenbuch, Kalenderblatt „September“, Frankreich, 15. Jahrhundert
Pergament, Einzelblatt
18,4 x 13,6 cm
Das illuminierte Kalenderblatt ist einem Stundenbuch des 15. Jahrhunderts entnommen und stammt nach Angaben des Sammlers vermutlich aus Frankreich. Der Zustand des Blattes ist gut, es sind auf den ersten Blick keine Beschädigungen erkennbar. Der äußere Bildrand scheint beschnitten worden zu sein, da die Bordüre exakt mit der Kante abbricht.
Der Kalendertext ist das zentrale Element beider Seiten und wird von einer goldunterlegten Bordüre gerahmt. Ein Monatsbild auf der Vorderseite stellt das Keltern als im September jahreszeitlich übliche Tätigkeit der Bauern lebensnah und lebendig dar. Auf der Rückseite zeigt ein Bild vor einer Naturkulisse eine allegorische Darstellung des dem September zugeordneten Tierkreiszeichens, der Waage. Sie ist ein Symbol des Ausgleichs und der Gerechtigkeit.
Die Seitengliederung ergibt sich aus dem Kalendertext mit drei Kolumnen. Die verzierte Initiale „KL“ (Kalendae) in der Kopfzeile leitet den Monat ein. Links werden in Rot die sog. Goldenen Zahlen angegeben, die der Errechnung des Mondjahres und des jährlichen Osterfestes dienen. Mittig laufen in Schwarz die sogenannten Sonntagszahlen durch. Das A als der Tag des Wochenanfangs ist stets als kleine verzierte Initiale „A“ hervorgehoben.
In der rechten Spalte werden die Feiertage der Kirche sowie die jeweiligen Heiligen des Tages gelistet. Die wichtigsten kirchlichen Festtage sowie die regional besonders bedeutsamen Heiligentage sind in roter Tinte geschrieben und weisen so ihre hervorgehobene Bedeutung aus (Harthan 1982, S. 15f.). Der lateinische Kalendertext wurde in einer französischen Bastarda ausgeführt. Hierbei handelt es sich um eine gebräuchliche spätmittelalterliche gotische Schriftart, die auf das Herkunftsland verweisen kann (Schneider 2014, S. 66ff.).
Bedeutsam erscheint auch die Nennung des Heiligen Aegidius („Egidij abbatis“) am 1. Tag des Septembers, da Aegidius besonders in Frankreich verehrt wurde. Er gehört allerdings auch zu den 14 Nothelfern und ist Schutzpatron der stillenden Mütter, der Hirten und der Bettler (Wimmer, Melzer 1984, S. 117). Am 8. September wird Maria Geburt („Nativitas beatae Marie“) und am 14. des Monats das Fest der Kreuzerhöhung genannt („Exaltatio sanctae crucis“). Weitere Feiertage sind am 21. September das Fest des Apostels und Evangelisten Matthäus („Mathei apostoli et evangeliste“) sowie am 29. September das Fest des Erzengels Michael („Michaelis archangeli“). Die freien Flächen zwischen Wortende und Bordüre sowie die leeren Zeilen sind mit einem dekorativen Astmotiv ausgefüllt.
Die Bordüre ist mit Gold unterlegt. Sie enthält verzweigtes feines Blattwerk, größere Akanthusranken, verschiedenfarbige stilisierte Blüten, die auf Rosen und Veilchen hinweisen sowie kleine Erdbeeren. Nach gängigen Deutungen mittelalterlicher Pflanzensymbolik verweisen Erdbeeren und Veilchen auf Demut und Bescheidenheit hin, die Rose ist Sinnbild der Liebe (Braun 1968, S. 655; Schumacher-Wolfgarten 1968, S. 563f.). Den schmaleren inneren Rand ziert auf beiden Seiten ein Perlstab, der die obere und die untere Seite der Bordüre miteinander verbindet (Jacobi 1991, S. 88).
Rita Jacoby
Bitte zitieren nach der Druckfassung, Rita Jacoby, Stundenbuch, Kalenderblatt „September“, Frankreich, 15. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 33.
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