Fragment: SIH-0016
Seite eines Stundenbuchs mit Abbildung des Hl. Sebastian, Druck, Frankreich, Ende 15. Jahrhundert
Pergament, Einzelblatt
14,8 x 9,6 cm
Alt-Nr. 18. Notiz Hanny Frankes auf dem alten Passepartout: „Miniatur, Pergament / aus einer Heiligenlegende S. Sebastian Anfang 15. Jahrh. (französisch)“
Das Fragment ist ein vollständiges, beidseitig gerahmtes Einzelblatt aus einem gedruckten Liber horarum. Es trägt weder eine originale noch eine spätere Blattzählung. Auf dem Kopfsteg der Vorderseite ist lediglich die mit Bleistift notierte ursprüngliche Inventarnummer „Nr. 18“ zu erkennen, die auf den Sammler Hanny Franke zurückgeht. Der Erhaltungszustand des Pergaments ist insgesamt als sehr gut zu bezeichnen. Es sind weder Risse oder sonstige strukturelle Beschädigungen noch Veränderungen durch einen Beschnitt erkennbar. Einzig einige vereinzelt vorkommende leichte Verfärbungen in Form bräunlicher Flecken auf den Seitenrändern sind anzumerken, wobei sich diese vornehmlich auf den Außensteg der Recto-Seite konzentrieren. Hinzu kommen minimale Farbabplatzungen auf der Miniatur und dem dekorativen Rahmen. Die Tintenlinierung zeigt, dass das Blatt sorgfältig auf die Übertragung des Schriftspiegels vorbereitet wurde.
Der Text des Fragments ist durch Initialen, Rubrizierung sowie Zeilenfüllungen klar strukturiert und in Sinnabschnitte unterteilt, wobei die Textspalte langzeilig angelegt wurde. Der lateinische Text ist in einer französischen Bastarda gedruckt, wie sie ähnlich in den von Philippe Pigouchet (Drucker und Holzschnittkünstler, aktiv 1488–1518) verantworteten Stundenbuchauflagen zu finden sind. Geziert wird der Schriftspiegel auf beiden Blattseiten mit einer prominenten und detailreich ausgestalteten Rahmung, die mit verschiedenen Pflanzen, Fabelwesen, Tieren und menschlichen Figuren versehen ist. Diese Rahmung dürfte über einer für Pigouchet und einzelne Konkurrenten typischen Holzschnittrahmung angelegt sein und ist vornehmlich mit braunroter Farbe grundiert und mit goldener sowie schwarzer Tinte verziert. Ein weiteres bildliches Element ist das Kleinbild auf der Vorderseite des Blattes, das sicher als „Vorzeichnung“ einen Holzschnitt verwendet. Dass die französische Bastarda in Handschriften schon im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts verbreitet war (Tesnière 2020, S. 351), und dass Hanny Franke nicht erkannte, es mit einem Druck zu tun zu haben, hat den Sammler wohl zu seiner Datierung verleitet.
Betrachtet man den Text genauer, fallen unterschiedliche Sinnabschnitte auf. Zu Beginn ist auf der Vorderseite ein Hinweis auf ein an Gott gerichtetes Gebet mit Erwähnung von Leiden (Christi oder der Heiligen) zu finden. Daraufhin folgen zwei durch Initialen differenzierte Gebetsabschnitte, die sich an den Heiligen Sebastian richten. Der letzte Abschnitt der Rückseite enthält ein Gebet an den Heiligen Dionysius von Paris. Dionysius wurde als einer der Vierzehn Nothelfer und als Nationalheiliger der Franzosen verehrt, ebenso war er Patron der französischen Könige (Urban 2005, S. 140). Auch das dürfte Hanny Frankes in seiner Annahme unterstützt haben, Frankreich sei der Entstehungsort des Fragments.
Das Bild auf der Vorderseite des Blattes zeigt den schon im Text erwähnten Heiligen Sebastian in der typischen Darstellung seines Martyriums (Keller 2001, S. 507f.). Sebastian wurde besonders in Pestzeiten als Nothelfer angerufen (Keller 2001, S. 508). So lässt sich ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen Text und Bild erkennen.
Vassiliki Emanouilidis
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Vassiliki Emanouilidis, Seite eines Stundenbuchs mit Abbildung des Hl. Sebastian, Druck, Frankreich, Ende 15. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 38.
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