Fragment: SIH-0017
Ausgeschnittene Initiale „D“ mit Maiestas-Domini-Szene, Süddeutschland, c. 1500
Pergament, unregelmäßig beschnittene Initiale
15 x 15 cm
Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „Initiale D – Christi Himmelfahrt, süddeutsch um 1500“ und nochmals „Initiale D süddeutsch um 1500“
Dieses illuminierte Fragment stellt ein bemerkenswertes Beispiel der Übergangszeit in der süddeutschen Buchmalerei dar und verbindet spätgotische Traditionen mit denen der Frührenaissance um 1500. Das Fragment entstand offensichtlich durch ein Ausschneiden der historiierten Initiale „D“ aus einem großformatigen liturgischen Buch. Die Ränder des Ausschnitts zeigen noch die ursprüngliche Vergoldung, sind aber leicht beschädigt. Die Rückseite ist mit einer vierzeiligen Musiknotation beschriftet, auf der Bruchstücke eines liturgischen Gesangs zu lesen sind.
Das sichtbare Textfragment „mino meo s“ entspricht [Dixit dominus do]mino meo s[ede a dexteris meis] deutet auf Psalm 110 (“So spricht der Herr zu meinem Herrn: / Setze dich zu meiner Rechten und ich lege deine Feinde als Schemel unter deine Füße”). Der Text repräsentiert Christi göttliche Autorität und wird traditionell als messianische Prophezeiung interpretiert. Liturgisch ist er der erste Psalm zur Vesper für Sonntage und hohe Feste. Die hochwertige Quadratnotation weist auf klösterliche liturgische Verwendung hin.
Die Initiale ist technisch und ikonographisch raffiniert. Zur Illumination wurde offenbar Tempera gebraucht und Blattgold aufgetragen. Das Pigment in einer charakteristischen süddeutschen Farbpalette (Ultramarinblau, Zinnoberrot, Malachitgrün) ist mehrschichtig aufgetragen, was Modellierungseffekte erzeugt.
Die Darstellung zeigt die Auffahrt Christi in den Himmel, wie sie sich vor den Augen seiner Jünger und der Gottesmutter Maria abspielt. Während Christus imHintergrund in einer blauen Wolkenlandschaft verschwindet und nur noch Fußabdrücke von der irdischen Existenz zeugen, sind im Vordergrund die Jünger und Maria mit Gesten des Erstaunens gezeigt. Die Buchstabenstruktur verknüpft himmlische und irdische Sphären.
Stilistisch werden typische mittelalterliche Traditionen wie der Goldgrund mit naturalistischer Figurenmodellierung verknüpft, was als Innovation der Renaissance gelten muss. Die kunstvolle Gewandbehandlung geht über den eckigen Knitterstil hinaus. Die architektonischen Elemente mit klassischen Details reflektieren die zeitgenössische süddeutsche Gotik. Paläographisch liegt eine gotische Textualis-Schrift mit süddeutschen regionalen Charakteristika vor, die Buchstabenformen sind konsistent mit klösterlicher Produktion um 1500.
Das Fragment ähnelt dokumentierten Werken aus der Augsburger Werkstatt von Bruder Erasmus Huber (Antiphonar: München, Bayerische Staatsbibliothek Clm 4306, 1501) und der Regensburger Tradition nach Berthold Furtmeyrs Innovationen der 1480er–1490er Jahre. Das Fragment demonstriert die anhaltende Vitalität der Handschriftenproduktion in süddeutschen Skriptorien während der Zeit, als gedruckte Bücher dominierend wurden.
Oleksandr Okhrimenko
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Oleksandr Okhrimenko, Ausgeschnittene Initiale „D“ mit Himmelfahrts-Szene, Süddeutschland, c. 1500, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 29.
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