Fragment: SIH-0018
Fragment mit der Erschaffung Adams, in einer Bildeinschluss-Initiale „F“, 13.–14. Jahrhundert
Pergament, unregelmäßiger Ausschnitt
9,7 x 8,3 cm
Bei diesem Objekt handelt es sich um ein unregelmäßig beschnittenes Blattfragment in gutem Zustand. Hanny Franke benannte die Seite mit der Illustration als Recto-Seite. Die Verso-Seite zeigt Textfragmente, die vor allem in der Mitte des Objekts stark verblasst bis abgenutzt sind, was die Lesbarkeit deutlich einschränkt. Am oberen Rand finden sich Reste von Klebestreifen. Der Ausschnitt der Bildinitiale aus dem Gesamtwerk erfolgte vermutlich zu Lehr- oder Handelszwecken und datiert sehr wahrscheinlich vor Frankes Ankauf.
Zentrum des Fragments ist ein ausgeschnittener Buchstabe „P“ in Zartrosa mit vergoldeter breiter Rahmung und äußerer schmaler schwarzer Kontur. Das Binnenfeld der Initiale dient als Schauplatz für eine figürliche Darstellung. Die Szene lässt sich als Erschaffung Adams erkennen und wurde als solche durch Franke eingeordnet. Links steht eine größere Figur in rotem Gewand mit Nimbus, braunem Haar und schattierten Bartstoppeln. Sie hält ihre Hände in segnender Geste über die kleinere Figur, die nackt auf einem Felsen ruht und diese Geste erwidert. Die Figuren halten Blickkontakt. Aus dem Felsen ragt ein stilisiertes Gewächs mit Blättern in verschiedenen Rottönen. Der Hintergrund ist in einem tiefen Blau mit weißen gerundeten Linien gestaltet. Das Gewächs kann in diesem Kontext als Baum des Lebens interpretiert werden. Die konzentrischen weißen Linien lassen sich als Himmelssphäre oder auch als stilistisches Mittel zur Tiefenwirkung des Himmels deuten. Unklar ist, ob es sich bei der Darstellung um Gottvater oder Jesus Christus handelt.
An der Gelenkstelle des Buchstabens befindet sich ein Perlenornament. Es besteht aus zwei breiten blauen Ringen mit hellen Lichtreflexen, die den Buchstabenstamm zu umschließen scheinen. Zwischen ihnen befindet sich ein weiteres rundes Element, das ein gräuliches, neutral blickendes Gesicht mit einer blauen Rahmung umschließt. Eine hellgrüne, scheinbar abgeschnittene Ornamentik befindet sich an der unteren Endstelle des Buchstaben.
Der Text auf der Verso-Seite ist auf Latein formuliert. Die Schrift ist eine Rotunda. Diese entwickelte sich vor allem in Italien und fand durch ihre Verwendung an der Universität Bologna weitere Verbreitung. In der dritten und sechsten Zeile von unten sind zwei Lombarden erkennbar. Eine Linierung ist nicht sichtbar.
Der Text weist viele Abkürzungen auf, wie dies im 13. und 14. Jahrhundert vor allem an Universitäten und unter Berufsschreibern gängig war. Sie sind für Rechtstexte, aber auch für volkssprachige geistliche Prosatexte, die Kleriker adressieren, typisch, da die starken Verkürzungen nur für Spezialisten verständlich waren (Schneider 2014, S. 46). Auch aufgrund der einzelnen lesbaren Wörter lässt sich vermuten, dass der Text aus dem Apparatus glossarum in tertiam compilationem des Johannes Teutonicus stammt, also einen Kommentar zum Kirchenrecht handelte. Die bildliche Darstellung aus der Schöpfungsgeschichte würde man allerdings eher als Illustration zum Alten Testament, genauer zum Buch Genesis, erwarten.
Ein Kommentar des Sammlers Franke datiert das Objekt auf etwa 1200, möglicherweise aus Italien, Siena stammend. Die lokale wie chronologische Einordnung wurde dem Sammler vermutlich beim Erwerb vermittelt und nicht weiter überprüft. Die Datierung ist jedoch nicht stimmig. Initialen und Binnenmalereien mit einer bemerkenswert ähnlichen Gestaltung (vor allem in der blau-weißen Hintergrundgestaltung sowie im Faltenwurf der Stoffe) finden sich etwa in einer aus dem 14. Jahrhunderts stammenden Handschrift, dem Missale des Kardinals Bertrand de Deux, aus Bologna c. 1326–1375 (Rom, Bibliotheca Apostolica Vaticana, Ms. Arch. Cap. S. Pietro. B. 63). Es erscheint daher plausibel, das Objekt in das 14. Jahrhundert zu datieren.
Anna Kulida
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Anna Kulida, Fragment mit der Erschaffung Adams, in einer Bildeinschluss-Initiale „P“, 13.–14. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 26.
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