Fragment: SIH-0019
Fragment aus einem Stundenbuch mit Initialen in Blau, Rot und Gold (14. Jahrhundert)
Pergament, teils beschnittenes Einzelblatt
12,5 x 10,1 cm
Alt-Nr. 17. Sammlernotiz auf dem alten Passepartout: „Aus einem Stundenbuch, Burgund um 1400“
Das beidseitig beschriebene Fragment stammt vermutlich aus einem Stundenbuch. Es weist einige Spuren der Zeit wie leichte Verfärbungen und bräunliche Flecken auf. Am rechten Rand der vom Sammler als Verso bestimmten Seite sind noch Reste eines Klebestreifens zu erkennen. Die geraden Ränder deuten darauf hin, dass das Blatt beschnitten wurde. Auf beiden Seiten sind die blindgeritzten Hilfslinien des Schriftspiegels zu erkennen. Oben auf der Recto-Seite befindet sich eine Nummerierung „Nr. 27“ in Bleistift. Auf der Verso-Seite befindet sich rechts unten ein Vermerk, der mit „A“ beginnt.
Der einspaltige Text in einer Textualis umfasst pro Seite 15 Zeilen. Trotz der dichten Schrift bleibt das Pergament nicht vollständig ausgefüllt, so dass breite Ränder erhalten sind. Neben der Farbe Schwarz als Textfarbe dienen Hervorhebungen wie Initialen am Zeilenanfang sowie Rubrizierungen durch rote Initialen und Balken der Strukturierung. Auf der Recto-Seite sind drei Abkürzungen mit Gebetsanweisungen in Rot gesetzt. Sie schließen jeweils an einen Schlusspunkt an und kennzeichnen Gebets- oder Gesangsabschnitte. Ein Balken dient als Füller, um das Textformat beizubehalten und die Zeile vollständig auszufüllen. Besonders markant sind die insgesamt zehn ausgestalteten Initialen, die jeweils neue Abschnitte markieren. Sie wurden in Blattgold geschrieben. Die Anordnung der Farben Rot und Blau wechselt von Initiale zu Initiale ab. Von drei Initialen, die sich über zwei Zeilen erstrecken, geht Rankenwerk aus, das eine Form von Fleuronné-Ornamentik darstellt. Diese Knospenfleuronnén sind in der schwarzen Textfarbe mit Knospen aus Blattgold gezeichnet. Der Text ist auf Latein verfasst. Die Schrift und die Ausschmückung mit Fleuronné erscheinen typisch für gotische Stundenbücher (Jakobi-Mirwald 2004, S. 264). Diese Merkmale bestätigen Hanny Frankes Zuschreibung eines burgundischen Stundenbuchfragments um 1400. Der Textinhalt des Fragments lässt darauf schließen, dass es ein Teil des Marienoffiziums ist. Dieses besteht aus einem Hymnus, einem Responsorium und dem Psalm 150.
Neben dem Fleuronné-Ornament gibt es keine weiteren bildlichen Elemente. Auch die Initialen sind lediglich farblich gestaltet und zeigen keine figürlichen Darstellungen. Somit tritt hier eher der Text in den Vordergrund. Selbstinszenierung und Repräsentation sind nicht Zweck dieser Schrift, vielmehr diente sie dem persönlichen Gebrauch und der religiösen Praxis. Da zu dieser Zeit die Buchproduktion deutlich zunahm, vor allem aufgrund der steigenden Nachfrage des Laienstandes, stammt dieses Fragment vermutlich aus einem privaten Stundenbuch für den täglichen Gebrauch (Jakobi-Mirwald 2004, S. 264).
Obwohl das Fragment nicht auf eine besonders prachtvolle Ausstattung des zugehörigen Stundenbuchs schließen lässt, besitzt es einen hohen kulturgeschichtlichen Wert. Im Vergleich zu den vielfach erhaltenen Prachtexemplaren der Gattung gibt es einen Einblick in die seltenen erhaltenen Stundenbücher von Laien. Daher ist seine Rolle im Rahmen der religiösen Praxis des Laienstandes umso bedeutender. Es zeigt, wie die Schriftkultur zunehmend auch breitere Bevölkerungsschichten jenseits von Adel und Klerus erreichte.
Katharina Reihle
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Katharina Reihle, Fragment aus einem Stundenbuch mit Initialen in Blau, Rot und Gold (14. Jahrhundert), in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 32.
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