Fragment: SIH-0023
Bild „Vespres“, Frankreich, 17. Jahrhundert
Papier, unregelmäßig beschnittenes Blatt
6,5 x 6,4 cm
Alt-Nr. von Hanny Franke: 25
Bei dem vorliegenden Objekt handelt es sich um ein beschnittenes Papierfragment. Das Material hat eine abgerissene untere Ecke und ist gelb-bräunlich verfärbt mit hell bis dunkelbraunen Punkten, die auf der Recto-Seite vermehrt zu sehen sind. Diese Vorderseite zeigt eine Miniatur mit der Bildunterschrift „Vespres“, die von der materiellen Veränderung weitestgehend verschont geblieben ist. Die Bildunterschrift wiederholt sich auf der Verso-Seite als Überschrift. Dort sind am rechten Rand sowohl vertikale als auch horizontale Linienansätze zu erkennen. Diese reichen jedoch nur bis zu den jeweiligen ersten Buchstaben. Die mit Bleistift gezogene Linienansätze können die konsistente Schrittgröße gewährleisten. Auf dem Papier der Verso-Seite ist an der linken unteren Ecke auf einem Abschnitt des Textes der Rest eines aufgeklebten Rahmens zu sehen. Nur zwei andere Fragmente der Sammlung (SIH0028 und SIH0038) besitzen einen solchen Rahmen, was ihnen eine höhere Bedeutung zuweist. Allerdings gibt es keinen Nachweis, ob Hanny Franke den Rahmen selbst aufgeklebt hat oder dieser schon vorhanden war.
Auf der Verso-Seite befindet sich der lateinische Psalm Davids 109,1 VUL. Allerdings fehlen die ersten beiden Buchstaben des ersten Satzes, vermutlich aufgrund der Beschneidung des Fragments. Die Angabe A Vespres dient als Überschrift und verweist auf die Gebetszeit, nämlich die abendliche Vesper. Ein dort sichtbarer Apostroph ist ein Hinweis auf die Verbindung zu Frankreich (Reinburg 2012, S. 86). Die Überschrift und die Majuskeln, die den Satzanfang markieren, sind in roter Tinte geschrieben. Der lateinische Text ist so akkurat, dass von einem Druck ausgegangen werden kann. Er wurde in der humanistischen Minuskel (Antiqua, Serif) gesetzt. Es ist wahrscheinlich, dass das Fragment aus einem Stundenbuch stammt. Darauf deutet auch Hanny Frankes Notiz hin.
Das Wort „Vespres“ wiederholt sich auf der Recto-Seite in goldenen Majuskeln, wobei die rote Grundfarbe noch erkennbar ist. Es dient als Untertitel einer Miniatur, die eine Gruppenszene zeigt. Das Geschehen wird von floralen Ornamenten und einem blauen Baldachin gerahmt, unter dem sich Engelsgesichter befinden. Der Betrachtende blickt in einen Innenraum, dessen Inszenierung im Stil einer Theaterbühne räumlich präsentiert wird. Die Assoziation bezieht sich auf die Entwicklung der Liturgie zum Schauspiel im Frankreich des 17. Jahrhundert, wo sich parallel die Verehrung des Christuskindes zu einem bedeutenden Kult entwickelt hatte (Aurenhammer 1967, S. 578f.). Der gemalte Raum wirkt häuslich und intim, zugleich aber distanziert und liturgisch: Das Zentrum des Schauspiels ist Maria mit Jesus auf ihrem Schoß. Vor Maria und Jesus steht ein Tisch mit einer Schale, der von zwei knienden Frauen mit hochgeschlagenen Ärmeln flankiert wird. Dies kann ein Indiz für eine Hebammentätigkeit sein. Die rechte Frau hält ein langes weißes Tuch, mit dem der Blick der Betrachtenden zur Figur am linken Bildrand geführt wird, in der Josef zu erkennen ist. Aus diesem Zusammenhang erschließt sich, dass die Heilige Familie dargestellt ist. Im Hintergrund der Gruppe ist ein Abendmahlskelch zu sehen, der seit dem 6. Jahrhundert als ein Symbol für die Eucharistiefeier aufgefasst wird. Gleichzeitig gilt er als Sinnbild des menschlichen Schicksals (Kretschmer 2024, S. 210) Die Rosengirlanden am unteren Bildrand, die die Miniatur der Heiligen Familie abschließen, stehen für das vergossene Blut Christi. Rote Rosen sind aber auch Attribute für die Himmelskönigin und die Schmerzen Mariens (Kretschmer 2024, S. 347). Die Szene aus dem Leben Jesu lässt sich nicht zweifelsfrei identifizieren, da die jeweils ausschlaggebenden Hinweise fehlen. Doch könnte es sich möglicherweise um die Tempelreinigung oder die Beschneidung Jesu handeln.
Isabell Schumann
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Isabell Schumann, Bild „Vespres“, Frankreich, 17. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 30.
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