Fragment: SIH-0026
Fragment mit liturgischem Text und Neumen, c. 1180–1220
Pergament, aufgeklappt 13 x 24,5 cm, stark beschädigtes Doppelblatt
13 x 12,5 cm
Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „12.–13. Jahrh. mit Neumen“
Dieses bemerkenswerte Handschriftenfragment enthält Texte sowie Musiknotation (Neumen) für die Adventszeit aus der entscheidenden Übergangszeit zwischen den karolingischen und gotischen Schrifttraditionen (spätes 12.–frühes 13. Jahrhundert). Die untere Seite des Doppelblatts ist stark beschädigt und ausgefranst, die untere Hälfte des Fragments voller Löcher und auf der jetzt als Verso bezeichneten Seite zudem fleckig. Dennoch ist zu erkennen, dass dieses Doppelblatt, das in enger, aber sauberer Minuskel beschrieben und intensiv neumiert ist, aus einem relativ kleinformatigen Buch stammt.
Das Doppelblatt stellt eines der frühesten Beispiele nordeuropäischer Textualis dar. Die professionelle Ausführung des Fragments, die systematische liturgische Organisation und die Erhaltung vollständiger Antiphon- und Responsorienzyklen machen es zu einem außergewöhnlichen Zeugnis der Dom- oder Stiftskirchenpraxis während der „Renaissance“ des 12. Jahrhunderts. Besonders bemerkenswert sind die übergangspaläographischen Merkmale, die die allmähliche Transformation von karolingischer Rundheit zur gotischen Winkeligkeit demonstrieren, sodann das raffinierte theologische Programm der Adventsmaterialien sowie die Integration der Musiknotation.
Die Texte schreiten durch die Adventssonntage mit Themen wachsamer Erwartung, prophetischer Erfüllung und göttlicher Ankunft voran und kombinieren Materialien aus verschiedenen Horen des Offiziums.
Oleksandr Okhrimenko
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Oleksandr Okhrimenko, Fragment mit liturgischem Text und Neumen, c. 1180–1220, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 52.
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