Fragment: SIH-0027
Ausgeschnittene Initiale D aus einem liturgischen Buch, evtl. Heidelberg oder Region, c. 1220–1270
Pergament, unregelmäßig beschnittenes Einzelblatt
18 x 8,7 cm
Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „Initiale D 13. Jahrh. Heidelberg“
Das Fragment fokussiert eine kunstvoll verzierte Fleuronné-Initiale „D“ und hat eine musikalische Notation mit vier Linien auf der Rückseite. Es ist gut erhalten, umfasst aber nur die Initiale und wenige abgeschnittene Buchstaben, so dass eine genaue Identifikation des Inhalts schwierig bleibt. Die Initiale und Notenlinien lassen auf ein liturgisches Buch schließen, wahrscheinlich ein Antiphonale oder Brevier. Der große Maßstab und die sorgfältige Ausführung des Fragments deuten auf institutionelle Nutzung hin.
Der Sammler notierte eine Beschriftung, die auf Heidelberg im 13. Jahrhundert als Entstehungskontext verweist. Dafür lassen sich einige Argumente anführen, etwa das Dekorationsprogramm. Es zeigt Übergangscharakteristika zwischen romanischen und gotischen Stilen, die typisch für die Periode zwischen 1220–1270 sind, als deutsche Skriptorien allmählich gotische Elemente übernahmen. Der Stil des Fragments entspricht datierten deutschen Manuskripten aus der Heidelberger Region, einschließlich Elementen, die später im Heidelberger Sachsenspiegel (ca. 1300) zu sehen sind. Eine definitive Zuschreibung an Heidelberg bleibt aber herausfordernd, da das Zentrum im Vergleich zu großen Skriptoriumschulen begrenzte charakteristische Merkmale aufweist. Die Zuschreibung stellt die plausibelste Lokalisierung basierend auf stilistischer Elimination und regionalen künstlerischen Praktiken dar.
Was die buchmalerische Ausführung betrifft, weist die Initiale ein raffiniertes Flechtmuster auf, das traditionelle Motive des deuschsprachigen Raums mit entstehender gotischer Bandarbeit kombiniert. Die Perlenbordüren könnten von byzantinischen und ottonischen Traditionen abgeleitet sein, die durch große Skriptorien wie Reichenau übertragen wurden und sowohl ästhetische als auch symbolische Funktionen erfüllten. Die Farbpalette umfasst rotes Minium (bleibasiertes orange-rotes Pigment), Eisengall-schwarze Tinte und Auripigment-Gelb/Gold. Dadurch werden dramatische Kontraste geschaffen, die besonders für geometrische Dekoration geeignet sind. Die präzise Linienführung und der kontrollierte Farbauftragung demonstrieren eine geschickte Werkstattproduktion.
Das Fragment repräsentiert die komplexen künstlerischen Entwicklungen der Manuskriptillumination des 13. Jahrhunderts, in dem romanische Monumentalität allmählich der gotischen Verfeinerung wich, während charakteristisch regionale Eigenschaften beibehalten wurden.
Oleksandr Okhrimenko
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Oleksandr Okhrimenko, Ausgeschnittene Initiale D aus einem liturgischen Buch, evtl. Heidelberg oder Region, c. 1220–1270, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 18.
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