Fragment: SIH-0028
Gerahmtes Blatt aus einem Stundenbuch mit Initialzier und floralem Rankenwerk, 15. Jahrhundert
Bemalter Holzrahmen, Pergament
Außenmaße des Rahmens 21,0 x 15,3 x 1,0 cm
Ein bemalter, teils vergoldeter Rahmen enthält ein einzelnes Blatt einer illuminierten und geschmückten mittelalterlichen Handschrift. Der Rahmen dürfte vom Sammler Hanny Franke angebracht worden sein, denn die Sammlung enthält mit dem Stück SIH0029 noch ein weiteres Blatt, das demselben mittelalterlichen Codex zuzuschreiben ist. Mutmaßlich trennte Hanny Franke selbst die Blätter. Auch der rot-goldene Rahmen wurde vermutlich vom Sammler selbst angefertigt, um einen möglichst hochwertigen Eindruck von dem Fragment zu erzeugen. Hanny Franke löste also das Einzelblatt aus seinem Zusammenhang und präsentierte es durch die Rahmung als eigenes Kunstwerk. Auf der Rahmenrückseite notierte er handschriftlich: „Blatt aus einem Stundenbuch Burgund 15. Jahrh. Pergament“. Auch ein Stempel mit Frankes Frankfurter und späteren Eschborner Adresse ist vorhanden. Der Erhaltungszustand des Blattes erscheint insgesamt gut, wenngleich sich – vermutlich durch langjährige Ausstellung in der Wohnung des Sammlers – Farbverblassungen insbesondere bei der Schrift zeigen.
Aufgrund der Rahmung und eines zusätzlich angebrachten Passepartouts sind die exakten Maße des Blattes nicht bestimmbar; das dazugehörige Blatt SIH0029 hat jedoch die Maße 15 x 10 cm. Die Schriftform sowie die ornamentalen Verzierungen lassen sich stilistisch dem burgundischen Raum des 15. Jahrhunderts zuordnen. Das Fragment scheint aus Pergament zu bestehen und zeigt eine kalligraphisch ausgeführte gotische Textualis formata in dunkler Tinte. Am rechten Rand finden sich Rubrizierungen, die einen Stimmwechsel anzeigen. Eine erkennbare Linierung fehlt zwar, dennoch weist der Text einen gleichmäßigen und geordneten Schriftspiegel auf. Die linksbündige Textspalte wird von einer Bordüre eingefasst, an die floral verzierte, in den oberen und unteren Rand ausgreifende Ranken angefügt sind. Besonders auffällig sind dabei die Erdbeer- und Blaubeermotive. Im unteren linken Bereich findet sich eine große Zierinitiale des Buchstaben „C“ mit Binnenzeichnung in Blau, Rot und Weiß. Es ist davon auszugehen, dass die Rückseite ebenfalls beschrieben ist, was durch partielles Durchscheinen sichtbar wird. Aufgrund des Layouts lässt sich rückschließen, dass die aktuelle Ansichtsseite die Rückseite eines Blattes war.
Inhaltlich zeigt die vorliegende Textpassage einen Abschnitt mit einem Bittgebet an die Gottesmutter Maria. Darin werden Fürbitten für verschiedene Gruppen wie Klerus und Laien, insbesondere Frauen und Leidende, formuliert. Es handelt sich um ein mehrgliedriges Textgefüge, bei dem verschiedene Gebetsteile miteinander verbunden wurden. Ein oben sichtbarer erster Satz enthält das Ende eines vorangegangenen Gebets. Die abgebildeten Initialen nehmen einen Großteil der kleinen Seite ein. Besonders die großformatige, ins Auge springende C-Initiale stellt den visuellen Auftakt des entsprechenden Textabschnitts dar. Die umlaufenden Ranken mit Blaubeeren, Erdbeeren, Akanthusblättern und weiteren Blumenmotiven strukturieren die Ränder dekorativ und wurden vermutlich mit Goldtinte ausgeführt. Im vorliegenden Fall spricht der stark reflektierende, gleichmäßige Glanz, das teilweise Abblättern sowie der Eindruck einer reliefartigen Erhabenheit für die Verwendung von Blattgold. Kleinere vergoldete Elemente könnten eher mit Goldtinte gemalt worden sein. Die aufwändige Ausstattung, die für diese Art der Stundenbücher sehr typisch ist, zeigt die hohe Wertschätzung von Gebetsbüchern, die besonders im Spätmittelalter als Symbole authentischer persönlicher Frömmigkeit gesehen wurden, gleichzeitig aber als Luxusobjekte den sozialen Status der Besitzenden inszenierten.
Aaliyah Hoffmann
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Aaliyah Hoffmann, Gerahmtes Blatt aus einem Stundenbuch mit Initialzier und floralem Rankenwerk, 15. Jahrhundert,
in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 10.
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