Fragment: SIH-0029
Illuminiertes Einzelblatt aus einem Stundenbuch, Burgund, 15. Jahrhundert
Pergament, Einzelblatt
15 × 10 cm
Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „Aus einem Stundenbuch, Burgund 15. Jahrh.“
Das illuminierte Fragment mit Blumen- und Fruchtmuster wurde von Hanny Franke auf dem alten Passepartout ins 15. Jahrhundert nach Burgund datiert. Doch sind die genauen Entstehungsumstände letztlich unbekannt. Es handelt sich um ein einzelnes und vollständiges, beidseitig beschriebenes Pergamentblatt ohne originale Blattzählung, offenbar aus einem Stundenbuch. Das Pergament weist leichte altersbedingte Verfärbungen auf, insbesondere eine Vergilbung an den Rändern. Obwohl keine offensichtlichen Risse auf dem Pergament sichtbar sind, ist ein Pigmentverlust in der grünen Farbe zu beobachten. Auf der Rückseite des Pergaments sind leichte Reibungsspuren zu beobachten. Am rechten Rand befindet sich ein Wasserfleck.
Beidseitig zeigt das Fragment eine sorgfältig ausgeführte Schrift. Die Vorderseite enthält einen in gotischem Stil verfassten Text, der von einer Randverzierung mit Pflanzen-, Blumen- und Fruchtmotiven gerahmt wird. Auf dieser Seite ist der Text einspaltig gestaltet und besteht aus vierzehn Textzeilen, deren Linierung noch sichtbar ist. Sprachlich handelt es sich um Latein, der Text bietet einen Ausschnitt aus Psalm 124. Als Schriftart wird die Textura Formata verwendet, die in liturgischen und offiziellen Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts üblich war (Schneider 2014, S. 50). Die Tinte erscheint in einem dunklen Braun bis Schwarz und wird durch Rubrizierungen in leuchtendem Rot ergänzt. Besonders hervorzuheben ist die reich verzierte Initiale „D“ in der Mitte des Textblocks, die in Blattgold ausgeführt und mit blauem und rotem Rankendekor sowie weißen Verzierungen geschmückt ist. Auch die kleineren Initialen „C“, „D“, „G“, „U“ und „I“ am Beginn der Zeilen und zur Gliederung des Textes sind in Gold, Rot und Blau mit ornamentalen Füllungen gestaltet. Am Ende des Satzes wird ein Rechteck in Rot und Blau angebracht, um den leeren Raum zwischen den Wörtern auszufüllen. Der Textbereich und die Randverzierung auf der jetzt vorne liegenden Seite sind durch vertikale farbige Linien voneinander getrennt. Die Randbordüren auf dieser Seite sind mit botanischen Motiven geschmückt: Akanthus- und Efeublätter, Erdbeerblüten, Prunkwinden, Mohnblüten, sowie Früchte wie Erdbeeren, Heidelbeeren, und rote Johannisbeeren ranken sich in Rot, Blau, Grün und mit Goldtupfern versehen entlang des linken, oberen sowie unteren Seitenrandes.
Die botanische Ornamentierung findet sich nur auf der Vorderseite. Die Rückseite zeigt ebenfalls einen Text mit einem Mariengebet in dunkelbrauner bis schwarzer Tinte.Rubrizierungen – eine große Initiale „E“, kleineren Initialen „D“ und „G“ sowie eine rechteckige Endung in Rot und Blau – sind auch vorhanden. Der Text besteht aus vierzehn Zeilen und ist wie auf der Vorderseite einspaltig gestaltet. Durch das Pergament des ungeschmückten Randes schimmern hier die floralen, fruchtigen und pflanzlichen Ornamente der Vorderseite hindurch. Der Bereich wurde vermutlich aus ökonomischen Gründen nicht weiter ausgestaltet.
Die Bestimmung des lateinischen Textes ist von entscheidender Bedeutung, um die Funktion und Herkunft des Fragments besser zu verstehen. Dem Inhalt nach stammen die Texte der beiden Seiten aus Psalmen, wie sie in Stundenbüchern regelmäßig enthalten waren. Doch auch die dekorativen Ränder tragen hier Bedeutung, da sich die Pflanzen der Dekoration mit biblischen Metaphern in Verbindung bringen lassen. Erdbeeren waren in der mittelalterlichen christlichen Ikonographie reich an Symbolik. Sie konnten als Sinnbild für die Blutstropfen Christi stehen und auch als Symbol für die Jungfrau Maria angesehen werden, während ihre dreigeteilten Blätter auf die Heilige Dreifaltigkeit hinwiesen. Ihre weißen Blüten und roten Früchte stehen für Reinheit und Martyrium (Fisher 2004, S. 114). Die Komposition aus Textinhalt und pflanzlicher Randverzierung lässt sich gut damit erklären, dass das Fragment ein Teil eines Mariengebets ist (Horae Beatae Mariae Virginis), das die Gottesmutter ehrte.
Obwohl das Fragment mit Blattgold verziert wurde, sind die Ornamente freilich relativ einfach. Es gibt keine figürlichen Darstellungen, die zur Identifizierung des oder der Besitzer/in herangezogen werden könnten. Dass nur eine Seite des Blattes mit Blumen und Pflanzen aufwendig gestaltet wurde, reduzierte offensichtlich die Herstellungskosten. Daraus lässt sich schließen, dass der oder die Besitzer/in des Stundenbuchs zwar wohlhabend war, aber nicht zur Hocharistokratie gehörte.
Yun Jiang
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Yun Jiang, Illuminiertes Einzelblatt aus einem Stundenbuch, Burgund, 15. Jahrhundert , in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 34.
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