Fragment: SIH-0030
Blatt eines niederdeutschen oder mittelniederländischen Stundenbuchs, 15. Jahrhundert
Pergament, beschnittenes Einzelblatt
12 x 9,3 cm
Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „Niederdeutsch, 15. Jahrh.“
Das Fragment ist ein einzelnes, beidseitig beschriebenes Blatt. Da es eine saubere Schnittkante aufweist und eine Blattzählung nicht vorhanden ist, kann man davon ausgehen, dass es ausgeschnitten wurde. Abgesehen von einigen bräunlichen Flecken am oberen Bildrand ist es ansonsten in einem guten Zustand. Auch die Schrift ist gut lesbar und die gleichmäßige Strichführung lässt auf eine geübte Hand schließen. Zwar ist eine vorbereitende Linierung noch zu erkennen, jedoch überschreitet der Schriftspiegel diese wiederholt am rechten Rand. Der Text ist auf beiden Seiten einspaltig und mittig auf dem Blatt angeordnet und in Textualis verfasst, was mit der Datierung durch den Sammler Hanny Franke gut vereinbar ist. Auf der Recto-Seite finden sich in der Mitte des linken Bildrandes florale Ranken mit goldenen Beeren. Das Muster ist nach links hin abgeschnitten. Darüber schließt ein Zierrahmen in Blau und Gold mit weißen Verzierungen die obere Texthälfte von oben und links ein. Unter den Ranken ragt eine geschwungene rote Initiale „J“ in den Rand hinein. Der rechte und untere Bildrand ist hingegen unverziert.
Rote Anstreichungen von Satz- und Phrasenanfängen gliedern den Text. Sie dienten offenbar der Rhythmisierung im Sprechen und machten den Text besser lesbar. Zwei rote Zwischenüberschriften zeigen liturgische Abschnitte an („Zur Non“/“to none“, „Hymnus“/“Ymnus“). In die linke Seite des Schriftspiegels ist mittig eine große Initiale „S“ eingeschoben, die floral und wie der Rahmen blau, gold und weiß gemustert ist. Daneben gibt es zwei kleinere schmucklose blaue Initialen „O“ und „I“. Die Verso-Seite hat einen unverzierten Bildrand. Die Markierung von Satzanfängen setzen sich hier fort. Außerdem finden sich zwei formgleiche Initialen „H” in blauer bzw. roter Ausführung. Darüber hinaus sind hier auch einige für Gebetbücher typische Siglen erkennbar: „An“, „Cap“, „Re“ und „Vers“. Das Blatt gehört damit offensichtlich in ein Stundenbuch.
Der Text enthält Gebete zur Ehre Gottes. Verso finden sich etwa die auch heute noch aus Kirchenliedern geläufigen Psalmworte „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang sei gelobet der Name des Herrn“ („Van der sonnen opganck toe horen nederganck soe is die name des heren loue“, Psalm 113). Sprachlich bewegt sich der Text dabei zwischen dem Niederdeutschen und dem Mittelniederländischen, eine genauere Einordnung ist jedoch leider nicht möglich.
Philipp Wirkner
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Philipp Wirkner, Blatt eines niederdeutschen oder mittelniederländischen Stundenbuchs, 15. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 36.
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