Fragment: SIH-0031
Antiphonar oder Breviar, vermutlich Kloster Pfaffenschwabenheim, 17.–18. Jahrhundert
Papier, stark beschädigtes, unregelmäßig zerrissenes Einzelblatt
c. 27 x 17 cm
Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „Kloster Pfaffenschwabenheim / 17.–18. Jahrhundert (Rheingau)“
Fragment SIH0031 stellt ein Beispiel deutscher liturgischer Handschriftenproduktion dar und enthält den Osterzeitenhymnus „Ad regias agni dapes“ mit musikalischer Notation. Die erheblichen Schäden des Fragments mit großen Verlusten schaffen eine unregelmäßige Kontur, die von seiner sekundären Verwendung und Überlieferungsgeschichte zeugt. Betrachtende sollten den Kontrast zwischen der Schrift und dem musikalischen Notationsstil beachten, der entscheidende Datierungshinweise für die Unterscheidung zwischen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Produktion liefern könnte.
Die Datierung dieses Fragments stellt eine komplexe paläographische Herausforderung dar. Die Schriftbildung, traditionellen Abkürzungssysteme und der liturgische Kontext stützen eine Datierung ins 14.–15. Jahrhundert. Das vierlinige musikalische Notationssystem mit quadratischen Neumen folgt etablierten gotischen Konventionen, die in den deutschsprachigen Gebieten während dieser Zeit vorherrschten. Doch kann man auch eine frühneuzeitliche Zuschreibung (17.–18. Jahrhundert) nicht verwerfen. Der Sammler lokalisierte die Handschrift ins Kloster Pfaffenschwabenheim, das 1697 nach seiner reformationszeitlichen Auflösung rekatholisiert wurde. Deutsche Skriptorien behielten archaisierende Traditionen bis weit in die Neuzeit bei und bewahrten bewusst gotische Schriftformen für liturgische Handschriften als religiösen Konservatismus und institutionelle Kontinuität. Eine genauere Klärung würde eine detaillierte Analyse von Buchstabenformung, Tintenzusammensetzung und Bearbeitungstechniken erfordern, die entscheidende chronologische Belege liefern könnten.
Die Zuschreibung an das Kloster Pfaffenschwabenheim in Rheinhessen bietet eine spezifische institutionelle und geografische Lokalisierung innerhalb einer der bedeutendsten weinproduzierenden klösterlichen Regionen Deutschlands. Um 1040 gegründet und 1130 unter Augustiner-Chorherren reformiert, trat das Kloster 1468 der Windesheimer Kongregation bei, die standardisierte Handschriftenproduktionspraktiken mit Betonung auf Textgenauigkeit und liturgische Konformität einführte. In der benachbarten Rheingauregion wurde die Handschriftentradition auf der Basis eines Netzwerks religiöser Institutionen fortgeführt; vor allem die Abtei Eberbach ist hier zu nennen, deren Skriptorium bis 1502 über 2.500 Bände produzierte. Die Verbindungen der Region nach Paris durch universitätsgebildete Mönche führten zur Einführung zeitgenössischer paläographischer Praktiken und zeitigten französische gotische Einflüsse, die sich im örtlichen klösterlichen Netzwerk verbreiteten. Der Auflösung des Klosters Pfaffenschwabenheim während der Reformation folgte 1697 eine Restaurierung während der Rekatholisierungspolitik Pfalz-Neuburgs.
Inhaltlich stellt das Fragment eine Bearbeitung des ambrosianischen Hymnus „Ad coenam agni providi“ dar, der für das römische Breviar angepasst wurde. Der Hymnus erscheint im Temporale des liturgischen Jahres, speziell innerhalb der Osterzeitenfeiern. Die erhaltenen Textfragmente enthalten klare Verweise auf königliche Bankette („regias dapes), weiße Gewänder („candida nive) und Herrschertitel („princeps“), alles charakteristisch für eine österliche Bildsprache, die Christi Auferstehung feiert.
Oleksandr Okhrimenko
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Oleksandr Okhrimenko, Antiphonar oder Breviar, vermutlich Kloster Pfaffenschwabeneheim, 17.–18. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 60.
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