Fragment: SIH-0032
Einzelblatt aus einem Breviar, 15. Jahrhundert
Pergament, Einzelblatt
14,9 x 11 cm
Sammlernotiz auf dem alten Passepartout: „Aus dem französischen Stundenbuch 15. Jahrh. in Paris gekauft 1953“
Das Einzelblatt ist beidseitig beschriftet und bemalt. Es gibt keine Blattzählung und die Ränder sind etwas verfärbt und abgegriffen Das Fragment hat auch kleine, kaum bemerkbare Knicke und Einrisse. Das Blatt enthält beidseitig einen zweispaltigen Text in schwarzer Schrift. Der Schriftspiegel wurde durch feine Linien mit Bleistift vorbereitet. Die Sprache des Textes ist Latein.
Auffallend ist, dass sich die Verso– und Recto-Seite im Aufbau des Schriftspiegels kaum unterscheiden, in der Ornamentik jedoch umso mehr. Beide Seiten des Blattes werden zunächst durch Initialen und abwechselnd rote und blaue Lombarden strukturiert und geschmückt. Teils sind Satz- und Phrasenanfänge mit roten Anstreichungen hervorgehoben, um das Lesen zu erleichtern. Mehrere Passagen mit Erläuterungen sind rot unterstrichen. Zudem zeigen rubrizierte, für liturgische Texte typische Siglen Abschnitte an. Die Recto-Seite ist jedoch üppig mit Rankenornamenten geschmückt, die auf der Verso-Seite fehlen.
In der linken oberen Ecke der Recto-Seite beginnt der Text mit „Incipit”, wobei das „I“ eine Initiale in goldener Farbe mit blauer und roter Umrandung darstellt. Die schwarze Schrift auf der Vorderseite ist mit floralen Dornblattornamenten gerahmt, deren Blattformen der gotischen Ornamentik entsprechen. Die spitz ausgezogenen Blattenden zeigen Efeu- oder Weinblätter (Jakobi-Mirwald 1997, S. 79). Die dreiblättrigen Blumen und dickeren Ranken in den vier Ecken der Seite haben verschiedene Farben, unter anderem blau, rot, rosa oder grün. Die Ranken der Dornblattornamente laufen in Fruchtkolben und Staubfäden aus (Jakobi-Mirwald 1997, S. 79, 82). Drei Zeilen tiefer findet sich eine Initiale „F“ (von „Fratres“) mit darin dem Bild eines nimbierten Ordensmanns mit Tonsur, brauner Kutte und einem Buch. Der Hintergrund des kleinen Bildes ist golden gestaltet und hat dünne Ranken, die in roten und blauen Dornblättern enden.
Die zwei Textspalten werden von drei kunstvoll gestalteten Balken gerahmt. Auf der linken Seite zeigt der mit dem Kleinbild beginnende Rahmen vom Bild ausgehend eine diagonale Musterung in Blautönen sowie helle, fast weiße Glanzlichter. Mittig umspielt er eine Initiale mit federähnlichen Ornamenten und läuft schließlich unten in blaue und teils rote Blattornamente aus. Auf der äußeren Seite der Rahmung befindet sich wie auch mittig und rechts eine dünne, goldene Linie, die dem Rahmen eine räumliche Wirkung verleiht. Der Mittelbalken läuft oben und unten in eine goldene Spitze mit Verzierungen durch rosa und grüne Blattornamente aus. Beim rechten Balken sind die Ornamente in Blau und Grün gehalten.
Durch verschiedene Kennzeichen des Schriftbildes lässt sich die Schrift als Textualis identifizieren. Die Ausführung weist genau wie die Dornblattornamentik auf das 14. und 15. Jahrhundert und auch die Dornblattornamente sprechen für das Zeitalter der Gotik (Kluge 2014, S. 194f.; Jakobi-Mirwald 1997, S. 79). Auf der Vorderseite wird der Text durch die Worte „Incipit ordo breuiarij secundum consuetudinem curie romane“ eingeleitet, also „Es beginnt die Anordnung des Breviars nach der Gewohnheit der römischen Kurie“. Es handelt sich also um ein Breviar, d.h. ein liturgisches Buch, das ursprünglich dem Stundengebet des Klerus diente.6 Der Text der Recto-Seite enthält den alten Hymnus Conditor alme siderum, ein Adventslied mit dem deutschen Namen „Gott, heiliger Schöpfer aller Stern“. Der Text auf der Rückseite ist eine Lesung aus dem biblischen Buch Isaias. Die rot unterstrichenen Passagen geben Anweisungen für die Abhaltung von Gebet bzw. Gottesdienst.
Hanny Franke ging hier zwar nicht ganz zu Unrecht von einem Stundenbuch aus. Schon die Darstellung des heiligen Ordensmannes – Franziskus? – auf der Recto-Seite weist allerdings auf ein für Geistliche, vermutlich für Bettelmönche gedachtes Breviar hin. Für Benediktiner und verwandte Orden wäre ein Breviar für die römische Kurie allerdings nicht benutzbar gewesen.
Sowohl die Ornamentik als auch das Kleinbild des Ordensbruders dürften die Interessen des Sammlers sehr genau getroffen haben.
Emma Vier
Bitte zitieren nach der Druckfassung, Emma Vier, Einzelblatt aus einem Breviar, 15. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 40.
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