Fragment: SIH-0035
Einzelseite mit Heiligenliturgie und ausgedehntem Fleuronné, 14.–15. Jahrhundert
Pergament, leicht beschnittenes Einzelblatt
49 x 35 cm
Das Fragment ist ein beidseitig beschriebenes Einzelblatt aus besonders feinem Pergament. Der Text umfasst liturgische Gesänge in lateinischer Sprache mit Musiknotation. Die Größe des Fragments beläuft sich auf 49 x 35 cm und deutet auf ein Graduale oder Antiphonar hin, in dem die Gesänge einer katholischen Messe bzw. Gesänge für das Stundengebet enthalten sind. Der vorliegende Abschnitt stammt aus der Liturgie des Commune Sanctorum (Teile der allgemeinen Messe für Heiligentage).
Generell befindet sich das doppelseitig beschriebene Blatt in einem guten Zustand. Der Text ist leserlich und die Verzierungen der Buchstaben sichtbar. Beide Seiten verfügen über gelbe Verfärbung, insbesondere am äußeren unteren Seitenrand, der unregelmäßig beschnitten ist. Darüber hinaus sind im Zentrum der ersten Initiale leichte Wasserspuren vorhanden, die die Lesbarkeit allerdings nicht schmälern. Die Recto-Seite weist im oberen rechten Seitenrand eine Kapitelaufzählung „C1“ in Rot auf. Das bedeutet, dass dies der erste Teil des anstehenden Festes ist, welches über mehrere Tage gefeiert wird.
Auf beiden Seiten sind sowohl horizontale wie auch vertikale Liniierungen vorhanden, die genau wie die akkurate Schrift und sorgfältige Ausführung auf einen hochwertigen, sorgfältig geplanten Codex schließen lassen. Während der Seitenspiegel mit brauner Tinte markiert ist, wird die horizontale Ebene vor allem von Rot gehaltenen Notenzeilen mit je fünf Linien dominiert. Die Schrift ist eine äußerst sorgfältige Textualis formata und vermutlich ins 14. oder 15. Jahrhundert zu datieren.
Nach der rot gehaltenen Überschrift beginnt der Text der Recto-Seite mit Musiknotation („Ego autem sicut oliua fructificaui“), deren Anfang als Blickfang eine stark hervorgehobene, über zwei Notenzeilen gehende Fleuronné-Initiale „E“ bildet. Der in zwei Farben, in Rot und Blau ausgeführte Buchstabenkörper wird von feinem Rankenwerk und teils geometrischem Binnenfleuronné in den jeweils gegenläufigen Farben umspielt. Die feinen Ausläufer des Fleuronné in den Seitenrand reichen dabei über die ganze Höhe der Seite. Die Verso-Seite enthält sechs Initialen mit floraler Ornamentik, meist im typischen gegenläufigen Wechselspiel von Rot und Blau. Lediglich eine Initiale „Q“ auf der Verso-Seite, die sich durch parallellaufende Schäfte und Bögen auszeichnet, ist komplett mit schwarzer Tinte ausgemalt. Neben schattierte Flächen zeigen sich dort zwei Gesichtsprofile am linken Rand der Initiale.
Das Einzelblatt zeigt keine bildlichen Darstellungen. Von den ausgeschmückten Initialen strukturiert, bietet das Blatt parallele musikalische Notation und Liedtext. Die abgebildete Passage gehört zur Vigil eines Apostelfestes.
Helene Schneider
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Helene Schneider, Einzelseite mit Heiligenliturgie und ausgedehntem Fleuronné, 14.–15. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 59.
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