Fragment: SIH-0036
Fragment aus einem Antiphonar oder Breviarium, Österreich, c. 1380–1420
Pergament, Einzelblatt
59 x 42 cm
Das Fragment stellt ein bemerkenswertes Überbleibsel aus der Blütezeit der gotischen Buchproduktion dar. Das großformatige Einzelblatt war einst Teil eines Chorbuches, das für die gemeinschaftliche liturgische Feier bestimmt war. Der ausgezeichnete Erhaltungszustand ermöglicht es modernen Betrachtenden, die genaue Aufmerksamkeit für Details in der mittelalterlichen Buchproduktion zu würdigen. Sie reichte von der Vorbereitung des Pergaments bis zu den abschließenden dekorativen Elementen.
Beachtenswert ist der auffällige Kontrast zwischen der kräftigen, eckigen gotischen Schrift und der präzisen quadratischen Musiknotation auf roten Notenlinien. Die sorgfältige Integration von Text und Musik, kombiniert mit dekorativen Initialen in Rot und Blau mit zarten Federverzierungen (Fleuronné), demonstriert das hohe handwerkliche Niveau, das in mitteleuropäischen Klosterskriptorien vom späten 14. bis ins frühe 15. Jahrhundert erreicht wurde.
Das Fragment enthält Texte für das Stundengebet (Officium Divinum), und zwar diejenigen, die für die Apostelfeste verwendet wurden. “Exsultet caelum laudibus” ist ein sechsstrophiger ambrosianischer Hymnus, der traditionell bei der Vesper und Laudes während der Feste der Apostel und Evangelisten gesungen wurde, einschließlich großer Feiern wie der der Heiligen Petrus und Paulus (29. Juni), des Heiligen Andreas (30. November) und des Heiligen Jakobus (25. Juli). Die Antiphon “Te apostoloe…” fungiert als Prozessions- oder Responsoriumsgesang im gleichen liturgischen Kontext.
Diese Texte ordnen das Fragment in das Commune Apostolorum ein, was darauf hinweist, dass es während mehrerer Festtage im Laufe des liturgischen Jahres verwendet wurde, anstatt für eine einzige spezifische Feier. Die Kombination legt nahe, dass dieses Blatt aus einem umfassenden Antiphonar oder Stundenbuch stammte, das einer Religionsgemeinschaft diente, die den vollständigen Zyklus der Stundengebete aufrechterhielt.
Die Datierung stützt sich auf mehrere Indikatoren. Die Schrift repräsentiert eine reife gotische Textualis/Semitextualis Libraria und zeigt Merkmale, die die Produktion nach 1350 einordnen lassen. Diese Periode entspricht dem Höhepunkt der gotischen Buchproduktion in Mitteleuropa, als religiöse Institutionen sowohl die Ressourcen als auch die Expertise besaßen, um großformatige liturgische Bücher zu schaffen.
Oleksandr Okhrimenko
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Oleksandr Okhrimenko, Fragment aus einem Antiphonar oder Breviarium, Österreich, c. 1380–1420, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 58.
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