Fragment: SIH-0037
Mit Fragmenten beklebte Streichholzschachtel, 13. und 16. Jahrhundert
Museum und Stadtarchiv Eschborn, Inventar-Nr. SIH0037
Eine etwa handtellergroße Streichholzschachtel ist außen von allen Seiten mit beschnittenen Fragmenten beklebt. Die Oberseite zeigt einen Ausschnitt aus dem Bibeltext. Beim Öffnen der Schachtel wird ersichtlich, dass auch der Boden mit einem Pergamentfragment beklebt ist. Eine grüne gewebte Borte mit e einem Muster aus Rauten und Blüten akzentuiert die Pergamentstücke an den Kanten der Ansichtsseiten.
Die abgenutzten Reibflächen verweisen auf eine Nutzung der Streichholzschachtel: Da Porträtfotografien den Sammler Hanny Franke oft als Pfeifenraucher zeigen, besteht die Möglichkeit, dass er selbst die Streichholzschachtel mit Fragmenten beklebt hat. Möglicherweise stammt auch die Anordnung, die einen biblischen Text auf die Oberseite der Schachtel platziert, von ihm. Zumindest könnte er die Streichholzschachtel benutzt haben.
Die enthaltenen Fragmente stammen aus zwei verschiedenen mittelalterlichen Büchern. Die Oberseite zeigt ein stark beschnittenes Pergamentstück, dessen Text seitlich unter der Borte verschwindet. Es handelt sich um die gotische Schriftart der Textualis, Rubrizierungen markieren die Versanfänge. Das lateinische Schriftstück stammt aus dem 13. Jahrhundert und zeigt einen Auszug aus dem Lukasevangelium. Es ist der Teil der Passionsgeschichte, in der Jesus sich vor Pilatus verteidigen muss (Lk 23, 2–5). Der einspaltige Text besteht aus elf Zeilen. Sehr wahrscheinlich war das Fragment Teil einer zweispaltigen Seite aus einer Taschenbibel (Light 1994, S. 159). An den langen Außenseiten der Schachtel befinden sich die Reibflächen zum Zünden der Streichhölzer, die Gebrauchsspuren aufweisen. Die kurzen Seiten zeigen Pergamentstücke mit zweizeiligen Texten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit aus derselben Bibel stammen wie der Text auf der Oberseite der Schachtel. Der Text ist sehr stark beschädigt, wodurch eine genauere Identifizierung der Passage nicht möglich ist.
Das Pergament auf der Unterseite stammt ursprünglich aus einem Chorbuch. Es sind rote Notenlinien und eine Note zu erkennen. Unter den Linien ist noch etwas Schrift sichtbar. Dieses Pergamentstück ist jünger als die Bibelausschnitte und kann durch die Schriftart der humanistischen Minuskel auf das 16. Jahrhundert datiert werden. Gleiches gilt für den inneren Schachtelboden, der nur sichtbar wird, wenn die Streichholzschachtel geöffnet wird. Hier wurde ein Pergamentstück aufgeklebt, das aus demselben Chorbuch stammt wie das auf der Unterseite der Schachtel. Die beiden Fragmente des Chorbuchs liegen in der geschlossenen Schachtel übereinander, wodurch ihr Zusammenhang verdeutlicht wird.
Jennifer Heinze
Bitte zitieren nach der Druckfassung, Jennifer Heinze, Mit Fragmenten beklebte Streichholzschachtel, 13. und 16. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 14.
Zu den Literaturnachweisen
[Bei anderen Detailseiten müsste entweder oben oder unten noch die Rückseite sichtbar gemacht werden, oder ein ‚Umblättern‘- Button].
