Fragment: SIH-0038
Gerahmtes Blatt mit Abbildung der „Sieben Schmerzen Mariens“, c. 16. Jahrhundert
Holzrahmen mit Papier
Außenmaße des Rahmens: 20,7 x 18 x 1,8 cm
Bei dem Objekt handelt es sich um das Fragment eines Blattes, das in einen Holzrahmen gesetzt wurde. Die Vorderseite des Rahmens ist dunkelblau bemalt mit golden beschichteten, konvex herausgearbeiteten Verzierungselemente und Umrandungen. Vergoldung und Farbe erscheinen durch eine dunkle Patina künstlich älter. Die verzierte Ansichtsseite des Rahmens fasst eine Darstellung der thronenden Mutter Gottes ein.
Die unbearbeitete Rahmen-Rückseite gibt den Blick frei auf die beschriebene Verso-Seite des Blattes. In der rechten, unteren Ecke des Folios findet sich knapp über der graphischen Bordüre ein Vermerk mit Bleistift: „G2141“. Auf dem hölzernen Rahmen notierte Hanny Franke außerdem mit schwarzer Schrift seinen Namen, Adresse und seinen Sammlerstempel (respektive unten, rechts und oben). An der oberen Rahmenkante ist mit zwei kleinen Schrauben ein messingfarbener Aufhänger angebracht. Durch den Rahmen ist auf der Recto-Seite die Mariendarstellung vollständig zu sehen, während auf der anderen Seite Teile des Textes und der graphischen Elemente abgeschnitten beziehungsweise verdeckt werden. Bei dem Papier handelt es sich wohl um Büttenpapier. Während die Recto-Seite des Fragments bis auf ein paar dunkle Verfärbungen in den Ecken und leicht verblasste Farben relativ gut erhalten ist, zeigt die Rückseite einige Beschädigungen. Entlang der Kanten ist das Folio dunkel verfärbt und weist einige braune Flecken und Verschmutzungen auf. An der linken und oberen Kante sind noch Klebestreifen zur Fixierung im Rahmen zu erkennen. Mittig im oberen Teil der Seite scheint eine Klebung abgerissen worden zu sein, da hier die Papierstruktur aufgeraut ist und dunkelbraune Flecken das Schriftbild teilweise unleserlich machen.
Die Vorderseite präsentiert eine Farbzeichnung der Gottesmutter, die in einem rosaroten Kleid und in einen weißen Schleier und blauen Umhang gehüllt auf einem goldenen Thron sitzt. Sie hält die Hände überkreuzt vor dem Oberkörper, während sieben Schwerter symmetrisch auf ihre rechte Brust gerichtet sind. Ihr Kopf und Blick sind gesenkt und auf die sich treffenden Schwertspitzen gerichtet. Ihr laufen Tränen über die Wangen. Vor dem schwarzen Hintergrund zeichnet sich ihr heller Nimbus mit goldenen Strahlen ab. Marias Thron steht unter einem architektonischen Bogen, der sich aus zwei roten Säulen bildet. Fuß und Kapitell der Säulen sind golden gehalten. Eingerahmt wird die Zeichnung durch ein lindgrünfarbenes Band.
Die hier zu sehende Mariendarstellung entspricht der Ikonographie der Sieben Schmerzen Mariens, zugehörig der Darstellungsgruppe der Mater Dolorosa oder Schmerzensmutter. Die Sieben Schmerzen Mariens dokumentieren die Leidensgeschichte Marias parallel zum Leben und der Passion ihres Sohnes bis zu dessen Grablegung. Liturgische Bezüge zu den Sieben Schmerzen Mariens existierten zwar seit dem 12. Jahrhundert, erlangten jedoch durch die Sieben-Schmerzen-Andacht in der Frühen Neuzeit ihren Höhepunkt. Die künstlerische Darstellungsweise als Einzelfigur, deren Herz mit sieben schmerzenden Schwertern durchbohrt ist, fand vor allem im 16. Jahrhundert als Gnadenbild seine volle Entfaltung. Dies kann ein Hinweis auf die Entstehungszeit des Fragments sein (Schmidt 1995, 199–200, 212-215; Lechner 1997, 109–172; Kolb 1997, 449–482).
Der handschriftliche Text auf der Rückseite ist einspaltig linksbündig in drei Absätzen angeordnet, zwischen denen mittig Überschriften gesetzt sind. Der Fließtext ist mit dunkler Tinte geschrieben, während die Überschriften und Lombarden in roter Tinte und vergrößertem Schriftbild ausgeführt sind. Außerdem wurden die jeweils letzten Worte eines Absatzes graphisch ausgestaltet. Am unteren Ende des Textblocks ist ein horizontales, symmetrisches Graphikband in Form einer floralen Girlande in bunter Tinte zu sehen. Während die Linien der Zeichnung auf der Vorderseite sehr gerade gezogen worden sind, wurde die Handschrift auf der Verso-Seite nicht vorher liniiert, wodurch die Zeilen rechts leicht nach oben ansteigen. Die Handschrift weist große Ähnlichkeiten zum Schriftbild der Humanistischen Kursive auf (Wardrop 1963, 38–48; Fairbank/Wolpe 1960, 21–8, 36–42). Dies und die Popularität des Bildmotivs deuten auf eine Entstehung des Fragments im 16. Jahrhundert, möglicherweise um 1520–1550 in Italien.
Im ersten sichtbaren Textabsatz werden zwei Psalmen (Ps 79, 20 und Ps 101,2 nach Vulgata) zitiert. Der zweite Absatz verweist auf ein Gebet zum Thema des Veronika-Schleiers (sudarium). Das ursprünglich im 13. Jahrhundert von Papst Innozenz III († 1216) verfasste Gebet findet sich in einer relativ ähnlichen Form im sogenannte Burnet-Psalter aus dem 15. Jahrhundert (Aberdeen University Library, MS 25).
Für Hanny Franke war das Fragment offensichtlich von Bedeutung, da es sich bei diesem um eins der wenigen handelt, die er einrahmen ließ. Eventuell stammte das Werk auch aus Frankes Sammlung von Gnaden- bzw. Glaubensbildern. Der Aufhänger an der Rückseite des Objekts weist auf eine tatsächliche Hängung hin, vielleicht sogar in der Wohnung des Sammlers. Franke war dieses Objekt wichtig, ob aus künstlerisch-ästhetischen oder spirituellen Gründen oder beidem.
Lola von Bertrab
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Lola von Bertrab, Gerahmtes Blatt mit Abbildung der „Sieben Schmerzen Mariens“, c. 16. Jahrhundert, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 12.
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