Fragment: SIH-0039
Stundenbuch, Frankreich, spätes 14. Jahrhundert
Pergament, jüngerer Ledereinband
172 fol., 10 x 7,5 cm
Das Objekt ist ein fast vollständig erhaltenes mittelalterliches Stundenbuch aus Pergament mit insgesamt 21 Lagen. Die Vorsatzblätter vorne und hinten sind aus Papier. Der gut erhaltene, wohl spätere hellbeige Ledereinband auf Holz hat die Maße 10,5 x 8,3 x 3,3 cm. Auf dem Einbandrücken finden sich oben Reste einer rotgerahmten Beschriftung „Horae“. Das Buch wurde vom Sammler auf dem Anpappblatt des vorderen Vorsatzes mit der Besitzerangabe „H. Franke“ bezeichnet und auf dem vorderen fliegenden Blatt mit seinem (verschlungenen) Monogramm „HF“ gestempelt.
Der Erhaltungszustand der Blätter ist gebrauchsbedingt stark beeinträchtigt. Die Seiten sind oft schmutzig und von Wasserschäden gezeichnet, das Schriftbild ist teilweise beeinträchtigt. Die Bindung ist in Teilen aufgebrochen. An den Außenkanten der Seiten finden sich durchgehend mittig Nadellöcher. Das vordere Einzelblatt des äußersten Doppelblatts der ersten Lage, das den Januar des Kalendariums enthielt, fehlt. Deshalb beginnt das Buch nun mit dem Februarblatt des Kalenders. An dieser Stelle setzt auch eine Foliierung ein, die in Blei rechts unten die Recto-Seiten foliiert. Das ursprünglich äußerste Doppelblatt mit dem Dezember wurde als Folio 10 zwischen die hinteren Einzelblätter des zweiten und dritten Doppelblatts eingebunden.
Das vordere fliegende Blatt ist vorderseitig von fremder Hand bezeichnet „Stundenbuch der Soror Françoise Delpech um 1370 / 172 fol. / 10 Kapitelblätter“. Jeweils auf dem oberen Seitenrand von fol. 1r und fol. 56r findet sich in mittelbrauner Tinte der Namensvermerk „seur françoise delpech“ in einer flüssigen, rechtsschrägen Gebrauchsschrift in Minuskeln. Das Buch gehörte offenbar einer so benannten Ordensschwester. Daran ist interessant, dass die Bezeichnung als seur nicht dem französischen Sprachgebrauch für eine Nonne (sœur) entspricht. Allerdings wird das Wort seur im Bretonischen benutzt.
Das Format des Buches ist auffällig klein und weist auf einen Gebrauch als mitgeführtes persönliches Gebetbuch hin. Die Aufmachung ist typisch für ein Stundenbuch. Allerdings verfügt das Objekt über keine Bildinitialen oder Miniaturen. Es verweigert sich damit der teils opulenten Ausschmückung, die Stundenbücher des Spätmittelalters teils zu modischen Accessoires und Statussymbolen werden ließ. Insbesondere das feine gold-blaue Rankenwerk der Seiten, auf den die einzelnen Ämter beginnen, strahlt in seiner zurückhaltenden künstlerischen Gestaltung eher eine Schlichtheit und vornehme Eleganz aus, die sich ganz auf das Gebet konzentriert.
Formal ähnliches Rankenwerk findet sich in den Handschriften Uppsala, UUB, Ms. 517e (Ravenelle-Stundenbuch: Lindquist Sandgren 2002, 25) sowie Frankfurt, UB, Ms. Lat. Oct. 129. Beides sind Stundenbücher nach dem Gebrauch von Paris. Die verwendete Schrift Textualis semiquadrata war vom späten 13. Jahrhundert an eine im nördlichen Westeuropa, insbesondere Nordfrankreich und Flandern, weitverbreitete Schrift (Derolez, 2003, 86). Die von unbekannter Hand vorgenommene Datierung des Stundenbuchs auf c. 1370 ist also nicht unplausibel. Auch die Lokalisierung nach Frankreich ist sehr wahrscheinlich.
Der Schriftspiegel ist 6,1 x 4,2 cm, einspaltig zu vierzehn Zeilen. Der Text ist lateinisch. Die Schrift ist in dunkelbrauner Tinte mit Rubrizierungen ausgeführt. Der Aufbau des Stundenbuchs folgt dem üblichen Standard. Es beginnt mit dem Kalendarium für die zwölf Kalendermonate, die jeweils mit einer Zierinitiale „KL“ für Kalendae in Blau und Gold beginnen und teilweise rubriziert sind. Dann folgen zehn Kapitel mit den einzelnen Ämtern, beginnend mit dem Marienoffizium. Jedes Kapitel fängt mit einer Zierinitiale an, die beim ersten Kapitel über fünf, bei den folgenden Kapitel jeweils über vier Zeilen reicht. Auf goldenem Grund ist der betreffende Buchstabe jeweils in Blau ausgeführt, sein Inneres als blau-weißes Fleuronné mit schwarzen Konturlinien. Von den Initialen gehen Ranken aus, die sich in eine Randleistenbordüre an der linken Seite des Schriftblocks entwickeln, beim ersten Offizium als Vollbordüre, während das Rankenwerk sonst aufgelockert bleibt. Das gold-blau-weiß-schwarz ausgeführte Rankenwerk bleibt rein vegetabilisch, als Dornblattranke. Weitere Schmuckelemente im Text sind gold-blaue Zier-Lombarden, wenige Streifenfriese aus Buchstaben, die ornamentale Füllung sonst leer gebliebener Zeilen, Variierung in der Größe der Schrift, und gelegentlich auslaufende Schäfte bei Buchstaben in der ersten bzw. letzten Zeile einer Seite.
Der Einband ist mit einer Blindpressung versehen, geometrisch mit ornamentalen, aber auch figürlichen Füllungen sowie winzigen Rechtecken mit unleserlichen Buchstabenfüllungen. Leider ist seine Provenienz unbekannt, ebenso wie das Buch in die Sammlung Hanny Frankes kam.
Andreas Fabritius
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Andreas Fabritius, Stundenbuch, Frankreich, spätes 14. Jahrhundert Pergament, 172 fol., 10 x 7,5 cm, jüngerer Ledereinband, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 16.
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