Fragment: SIH-0040
Fragment eines Frühdrucks mit theologischem Inhalt (Augustinus), Lyon, 1497
Papier, unregelmäßig beschnittenes Einzelblatt
14,6 × 20 cm
Sammlerbeschriftung auf dem alten Passepartout: „Mainz Schöfferdruck 15. Jahrh. mit Randmalerei“
Dieses Fragment aus dem späten 15. Jahrhundert dokumentiert eindrucksvoll die Übergangszeit zwischen der mittelalterlichen Handschriftenkultur und der neu aufkommenden Kunst des Buchdrucks. Erhalten ist die untere Hälfte einer beidseitig bedruckten Papierseite, die sich sowohl in typografischer als auch künstlerischer Hinsicht auszeichnet.
Der Text ist in Textura Quadrata gedruckt – einer hochformalisierten gotischen Schrift mit parallelen Schaftlinien, dichter Buchstabenstellung und deutlich abgegrenzten Zeichen ohne Ligaturen. Diese Schriftart war besonders in theologischen und akademischen Texten gebräuchlich. Die lateinische Sprache, in der der Text verfasst ist, war die lingua franca des mittelalterlichen Bildungswesens.
Der Text lässt sich als Werk des Kirchenvaters Augustinus von Hippo († 430) identifizieren und betrifft Fragen zum Buch Genesis (Quaestiones in Genesim). Die fragmentarisch erhaltene Passage beginnt mit der Rubrik Questio I. ex Genesi – ein Hinweis auf eine theologische Disputationsfrage. Der Gebrauch dürfte einem gelehrten Kontext zuzuordnen sein (Spade 2004, S. 78).
Besonders bemerkenswert ist jedoch die künstlerische Ausstattung: Farbig hervorgehobene Initialen und fein ausgeführte Rankenornamente säumen den Text. Die spiralförmigen, mit Goldpunkten durchsetzten floralen Motive stammen aus der spätgotischen Tradition, zeigen aber auch Einflüsse der Frührenaissance – etwa in der plastischen Modellierung von Blättern und Blüten (Jakobi-Mirwald 2014, S. 77). Trotz der natürlichen Formen ist die Farbgebung bewusst verfremdet: blaue Blüten oder rote Blätter sprechen eine symbolische Bildsprache, die im religiösen Kontext emotionale und geistige Dimensionen eröffnete (De Hamel 1994 S.198).
Die Kombination von Druck und Handmalerei war in der Frühzeit des Buchdrucks weit verbreitet (Wagner 2009, S. 35–46; Schmitz 1980, S.67–92). Zwar wurden die Texte mechanisch vervielfältigt, doch übernahmen Künstler weiterhin die Aufgabe, Buchseiten individuell zu verzieren – eine Praxis, die den Wert und die Ästhetik des einzelnen Exemplars erhöhte.
Ein handschriftlicher Vermerk auf dem Passepartout nennt die Mainzer Werkstatt von Peter Schöffer als möglichen Ursprungsort. Peter Schöffer (ca. 1425–†1503) war ein Mainzer Buchdrucker, ehemaliger Mitarbeiter Gutenbergs und bedeutender Verleger der Inkunabelzeit, der maßgeblich zur Verbreitung und künstlerischen Weiterentwicklung des frühen Buchdrucks beitrug. In seiner Werkstatt entstanden einige der bedeutendsten Frühdrucke, darunter der prachtvoll ausgestattete Mainzer Psalter von 1457 (Reske 2008, S. 30–38). Eine Recherche ordnet das Fragment allerdings einer anderen Druckwerkstatt zu, der des Jean (eigentlich: Johannes) Trechsel in Lyon (GW 02915). Doch könnte theoretisch die Illumination von Schöffer stammen. Er war einer der ersten Drucker, die Rubrizierung und Buchmalerei gezielt mit dem neuen Medium kombinierten.
Das Fragment ist nicht nur ein Zeugnis theologischer Gelehrsamkeit, sondern auch ein Spiegel der mediengeschichtlichen Umbruchszeit um 1500. Es dokumentiert typische Kennzeichen der Inkunabelzeit, also der Zeit des Frühdrucks (c. 1450–1500). Die technische Reproduzierbarkeit des Textes trifft aber auf individuelle künstlerische Ausgestaltung. Das Fragment vereint Technik, Schriftkultur und künstlerische Raffinesse auf engstem Raum und erinnert daran, dass der Weg vom Manuskript zum gedruckten Buch ein fließender Prozess war, getragen von Handwerk, Wissen und ästhetischem Anspruch.
Qi Zhu
Bitte zitieren nach Druckfassung: Qi Zhu, Fragment eines Frühdrucks mit theologischem Inhalt (Augustinus), Lyon, 1497, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 47.
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