Fragment: SIH-0041
Fragment aus der Neunten deutschen Bibel, Nürnberg, 1483
Papier, beschnittenes Doppelblatt
36 × 26 cm
Sammlerbeischrift auf der Recto-Seite unten: „9. deutsche Bibel Koberger Nürnberg 1493“
Das vorliegende Fragment stammt aus einem Druck der Neunten Deutschen Bibel, also einer der insgesamt achtzehn vorlutherischen Bibeln in deutscher Sprache. Gedruckt wurde sie im Jahr 1483 vom Nürnberger Drucker Anton Koberger (Eichenberger 1977, S. 911).
Das Blatt aus Büttenpapier zeigt zwei aufeinanderfolgende Seiten aus dem Alten Testament. Konkret handelt es sich um das Ende der 1. Chronik und den Beginn der 2. Chronik (Paralipomenon). Der Erhaltungszustand ist insgesamt sehr gut, mit leichten Gebrauchsspuren. Allerdings scheint das Fragment am oberen Rand und an den Seiten beschnitten worden zu sein.
Der Sammler Hanny Franke wies dem Blatt Vorder- und Rückseite zu. Die Reihenfolge war jedoch eigentlich umgekehrt: Das aktuell als Verso-Seite bezeichnete Blatt beginnt mit dem ersten Kapitel (2. Chr 1), die Recto-Seite führt den Text fort bis zum Anfang des 29. Kapitels (2 Chr 29,1). Franke achtete höchstwahrscheinlich weniger auf den Inhalt des Textes als vielmehr auf die reich verzierte Initiale, die er präsentieren wollte.
Der Text ist in zweispaltiger gotischer Type mit etwa 50 Zeilen pro Seite gesetzt und weist auf der Verso-Seite eine römische Blattnummerierung auf. Zum Einsatz kommt die Neue Bastarda-Schrift, während die Kapitelüberschriften in einer größeren Rotunda gestaltet sind. Der Text ist rubriziert, wobei rote oder blaue Lombarden zur Hervorhebung verwendet wurden. Besonders kunstvoll zeigt sich die Illumination: Eine sorgfältig ausgeführte Initiale „D“ auf der Vorderseite präsentiert sich als blauer Buchstabe auf goldenem Grund, eingefasst von einem roten Rahmen. Das Innere der Initiale ist lachsfarben gestaltet und mit gelben Sternen sowie floralen Ornamenten versehen. Geschwungene Verlängerungen der Linien ziehen sich dekorativ über die Zeilen hinweg. Inhaltlich thematisieren die beiden Seiten das Vermächtnis des Königs David, der sein Erbe an seinen Sohn Salomo abtritt, sowie zentrale Etappen der Regierungszeit König Salomos, die kultische Opferhandlung, Salomos Weisheit sowie die Vorbereitungen zum Bau des Tempels.
Anton Koberger zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten des frühen Buchdrucks. Der Historiker Johann Ferdinand Roth (1748-1814) nannte ihn gar „den größten Buchdrucker“ und den „größten Buchhändler“ seiner Zeit, der in seiner Nürnberger Werkstatt täglich bis zu 24 Pressen laufen lassen und über 100 Personen – von Illuminatoren bis zu Korrektoren – beschäftigt habe (Roth 1801, S. 32–34). Zwischen 1476 und 1500 brachte er mehr als 200 Werke heraus, darunter zahlreiche Bibelausgaben. Der hier vorliegende Druck bietet als frühe volkssprachliche Bibelübersetzung vor der Reformation ein beeindruckendes Zeugnis der wachsenden Rezeption heiliger Schriften außerhalb der traditionellen lateinischsprachigen Gelehrtenwelt.
Die Sammlernotiz Frankes „9. deutsche Bibel“ verweist offenbar auf die historiographische Einordnung deutscher Bibelausgaben vor Luther. Die fälschliche Datierung auf das Jahr 1493 legt nahe, dass der Sammler das Fragment eventuell mit einem anderen Werk verwechselt hat. Das Fragment ist ein anschauliches Beispiel für die Frühphase des Buchdrucks im deutschsprachigen Raum und ein bemerkenswertes Zeugnis spätmittelalterlicher Buchkunst. Es vereint typografische Sorgfalt, theologische Bedeutung und gestalterische Eleganz. Als Teil einer volkssprachlichen Bibelausgabe macht es die religiöse Kultur des späten 15. Jahrhunderts greifbar und beleuchtet zugleich die mediengeschichtliche Entwicklung von der Handschrift zum gedruckten Buch.
Elena Radosavljevic
Bitte zitieren nach der Druckfassung: Elena Radosavljevic, Fragment aus der Neunten deutschen Bibel, Nürnberg, 1483, in: Kristin Böse und Sita Steckel (Hg.), Tinte und Gold. Fragmente mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung von Hanny Franke, Eschborner Museumsschriften 10, Eschborn 2025, S. 48.
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